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Länderreport | Beitrag vom 06.03.2020

Slum in Berlin-Lichtenberg Leben zwischen Ratten, Müll und Kot

Von Anja Nehls

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Obdachlosen-Camp Rummelsburger Bucht Berlin (imago images / Olaf Wagner)
Seit Mai 2019 wehren sich Besetzer gegen die Bebauung der Rummelsburger Bucht. (imago images / Olaf Wagner)

Etwa 100 Menschen wohnen im wohl größten Obdachlosencamp am Rummelsburger See in Berlin-Lichtenberg im Elend. Ihre Bedingungen zu verbessern, ist nicht leicht. Ihre Probleme und Ansprüche sind verschieden. Bald soll das Camp geräumt werden.

"Er steht gerade auf ganz viel Scheiße, ich habe einen Stein draufgemacht, aber es ist Fakt, es ist einfach nur Kacke, hier ist alles scheiße…"

Sagt ein Mann mit viel zu dünner Jacke, bevor er sich einen Weg zu seinem Zelt bahnen will. Zum Glück ist es kalt. Da stinken die vielen Kothaufen von Hunden und Menschen nicht ganz so sehr. Frost wäre noch besser. Dann würde der Kot nicht so in den Schuhen kleben. Frost hilft gegen Schlamm, Morast und Gestank. Die Menschen, die hier leben, sehen das anders. 50 Bewohner gibt es zurzeit im Obdachlosencamp einer Brache zwischen Rummelsburger Bucht und Ostkreuz im Berliner Bezirk Lichtenberg. Zum Beispiel Frieda.

"Klopf, klopf, wir sind da, Frieda."

Lutz Müller Bohlen ist Mitarbeiter des Sozialhilfeträgers Karuna und kennt Frieda schon lange. Sie lebt in einem alten zugigen Wohnwagen, zwischen rostigen Bauzäunen, kaputten Schaufensterpuppen, Plastikplanen und Müll, auch jetzt, im Winter:

"Kalt ist es schon, zeitweise ist es hier drinnen kälter als draußen, also wenn ich nicht heize. – Aber jetzt hast Du geheizt? – Jetzt habe ich geheizt. – Womit heizt du? – Mit Gas."

Nachts kommen die Ratten doch

Wenn dann mal Geld für Gas da ist, und das ist selten. Vor dem Wagen liegt ein Haufen leerer Pfandflaschen, die sie irgendwann mal wegbringen will, wenn sie Geld für eine neue Gaskartusche braucht. Innen gibt es Lager aus bunten Decken, ein paar Stapel dreckiger Klamotten, Garn und Nadeln, mit denen Frieda ab und an etwas näht und dann verkauft.

Ein Luxusheim verglichen mit den kaputten Zelten und selbstgezimmerten Verschlägen, in denen Friedas Nachbarn wohnen. Ohne Elektrizität, ohne Wasser und ohne sanitäre Anlagen. Klar, es gibt Lebewesen, die diese Zustände paradiesisch findet, sagt Lutz Müller Bohlen – lachen kann er dabei nicht:

"Ratten sieht man jetzt nicht, die sieht man immer, wenn es dunkel wird. Heerscharen von Ratten, die zum Teil auch in die Unterkünfte kriechen, auch in die Schlafsäcke kriechen und vieles andere mehr."

Frieda hat ihre Lebensmittel deshalb vor ihrem Wohnwagen zwischen zwei verrosteten Tellerabtropfgittern von Ikea rattensicher gelagert. Ein bisschen welkes Gemüse, das ein anderer Bewohner des Camps beim Containern ergattert hat. Die Ratten stören Frieda gar nicht so sehr. Die fehlenden Toiletten schon eher:

"Wir haben drei Varianten, wir haben ein Steinhaus da hinten, das wird als Toilette genutzt, wie so ein Gitter, wo man draufstehen kann. Und die einen machen das halt überall, die anderen nur in dem Haus, die anderen, wie ich anfangs, haben immer Löcher gebuddelt und mittlerweile Plastiktüten und Container. Ich habe diesen Duschzwang ziemlich abgelegt. Nicht dass ich nicht sauber wäre, ich dusche einmal die Woche und sonst gibt es immer noch Waschlappen und feuchte Tücher und da kann man sich ganz gut frisch halten als Frau."

Alternative zum Berliner Wohnungsmarkt

Frieda ist 36 Jahre alt, stammt vom Bodensee, trägt Rastalocken und kam nach Berlin, um Modedesign zu studieren. Das ging schief. Seit einem Jahr wohnt sie nun hier:

"Dadurch dass der Wohnungsmarkt in Berlin sich ja immer ein bisschen krasser entwickelt und man echt schwer noch was findet, was Leistbares, da sind solche Sachen eben jetzt Alternative."

Eine Alternative zwischen unglaublichen Mengen Unrat, zerbrochenen Wodka- und Bierflaschen, Plastikbechern und -tüten, leeren Konservendosen und verrotteter Dachpappe. Niemand will aufräumen, weil alle fürchten, sowieso bald von hier vertrieben zu werden.

Aus einem Verschlag groß wie eine Hundehütte plärrt ein batteriebetriebenes Radio. In einer alten Satellitenschüssel brennt ein Feuer, Rauch zieht über die Bucht, drei junge Männer wärmen sich die Hände. Mehrmals musste bereits die Feuerwehr anrücken. Ein Slum so groß wie ein halbes Fußballfeld mitten in Berlin. Lutz Müller Bohlen zuckt hilflos die Schultern:

"Es erschließt sich natürlich nicht jedem so von vorneherein, es ist Geld da für Alkohol und andere Sachen, die könnten sich auch Wasser kaufen, klar könnten sie das, sie könnten natürlich auch zum Amt gehen und Gelder beantragen und vieles andere mehr, aber offensichtlich funktioniert diese, ich würde fast sagen, spießbürgerliche Logik hier an dieser Stelle nicht."

Ärger gibt es immer

Hier verstecken sich Flüchtlinge mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus, Menschen aus Südosteuropa, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, linke Aktivisten, die die Brache vor dem Zugriff von Investoren schützen wollen, Menschen, die psychisch krank, alkohol- oder drogenabhängig sind oder welche, die aus irgendeinem anderen Grund aus dem System gefallen sind. Wie Krissi. Mit einem Handwagen voller Holz – vielleicht von einer der Baustellen in der Nachbarschaft – steuert sie auf einen Bretterverschlag zu.

Irgendeinen Ärger gibt es hier immer. Deshalb möchte Krissi eigentlich auch hier weg. Sie weiß bloß noch nicht, wie:

"Ich habe durch meine letzte Arbeit, da hat mich mein Boss um 500 Euro, mehr als die Hälfte meines Gehalts, betrogen, hat das an jemand Drittes ausgezahlt. Er hat sich auch daraufhin nicht mehr bei mir gemeldet, ich habe keine Lohnabrechnung bekommen, habe dadurch mein Zuhause verloren, weil ich ja die Miete nicht mehr zahlen konnte."

Verhältnisse im Camp verbessert – mit Folgen

Lutz Müller Bohlen vom Sozialhilfeträger Karuna hilft in der Rummelsburger Bucht, wo er kann  – oder wo es gewünscht wird. Mit heißem Kaffee, manchmal mit einem warmen Schlafsack oder der Vermittlung in das soziale Hilfesystem. So ein bisschen steht er zwischen allen Stühlen. Die Menschen hier sind ein Teil seiner Familie geworden, er fühlt sich verantwortlich für ihr Schicksal. Bezahlt wird er allerdings vom Land Berlin, das das Lager am liebsten wegzaubern würde.

Und da das nicht geht, hat die Verwaltung vorerst vor allem ein Interesse daran, dass sich die Zahl der Bewohner hier nicht wieder verdreifacht. Birgit Monteiro (SPD) ist die Sozialstadträtin des Bezirks Lichtenberg und erzählt, dass genau das passiert ist, als im vergangenen Jahr Geld in die Hand genommen wurde, um die Verhältnisse im Camp ein bisschen zu verbessern:

"Im letzten Winter war es so, dass aus humanitären Gesichtspunkten der Grundstückseigentümer, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, dort Hilfe vor Ort geleistet hat. Also die haben ein Wärmezelt aufgestellt, die haben Ökotoiletten aufgestellt, die haben Holzböden unter die Zelte gelegt und die haben kleine Zäune für die Rattenbekämpfung dort etabliert. Es gab eine sozialarbeiterische Betreuung durch einen Träger. Und eigentlich war besprochen, dass diese Zeit des Winters genutzt werden soll, um die Menschen in die Regelsysteme vermitteln zu können."

Das hat nicht geklappt. Es hat eher dazu geführt, dass das Camp wieder attraktiver wurde und noch mehr Menschen kamen. Deshalb gab es diesen Winter kein Geld für Verbesserungen.

Grundstück verkauft für Touristenattraktion

Birgit Monteiro ist die Sozialstadträtin des Bezirks Lichtenberg. Ihr Büro ist in einem wunderschön sanierten Rathaus-Altbau, weit weg vom Obdachlosencamp an der Rummelsburger Bucht. Die Probleme liegen aber in dicken Akten auf ihrem Tisch. Sie wirkt müde und ein bisschen frustriert, denn die Lage ist verzwickt, erklärt sie.

An der Bucht soll ein ganz neues Stadtquartier entstehen. Ein Teil des landeseigenen Grundstücks wurde bereits an einen Investor verkauft, der dort einen Wasserpark mit Korallengarten und Regenwaldlandschaft als Touristenattraktion bauen möchte. Eine Bürgerinitiative hatte bereits versucht, das zu verhindern. Erfolglos.

Demnächst soll es losgehen. Die Obdachlosen müssen weg. Sie einfach mit Polizeigewalt räumen zu lassen, kommt aber für die linke Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach nicht infrage. Also wurde das Grundstück einfach mitsamt dem Obdachlosencamp verkauft. Für die Bezirksstadträtin Monteiro von der SPD bedeutet das, den Schwarzen Peter einfach an den Investor weiterzuschieben:

"Wir verkaufen das als Land und schaffen Baurecht, wir haben sogar vertraglich aufgefordert, dann und dann mit dem Bau zu beginnen und dann muss er das natürlich irgendwie schaffen. Die Investoren haben auch kein Interesse, da mit Pauken und Trompeten jemanden zu räumen, aber sie sind auch hilflos und da sieht der Staat dann auch vor, dass man Grundstücke räumen lassen kann."

Schandfleck soll verschwinden

Rund um die Rummelsburger Bucht und auf der Halbinsel Stralau sind teure Wohnungen entstanden, das ehemalige Industriegebiet zählt zu den attraktivsten Neubaugebieten der Stadt. Begüterte gucken von ihren Balkonen aus auf den Slum am Rande der Bucht. Auf dem Uferweg, der inzwischen mit einem Metallzaun vom Obdachlosencamp abgegrenzt wurde, spazieren Berliner Pärchen, Eltern mit Kinderwagen, Rentner mit Hunden. Birgit Monteiro kennt deren Klagen. Regelmäßig lässt die lokale Berliner Abendschau die Anwohner zu Wort kommen, für die meisten ist das Camp ein Schandfleck:

"Das ist ja wie eine breitgetretene Müllhalde und ich glaube, im 21. Jahrhundert, in Mitteleuropa, in Deutschland sollten solche Zustände nicht herrschen – weil es stinkt und die werden aufgrund des Alkoholkonsums teilweise auch aggressiv gegenüber den Passanten auch gerade am Abend – ich muss sagen, das ist eine friedliche Koexistenz, sie lassen einen in Ruhe, aber es ist natürlich trotzdem kein schöner Anblick – schlimmer geht’s gar nicht."

Das Camp soll weg und am liebsten sollen die Bewohner freiwillig gehen, um Ärger zu vermeiden. Also soll der Bezirk den Menschen ein Angebot machen, ein möglichst attraktives.

Baracke ist purer Luxus

Ein paar Kilometer weiter südlich. Abends gegen sieben sammeln sich über ein Dutzend Menschen zum Einchecken an einem Tisch im Eingangsraum einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft, einer schmucklosen Baracke zwischen Plattenbauten in Karlshorst. Noni vom sozialen Träger Tamaja kann sich mit vielen hier auf Griechisch verständigen.

Einige, die jetzt hier ein Zimmer beziehen wollen, sind von der Rummelsburger Bucht hierhergezogen und stammen aus Südosteuropa, aus Rumänien oder Bulgarien – wie schätzungsweise zwei Drittel aller Berliner Obdachlosen. Sie kommen im Rahmen der Freizügigkeit nach Deutschland, um zu arbeiten, wurden mit falschen Versprechungen nach Berlin gelockt und scheitern aus den unterschiedlichsten Gründen.

Kaum jemand hat Anspruch auf Sozialleistungen oder eine dauerhafte Unterbringung. Ein Mann scheint betrunken zu sein, eine junge Frau ist hochschwanger. Ein Bändchen am Handgelenk bedeutet, dass sie gestern schon da war, das Zimmer ist somit reserviert.

"Genau, die sind im Zimmer 2.20, schreiben wir das aktuelle Datum, nehmen wir zurück, die alten Bänder."

Die Menschen abholen, wo sie stehen

Im Unterschied zu den 1300 Berliner Notübernachtungsplätzen, meist mit Matratzenlagern, ist die Baracke in Karlshorst purer Luxus. Michael Elias von Tamaja geht durch einen langen kahlen Gang mit weißen Wänden zu den Schlafräumen:

"Im Moment sind es Feldbetten, wir arbeiten daran, dass wir noch Betten herkriegen. Und es sind Zweier-, Vierer-Zimmer und die Zimmergrößen sind zwischen 20 und 35 Quadratmeter."

Es gibt Duschen mit warmem Wasser, Toiletten, Waschmaschinen, eine Kochgelegenheit, heiße Suppe, für tagsüber einen Aufenthaltsraum mit Fernseher und soziale Beratung. Sogar Hunde sind erlaubt. Man müsse die Menschen abholen, wo sie stehen, meint Elias. Er zeigt auf einen Zettel mit einer Hausordnung, den es in mehreren Sprachen gibt:

"Wir erlauben den Konsum von Alkohol, von Bier und Wein, also keine harten Alkoholika, im Aufenthaltsraum. Wir erlauben oder bitten darum, den Drogenkonsum nicht innerhalb der Unterkunft zu machen. Wir haben keine Registrierung, wenn die uns ihren Namen mit Micky Maus angeben, oder sonst was, ist auch egal."

Paradies für alle nicht schaffbar

Trotzdem sind nicht alle zufrieden. Im Aufenthaltsraum ist die Stimmung angespannt. Die Zimmer seien nicht zu verschließen, private Sachen aufzubewahren ein Problem und tagsüber müssten die Schlafräume verlassen werden. Privatsphäre sehe anders aus. Die Rumänen sitzen in der einen Ecke des Aufenthaltsraumes, die Deutschen in der anderen. Melanie ist Mitte 20, so genau weiß sie das nicht, ihre Sprache klingt verwaschen, sie blickt misstrauisch zu den Roma-Frauen:

"Nicht so gut mit den Rumänen von der Rummelsburg und so, weil da gab es auch ein bisschen Stress und so, weil halt, ich hatte Läuse gehabt, Läuse, da gab’s halt so ein bisschen Stress."

Die Läuse zu bekämpfen und den Stress – das ist Aufgabe von Michael Elias und seinen Mitarbeitern. Dass man es nicht allen recht machen kann, dass man mit den vorhandenen Mitteln nicht für alle das Paradies schaffen könne, sei klar – auch weil Paradies für jeden etwas anderes bedeutet, sagt Hans-Joachim Kretschmer, der Jahrzehnte als Sozialarbeiter auf dem Buckel hat.

Lösungen für das individuelle Glück

"Wir haben hier Menschen, die sind schwer krank, wir haben Menschen, die sind eindeutig durch Suchtgeschichte geprägt, wir haben hier Menschen, die durch Lebensschnitte einfach mal das Gleichgewicht verloren haben und ihre Balance nicht wiederfinden und wir haben Menschen, denen die Gesellschaft schon relativ hinten runtergeht. Und es braucht eine Zeit, um dann die Anker oder Haken zu finden, wo sie dann den Einzelnen rausziehen können. Der eine hat zum Beispiel das Ziel, ich möchte endlich wieder in eine Wohnung. Der andere sagt: Ich will nie wieder in eine Wohnung, aber ich möchte akzeptiert werden."

Also seien individuelle Beratungen auf der Suche nach individuellen Lösungen auch der Schlüssel zum individuellen Glück. Michael Elias will sich jeden hier einzeln vornehmen:

"Es geht ganz platt nicht nur darum, das Händchen zu halten, sondern wirklich zu sehen, welche Ansprüche haben die Menschen, welche Möglichkeiten gibt es, sie in Regelsysteme zu führen und dann auch den Beweis anzutreten, dass es sich lohnt, eben nicht nur die Tür morgens auf und abends zuzumachen."

Das Schreckliche schönreden

Das wird schwierig. Denn das Projekt in Karlshorst ist befristet bis April. Zu wenig Zeit, um Lösungen zu finden – vor allem, wenn es kaum welche gibt. Die Rumänen haben nach wie vor keinen Anspruch auf Sozialleistungen und damit auf eine menschenwürdige Unterbringung. Illegalen Einwanderern droht weiterhin die Abschiebung. Linken Aktivisten geht es ohnehin um etwas anderes. Kranke und Abhängige sind für eine Behandlung häufig nicht versichert. Die einen wollen nur zusammen untergebracht werden, weil sie sich als Familie begreifen, für die anderen kommt eine Unterbringung zusammen mit anderen gar nicht in Frage. Und ehe man wieder irgendwelchen Versprechungen glaubt, bleibt man doch lieber da, wo man sich auskennt, und redet sich das Schreckliche irgendwie schön – im Slum in der Rummelsburger Bucht.

"Ich liebe einfach dieses Leben, verstehst du, ich habe meine Ruhe hier, ich bin frei. – Wir wollen nicht Miete bezahlen und einmal Musik hören und dann, hey, Ruhestörung und dann: Polizei, Polizei. Nein, das geht nicht."

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