Montag, 10.12.2018
 

Lesart | Beitrag vom 23.06.2018

Slavoj Žižek: "Der Mut der Hoffnungslosigkeit"Erst wenn die Hoffnung gestorben ist, kommt die Veränderung

Von Ingo Arend

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Der slowenische Philosoph beschreibt in "Der Mut der Hoffnungslosigkeit" den Ernst der politischen Weltlage. (S. Fischer Verlag/Deutschlandradio)
Der slowenische Philosoph beschreibt in "Der Mut der Hoffnungslosigkeit" den Ernst der politischen Weltlage. (S. Fischer Verlag/Deutschlandradio)

Krieg, Terror, ökologische Verwüstung - Slavoj Žižek sieht die Welt am "Nullpunkt der Hoffnungslosigkeit". Seine trotzige Hoffnung: eine "universalistische Politik, die jede Form von kommunitaristischem Kulturalismus hinter sich lässt".

So schlimm war es noch nie: Der Philosoph und Berufspessimist Slavoj Žižek hat sein bislang düsterstes Buch vorgelegt. "Der Mut der Hoffnungslosigkeit" ist ein apokalyptisches Manifest, das aber die selbstgesteckten Ziele nicht erfüllen kann.

Mit Verve für Veränderungen

Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens: Offenbar hat sich Slavoj Žižek die Maxime des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci zum Vorbild genommen. In seinem neuen Buch zeichnet der slowenische Philosoph die Weltlage düster wie nie – und plädiert mit Verve für die ganz große Veränderung. Doch der Weg dahin bleibt dunkel.

Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek auf einer Pressekonferenz, bevor er im Madrider Museum Reine Sofia eine Rede über Tod und Wiederauferstehen des Faschismus hält.   (Santi Donaire / Imago / EFE)Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek. (Santi Donaire / Imago / EFE)

Žižeks These vom "Nullpunkt der Hoffnungslosigkeit" dürfte sich kaum bestreiten lassen. Sie lautet kurz und knapp: Flucht, Terror und ökologische Verwüstung haben die Welt an den Abgrund geführt. Der Kapitalismus West will seine Krise mit einer "autoritären Moderne" überwinden, die chinesische Variante mit dem Konfuzianismus. Und in Nahost läuft alles auf einen Dritten Weltkrieg zu.

Ein apokalyptisches Manifest

Und trotz dieser krisenhaften Zuspitzung an allen Fronten werde es, schreibt Žižek, "immer weniger möglich, diese Wut in einem neuen linken Projekt politisch zu artikulieren". Nur in der Gestalt von Syriza in Griechenland sah und sieht der selbsterklärte Pessimist Žižek eine Chance, einen "entschiedenen Bruch" mit dem Kapitalismus neoliberaler Prägung herbeizuführen. Irgendein halbherziger Reformismus ist seine Sache nicht.

"Chronicles of a year acting dangerously" - der im Deutschen unterschlagene englische Untertitel des vor einem Jahr in Großbritannien erschienenen Buches mag die etwas sprunghafte Argumentation des Buches erklären. Kein aktueller Konflikt, keine Debatte bleibt unerwähnt. Herausgekommen ist deshalb eine Mixtur aus apokalyptischem Manifest und selbstrechtfertigendem Pamphlet.

Formel von den "falschen Linken"

Gewohnt angriffslustig nimmt Žižek darin den Fehdehandschuh auf, den ihm Teile der Linken wegen seiner Kritik ihrer Identitätspolitik hingeworfen hatten. In der ihm eigenen, diskursiven Schockstrategie plädiert er für eine "universalistische Politik, die jede Form von kommunitaristischem Kulturalismus hinter sich lässt". Žižek will den "bürokratischen Sozialismus" neu erfinden, beharrt auf einem unauflösbaren "Antagonismus der Geschlechter" und warnt die Linke vor der "humanitaristischen Idealisierung von Flüchtlingen".

Mit Formeln wie der von der "falschen Linken" oder der "politisch korrekten Besessenheit" verfällt er bei dieser Abrechnung mitunter aber selbst in die "vulgären Vereinfachungen", die er dem Populisten Donald Trump vorwirft.

Mit dem Furor des Ausnahmeintellektuellen

Doch trotz polemischer Untertöne und Widersprüche lohnt die Lektüre jeder Zeile des elektrisierenden, flüssig geschriebenen Bandes. Žižek argumentiert auf der Höhe der Zeit und switcht wie gewohnt zwischen Kino, Hegel und Zote.

Ausgerechnet im Hinblick auf die selbstgestellte Aufgabe, "den Kommunismus neu zu erfinden und eine radikale Veränderung herbeizuführen, die über eine vage Vorstellung von gesellschaftlicher Solidarität weit hinausgeht", bleibt der politphilosophische Tausendsassa freilich selbst recht vage. Weder liefert er auch nur den Ansatz einer Gesellschaftstheorie. Noch benennt er ein revolutionäres Subjekt, das den "Klassenantagonismus" überwinden könnte, den die angeblich kulturverliebte Linke so gern verdränge. Und wenn er auf europäischer Ebene den "Teufelskreis aus Technokratie und Populismus" durchbrechen will, klingt der legitime Erbe eines Karl Marx plötzlich wie ein EU-Parlamentarier.

So bleibt "Mut der Hoffnungslosigkeit" vor allem ein faszinierendes Beispiel für den Furor des Intellekts – eines Ausnahmeintellektuellen.

Slavoj Žižek: Der Mut der Hoffnungslosigkeit
Aus dem Englischen von Frank Born, Verlag S. Fischer, 2018
448 Seiten, 20 Euro

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