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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.09.2015

Slowenischer Autor Drago Jancar"Von Demokratie geträumt - mit dem Kapitalismus aufgewacht"

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(Deutschlandradio / Matthias Dreier)
Der slowenische Autor Drago Jančar (Deutschlandradio / Matthias Dreier)

Einst politisch verfolgt und inhaftiert, gilt Drago Jancar heute als Sloweniens bedeutendster Autor. Er ist überzeugt, dass Slowenien in der Flüchtlingskrise helfen werde. Soeben ist sein neuer Roman "Die Nacht, als ich sie sah" auf Deutsch erschienen.

Drago Jancar, Jahrgang 1948,  ist einer der wichtigsten Schriftsteller in seiner Heimat Slowenien, vielfach ausgezeichnet, zuletzt hat er den Prix européen de littérature für sein Lebenswerk erhalten. Jetzt ist auch in Deutschland sein Roman "Die Nacht, als ich sie sah" erschienen, ein Buch, das ins Jugoslawien des Jahres 1944 zurückführt und auf einer wahren Begebenheit beruht.

Jancar beschreibt eine junge Frau, Veronika, in den Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Eine Gruppe von Tito-Partisanen führt die lebenshungrige junge Frau und ihren Ehemann ab, ihre Spuren verlieren sich (erst viele Jahre später finden sich ihre sterblichen Überreste). Aus den Erinnerungen von fünf Personen - in fünf Geschichten - setzt sich das Bild einer schillernden jungen Frau zusammen. Jancar beschreibt, wie die Geschichte des geheimnisvollen Verschwindens sich zugetragen haben könnte.

Die Haltung Sloweniens zur Flüchtlingshilfe

Abgesehen von seinem Rang als Romancier vertritt Jancar, als einst selbst, vom jugoslawischen Tito-Regime, Verfolgter auch eine deutliche Meinung zur Flüchtlingskrise. Zur Haltung vieler osteuropäischer Länder in der Flüchtlingskrise - nicht zuletzt seines Heimatlandes Slowenien, das 10.000 Flüchtlinge aufnehmen wolle, sagt er:

"Wir haben von Demokratie geträumt und sind mit dem Kapitalismus aufgewacht."

Es ist der Versuch einer Erklärung, warum die Osteuropäer aus deutscher Sicht zu wenig oder gar keine Solidarität mit den Flüchtlingen zeigen. Mit anderen Worten: Das, was die ehemaligen Ostblockländer durch die Wende errangen - relativen Wohlstand und Freiheit -, verteidigen sie hart und wollen es ungerne mit Fremden teilen.

Jancar betont: Ja, Slowenien werde  helfen. Schon allein deshalb, weil in der Vergangenheit selbst viele Slowenen fliehen mussten: vor dem Faschismus und später jene Slowenen, die mit den Deutschen während des Krieges kollaboriert hatten.

Es sei  klar, dass es eine europäische Gesamtverantwortung geben müsse - und Deutschland nicht mit den Flüchtlingsströmen allein gelassen werden dürfe.

Drago Jancar: "Die Nacht, als ich sie sah"
Roman. Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut und Klaus-Detlef Olof
Folio-Verlag, Wien
188 Seiten. 19,90 Euro

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