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Interview | Beitrag vom 03.12.2020

Slam-Poet Bas Böttcher über belastete Sprache"Wörter transportieren auch ein Weltbild"

Bas Böttcher im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Auftritt des Slam-Poeten Bas Böttcher beim 21.Welttag der Poesie in Berlin, am 21.3. 2017. (Imago Images / Rolf Zöllner )
Slam-Poet Bas Böttcher tritt für Vielfalt in der Sprache und für die Auseinandersetzung mit ihr ein. (Imago Images / Rolf Zöllner )

Unser Buchstabieralphabet stammt aus der NS-Zeit und wird jetzt durch das bis zur Weimarer Republik gebräuchliche ersetzt. Wir sollten uns mit unserer Sprache auseinandersetzen, sagt der Autor Bas Böttcher, auch mit deren "Stolpersteinen".

Wenn der Slam-Poet und Schriftsteller Bas Böttcher seinen Vornamen buchstabieren soll, sagt er: "Bas – wie Basketball. Das passt gut wegen meiner Größe."

Andere würden fast automatisch buchstabieren: "B wie Berta, A wie Anton, S wie Siegfried." Dass das Buchstabieralphabet bis in die Zeit der Weimarer Republik hinein auch "D wie David", "N wie Nathan" oder "S wie Samuel" enthielt, wissen sehr viele nicht. Während der NS-Zeit wurden die jüdischen Namen entfernt.

Mit dem "Nazi-Alphabet", das die meisten verwenden, ohne groß darüber nachzudenken, soll nun Schluss sein, die alten Namen kehren zurück. Ab Herbst 2021 sollen Städtenamen verwendet werden, was etwa in der Schweiz und in Italien schon seit Langem so sei, sagt Böttcher.

Schauder bei dem Slogan "Freude am Fahren"

Er findet diese Entscheidung gut und richtig, "weil mit Wörtern immer auch ein Weltbild transportiert wird". Es gebe Worte, die absichtlich durch "die Nazis okkupiert wurden, etwa 'Kraft durch Freude'; das war ein Kampfbegriff, den man für sich vereinnahmen wollte".

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Das Bewusstsein dafür sitzt bei Böttcher so tief, dass ihm heute ein Schauder überläuft, wenn er Slogans wie "Freude am Fahren" hört oder eine Schlagzeile liest wie "Der ewige Putin". Dies wecke Erinnerungen an die Propagandasprache der Nazis, sagt der Slam-Poet.

Es gebe in Deutschland ein Sprachbewusstsein. Doch müsse dieses immer wieder von Neuem aktiviert werden und etwa durch neue Wortschöpfungen weiterentwickelt werden. "Da kommen die Poeten und Dichter ins Spiel, die vielleicht Sprache mitgestalten können."

Nicht krampfhaft anglisieren

Böttcher hält allerdings wenig davon, bei bestimmten Begriffen wie Leadership-Seminar oder Workcamp krampfhaft ins Englische auszuweichen, weil man aus nachvollziehbaren Gründen belastete Wörter wie "Führungsseminar" oder "Arbeitslager" vermeiden will. "So versucht man manchmal durch die Flucht ins Englische die Auseinandersetzung zu meiden. Das finde ich eine bisschen schade."

Es sei wichtig, sich mit "Stolpersteinen" unserer Sprache zu beschäftigen, sagt Böttcher. Er spielt damit auf die Stolpersteine an, die es im Stadtbild als ein Mahnmal an die Ermordung jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern während der NS-Zeit gibt.

(mkn)

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