Skizzen eines feinfühligen Erzählers

Der Schriftsteller Siegfried Lenz © picture alliance / dpa / Fabian Bimmer
06.12.2011
Bei den fünf Erzählungen in diesem Band sitzt jeder Satz: Mit wenigen, präzise gesetzten Strichen zeichnet der inzwischen 85-jährige Siegfried Lenz lebendige Figuren - und eine zart melancholische Atmosphäre.
Ein alter Schriftsteller liegt im Krankenhaus und liest seiner Frau, die ihn besucht, Geschichten aus seinem Schreibheft vor. Es sind rührende, harmlose, liebevolle Episoden aus dem Leben ihres Sohnes Sven. So wie er sie erzählt, ist rasch klar, dass der Sohn nicht mehr lebt. Es sind Momente seiner Kindheit und Jugend, seiner Arbeit als Volontär bei einer Zeitung, seiner ersten Liebe. Tatsächlich stirbt Sven bei einem Unfall, als sein Boot von einem großen Schiff gerammt und er von der Schiffsschraube erfasst wird. Die Frau des Schriftstellers hört gebannt zu und bricht immer wieder in Tränen aus.

Aber das ist nicht alles. Siegfried Lenz erzählt diese Geschichte aus der Perspektive eines jungen Mannes, der im benachbarten Bett liegt und gar nicht anders kann als mitzuhören und zu beobachten, wie die beiden Alten sich gegenseitig trösten. Als die Frau gegangen ist, fragt er den Schriftsteller, ob es wirklich so gewesen sei mit dem Schiffsunglück, und erhält eine Antwort, die die ganze Geschichte in neuem Licht erscheinen lässt: "Unser Sven ist bei der Geburt gestorben."

"Der Entwurf" heißt diese kleine Erzählung, die die ganze Meisterschaft des mittlerweile 85-jährigen Siegfried Lenz erkennen lässt. Sein neuer Erzählungsband ist eben so ein Skizzenheft wie das des alten Mannes im Krankenhaus. Wenn die Kraft für Großes nicht mehr reicht, vermag er es doch immer noch, mit wenigen, präzise gesetzten Strichen lebendige Figuren und eine dichte, zart melancholische Atmosphäre zu schaffen. Er ist ein leiser, zurückhaltender Erzähler, der seine Mittel genau einzusetzen weiß. Da sitzt jeder Satz.

Sein Element ist das Wasser, seine Welt die Küste, zumeist an Nord- oder Ostsee. Die Titelgeschichte "Die Maske" lässt schon im ersten Satz keinen Zweifel daran, dass sie von niemand anderem als von Siegfried Lenz sein kann: "Immer schon war es hier so: Kaum war der Sturm vorbei, tauchten sie aus ihren Hütten und Häusern auf und streiften durch die Dünen zum Strand hinab, erwartungsvoll, belebt von der Hoffnung auf Finderglück." Schon ist man mitten drin im Geschehen, das von einem Studenten erzählt wird, der seine Semesterferien beim Großvater, dem Inselwirt, verbringt. Ein angeschwemmter Container enthält chinesische Masken, die für das Hamburger Völkerkundemuseum bestimmt waren. Hinter diesen Masken entwickelt sich nun eine Liebesgeschichte, denn der Erzähler Jan trifft Lene, die Tochter des Netzflickers, er mit Drachen-, sie mit Tigerkatzenmaske. Seltsamerweise hält ihre Liebe nur so lange, wie sie die Masken tragen. Die Liebe ist ein Versteckspiel. Denn mit ihren Masken verändern sich auch die Menschen, die sich dahinter verbergen oder vielmehr kenntlich werden.

Das ist in der Schlichtheit, mit der Lenz erzählt, in der ländlichen Naivität, in der etwas altmodischen Szenerie und dem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen gelegentlich hart am Rand des Kitsches, ohne bei diesem feinfühligen Erzähler aber jemals peinlich abzugleiten. In verschiedenen Variationen untersucht Lenz in diesem Band das Verhältnis von Wirklichkeit und Fantasie, von gelebtem und erhofftem Leben, und er sucht hartnäckig nach dem, was einen Menschen ausmacht. Es ist sicher kein Zufall, dass in drei der fünf Erzählungen, ein Lebensretter offiziell geehrt werden soll, der Retter selbst aber jedes Mal die Ehrung verweigert, weil er sich zu unrecht ausgezeichnet fühlt. So sind die Menschen bei Lenz: Sie sind gut, aber sie halten das für selbstverständlich. Er möchte nie zu viele Worte machen.

Besprochen von Jörg Magenau

Siegfried Lenz: Die Maske. Erzählungen
Hoffmann & Campe, Hamburg 2011
128 Seiten, 17,99 Euro
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