Geschlechterbilder in Sozialen Medien

Der Algorithmus ist reaktionär

04:53 Minuten
Jugendliche sitzen beisammen und schauen in ihre Smartphones
Jugendliche schauen nicht in die Zeitung, sondern scrollen durch Social Media - wo sie verstärkt alte Geschlechterklischees serviert bekommen. © picture alliance / Monkey Business
Überlegungen von Harald Welzer |
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Was Jugendliche in den Sozialen Medien sehen, entscheiden Algorithmen – und die sortieren ihre Angebote nach Geschlecht. So entstehen getrennte Welten mit alten Klischeebildern über Frauen und Männer.
Im „Deutschen Schulportal“ schreibt die fünfzehnjährige Amaya Z., dass Feminismus in der Schule so gut wie nicht vorkommt. Dabei macht sie eine Beobachtung, die bisher wohl kaum jemand gemacht hat:

Das ist gerade jetzt wichtig, weil viele Jugendliche sich über Social Media informieren, wo Inhalte häufig verkürzt oder verzerrt dargestellt werden. Dabei haben Mädchen und Jungs wohl oft sehr unterschiedliche Algorithmen.

Während viele Mädchen erfahrungsgemäß überwiegend weiblichen Creatorn folgen, die über Feminismus und Gleichberechtigung sprechen, sehen viele Jungs wahrscheinlich kaum Inhalte dieser Debatte, und wenn, dann meist von männlichen Creatorn. So bewegen sich Jungs und Mädchen in ganz unterschiedlichen Welten.

Geschlechtsspezifische Angebote im Social Media Feed

Damit trifft Amaya einen Punkt, der in den Debatten über Social Media, K. I. und die Internetwirtschaft unterbelichtet ist: Die Algorithmen erzeugen geschlechtsspezifische Angebote, verstärken alte Rollenbilder und sortieren junge Frauen und Männern in völlig unterschiedliche Welten.
Die Fünfzehnjährige ist damit der netzpolitischen wie der feministischen Szene weit voraus. Denn was der Feminismus seit Jahrzehnten mühsam aufzulösen versucht, wird jetzt von Kindesbeinen an wieder eingeübt. Täglich. Beim endlosen Scrollen.
Beunruhigend ist das vor allem im Zusammenhang mit den perfiden Strategien, die Nutzerinnen und Nutzer so lange wie möglich auf den Plattformen halten sollen, säuberlich nach Jungs und Mädchen getrennt.
Kaum jemand spricht darüber, dass die Welt dieser Plattformen eine Männerwelt ist. An der Spitze der Konzerne, die unsere Aufmerksamkeit organisieren – Meta, Google, Open AI und so weiter –, steht keine einzige Frau. Entscheidend ist aber nicht, wer oben sitzt. Entscheidend ist, dass Algorithmen festlegen, was ein gutes Video ist. Und diese Festlegung lautet: eines, das lange angesehen wird.

Tradwives und Manosphere: Alte Rollenbilder, neu belebt

Kein Wunder, dass sich alte Rollenmuster in den ungefilterten Feeds stärker reproduzieren als in redaktionell betreuten Medien. In einer Zeitung entscheiden Menschen, was wichtig ist – und müssen dafür geradestehen. Im Feed entscheiden Algorithmen. Und junge Menschen holen sich ihre Informationen zuerst bei TikTok und Co., nicht bei der Tagesschau.
Von hier aus versteht man die Renaissance von Rollenbildern, die längst erledigt schienen: „Tradwives“, die das Leben als Hausfrau und Mutter zum Ideal erklären, und die „Manosphere“, die Gleichberechtigung als Niederlage der Männer beklagt. Diese antimodernen Bewegungen sind keine Frage der Inhalte, sondern der Programmierung.
Die berühmte, de facto aber kaum vorhandene „Medienkompetenz“ hilft dagegen nicht. Man kann lernen, ein Video zu hinterfragen. Aber nicht, was man nie zu sehen bekommt. Die entscheidende Leistung des Algorithmus ist das Weglassen – und niemand vermisst, was ihm nie angeboten wurde.

Klischees über Geschlechter und Herkunft

Deshalb ist es kein Zufall, wenn AfD-Politiker verkünden, echte Männer seien rechts, und auch nicht, wenn ausgerechnet Grüne entdecken, zum modernen Mann gehöre neuerdings die Muckibude. Die Politik reagiert auf einen Markt, den sie nicht geschaffen hat. Das System hat bei der Maximierung der Aufmerksamkeit gelernt: Eindeutige Rollen fesseln länger als offene Fragen.
Noch beunruhigender ist die K. I., die systemisch nur aus der Vergangenheit schöpft, mit der sie gefüttert wurde. Dass sie dabei Klischees über Geschlecht, Herkunft und Hautfarbe verstärkt, ist lange bekannt. Neu ist, dass sie uns diese Vergangenheit als freundliche, sachliche Auskunft zurückgibt. Für eine Demokratie, die Menschenrechte und Gleichheit voraussetzt, ist das ein Problem.
Bildung hat deshalb in Demokratien einen so hohen Wert, weil nur sie mündige Menschen mit eigenem Urteil hervorbringt. Was auf den Plattformen geschieht, zerstört genau das. Dort stehen die Weltbilder schon fest, bevor ein Mensch überhaupt über sie nachdenken kann.
Das Netz ist nicht neutral. Es ist reaktionär, nicht aus Inhalten, zu denen man sich verhalten kann, sondern aus Konstruktion des Weltbilds, das serviert wird. Die politischen Folgen sehen wir jeden Tag deutlicher.

Der Soziologe Harald Welzer (* 1958) ist Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg sowie Mitbegründer und Direktor der Stiftung „Futurzwei“. Mit Diana Kinnert sendet er auf PHOENIX den wöchentlichen Podcast „Denken mit Kinnert und Welzer

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