Sogar der Kaiser war eifersüchtig

21.09.2011
Erich Ludendorff war eine der Schlüsselfiguren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Als gefeierter Generalissimus des Ersten Weltkriegs und Erfinder des »totalen Kriegs«, als Ikone der völkischen Bewegung und ideologischer Wegbereiter des Nationalsozialismus. Manfred Nebelin nähert sich ihm biografisch an.
Manfred Nebelins Ludendorff-Biografie ist ein Bruchstück: Sie endet 1918 mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Gestorben ist der 1865 geborene, von Nebelin als "Diktator des Ersten Weltkriegs" apostrophierte mächtigste Kriegsherr der Deutschen im Jahr 1937. Mit wahnwitzigen Durchhalteparolen hatte er bis zum Ende sich und Deutschland vorgegaukelt, der Sieg sei zum Greifen nahe.

Durch eine fast übergroße Fülle von Details, auch im Rückgriff auf die erstmals zugänglichen Briefe Ludendorffs an seine Familie, nähert sich Nebelin auf mehr als 500 Seiten Text Ludendorff in einer Weise an, dass es dem Leser beinahe unheimlich werden kann. Von fixen Ideen getrieben arbeitet dieser Kriegsheld wie ein sinnlos programmierter Automat und zieht fast alle, die es mit ihm zu tun haben, in seinen Bann. Im Tandem mit Hindenburg fasziniert und galvanisiert er die deutschen Eliten und die Massen mit seiner Vision vom gewinnbaren Krieg gegen "den Rest der Welt".

Wichtig für das Verständnis Ludendorffs ist die Kenntnis des Junkermilieus, in das er hineingeboren wurde. Durch Nebelins Familienporträt der Ludendorffs zu Beginn seiner Biografie wird nachvollziehbar, wie der außergewöhnlich willensstarke und selbstdisziplinierte junge Ludendorff durch das preußische System geprägt wurde.

Nach seinem Abschluss der Kadettenanstalt erklomm der seine Vorgesetzten durch überdurchschnittliche Leistungen beeindruckende junge Offizier schnell die Sprossen der Militärkarriere und avancierte kurz nach seiner Generalsstabsausbildung zum "Gehilfen" des Generalstabschefs. Allem Nichtmilitärischen gegenüber völlig blind, so Max Weber, der ihn als genialen Strategen bewunderte, profilierte sich Ludendorff in den Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs als derjenige, der das Kaiserreich unermüdlich auf den aus seiner Sicht unvermeidlichen Großen Krieg einnordete und jeden vergraulte, der seine Meinung nicht teilte.

Als der von ihm so heiß herbeigesehnte Krieg im August 1914 "endlich" losbrach und die Invasion des neutralen Belgien ins Stocken zu geraten schien, schlug die Stunde seiner Bewährung: Mit eisernem Willen und Todesverachtung spornte er in Lüttich seine Soldaten an und nahm im Handstreich die Stadt, wobei er kaltblütig Zivilisten ermorden ließ.

Das Tor zu Frankreich, das es seit dem geheim gehaltenen Schlieffenplan von 1905 für den Überraschungssieg über den "Erbfeind" zu überwinden galt, hatte er aufgestoßen und mit einem Schlag war er jetzt der "Retter des Vaterlands".

Die Schlacht von Tannenberg - Ende August 1914 - , in der das zahlenmäßig weit unterlegene deutsche Heer die Truppen des Zaren vernichtend schlug, war eigentlich sein Werk, aber aus Gründen des in Preußen befolgten "Anciennitätsprinzips" wurde der ältere Hindenburg offiziell als der geniale Retter Deutschlands gefeiert, wobei jeder wusste, dass Ludendorff die strategische Regie geführt hatte. Mit dem Nimbus des unbesiegbaren Feldherrn beanspruchte Ludendorff ab jetzt alle, auch die politische, Macht für sich und war de facto, so Nebelin, "der Diktator", dem sich auch der auf ihn eifersüchtige Kaiser zu fügen hatte.

Ludendorffs Kriegsziele sprechen für sich: In ganz Europa sollte Deutschland die erste Geige spielen, die Krim zur Deutschen Riviera werden, über den Kaukasus hinaus sollten Einfluss und Ressourcen gesichert werden. Die holländischen Kolonien, der belgische Kongo samt Zugang zum Indischen Ozean standen - nicht nur aus Ludendorffs Sicht -Deutschland zu. Der Tunnelblick, mit dem Ludendorff zusammen mit Hindenburg die Welt sah, disqualifizierte ihn als Militärstrategen.

Nebelin schreibt, wie Ludendorff darauf aufmerksam gemacht wurde, dass der uneingeschränkte U-Boot Krieg die USA auf die Seite von Deutschlands Gegners zwinge - und dies mit dem Satz kontert: "Auf Amerika pfeife ich." Erneut gewarnt behauptete er, die Amerikaner könnten Europa nicht vor Deutschlands triumphalem Endsieg erreichen. Der Krieg mutierte von 1914 bis 1918 in Ludendorffs Vorstellung immer mehr zum Selbstzweck.

Im Herbst 1918, als Deutschlands Niederlage unausweichlich wurde, zeigt Ludendorff diabolisches Geschick als politischer Stratege: Er schiebt die Niederlage den demokratischen Parteien des Reichstages in die Schuhe und überlässt ihren Politikern die Schmach, den Waffenstillstand zu unterzeichnen. So bereitet er psychologisch den Boden für die Dolchstoßlegende, die öffentlichkeitswirksam die Verantwortung für Krieg und Niederlage pervertiert.

Bei der Beurteilung Ludendorffs nimmt Nebelin allerdings häufig eine militärische Perspektive ein und läuft immer wieder Gefahr, wie ein Hofberichterstatter Etappensiege seines "Helden" kritiklos zu loben ob ihrer "militärfachlichen" Brillanz. Natürlich weiß Nebelin, wohin Ludendorff Deutschland und seine Verbündeten getrieben hat, trotzdem vermisst man immer wieder die gebotene Distanz zu seinem "Helden", der sich nach der Kapitulation aus der Verantwortung stahl und nach Schweden flüchtete, also desertierte.

Trotz der militärischen Anfangserfolge, die Nebelin vom "militärfachlichen" Standpunkt aus bewundert, endete Ludendorffs Vision vom spektakulären Endsieg schließlich in der Kapitulation und dem Ruin des Kaiserreichs. Doch danach spielt Ludendorff noch eine politisch höchst zweifelhafte Rolle in der Weimarer Republik - unter anderem beim Hitler-Putsch 1923. Doch leider reicht Nebelins Habilitationsschrift nicht bis in diese Zeit.

Besprochen von Hans-Jörg Modlmayr

Manfred Nebelin: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg
Siedler Verlag, München 2011
752 Seiten, 39,99 Euro

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