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Im Gespräch | Beitrag vom 15.05.2020

Sinologin und Leibniz-Preisträgerin Dagmar Schäfer"Chinesisch ist eigentlich sehr einfach"

Moderation: Ulrike Timm

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Porträt von Dagmar Schäfer. (MPIWG / David Ausserhofer)
Als Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte beschäftigt sich Dagmar Schäfer vor allem mit der technischen Entwicklung Chinas. (MPIWG / David Ausserhofer)

Mit Anfang 20 machte Dagmar Schäfer ein Praktikum in einer chinesischen Seidenfabrik, heute gilt die Sinologin als führende Expertin auf dem Gebiet der Technik- und Innovationsentwicklung in China. Gerade wurde sie mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet.

2,5 Millionen Euro hat Dagmar Schäfer im März bekommen. Sieben Jahre ist nun Zeit, die Summe auszugeben. Natürlich nur für ihre Forschung. Das Geld erhielt die Sinologin zusammen mit dem Leibnizpreis, dem wichtigsten Forschungsförderpreis in Deutschland. Die offizielle Feier musste coronabedingt ausfallen, dafür gab es "die Urkunde im Postkasten. Wie profan, aber trotzdem eine ganz tolle Überraschung", erzählt Dagmar Schäfer.

Ihre Arbeiten zu China werfen "ein neues Licht auf die vom Westen aus diagnostizierte angebliche Stagnation der dortigen Wissensentwicklung", erklärte die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Was ist eigentlich Wissenschaftsgeschichte?

Als Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte beschäftigt sich Dagmar Schäfer vor allem mit der technischen Entwicklung Chinas.

Von der Sinologin zur Historikerin, was genau untersucht eigentlich Ihr Fachgebiet?

"Was die Wissenschaftsgeschichte tut, ist, was die Welt gleich oder ungleich macht. Warum bestimmte Regionen mehr Wissen oder Wissenschaft haben, andere weniger. Und darauf, glaube ich, kann die Wissenschaftsgeschichte schon eine Antwort geben, wie das gewachsen ist, was man vielleicht verändern könnte, was Alternativen wären."

Innovationsmotor Seide

Dagmar Schäfer interessiert sich ganz besonders für die Textilindustrie in China des 13. und 14. Jahrhunderts. Nur China hätte damals schon Seide herstellen können. Bis heute ein Innovationsmotor, so die Historikerin.

"Die Gesellschaft an sich hat festgestellt, dass sie dieses Material für viele Dinge verwenden kann. Also sie hat es zum Beispiel als Geld verwendet. Sie hat es verwendet, um Handel zu treiben, um andere Waren von anderen Völkern einzuhandeln, und ist dadurch einfach sehr reich geworden."

Der Kompass, der Buchdruck oder eben die Seidenproduktion: Was daraus bis heute folgte, das macht ihren Forschungsbereich so reizvoll, sagt Dagmar Schäfer.

"Weil natürlich all unsere Kultur darauf beruht, was wir wissen und wie wir dieses Wissen verwenden. Und deswegen ist es eine Grundvoraussetzung, die man auch erforschen muss, um eine Kultur zu verstehen. Oder uns selber vielleicht auch ein bisschen zu verstehen. Mich interessiert ganz besonders, wie so ein Material [die Seide, Anm. der Redaktion] tatsächlich eine Wissenskultur prägt."

Von der Seide zu Plastik

Eine Verbindung zwischen Seide und Plastik zu knüpfen, also dem Stoff, der unser Leben um so vieles erleichtert, gleichzeitig aber zu einer weltweiten Vermüllung geführt hat, das scheint auf den ersten Blick abwegig. Nicht für Dagmar Schäfer: "Plastik hat sich entwickelt aus Seide heraus. Also weil man versuchen wollte, die Qualitäten von Seide auf andere Werkstoffe umzuwandeln, ist Plastik auch entstanden."

Dagmar Schäfer, 1968 geboren, wuchs in der Eifel auf. "Es gab da einen Geografielehrer, der uns die Welt nahegebracht hat. Für mich stand immer fest, dass ich raus in die Welt wollte."

Russland interessierte die Schülerin, aber die Faszination für China war noch größer. Ende der 1980er-Jahre studierte Dagmar Schäfer Sinologie an der Universität in Hangzhou.

"Die Wiedervereiningung in China gefeiert"

Eine Studentin aus dem Westen, damals die absolute Ausnahme. Das Jahr 1989, auch in China ein besonderes. Die Proteste, die Gewalt, die Toten auf dem Tiananmen-Platz in Peking, davon habe sie "relativ wenig" mitbekommen, "weil natürlich in China selber die Presse und die Medien sehr schnell zugemacht wurden". Die deutsche Wiedervereinigung "habe ich übrigens in der DDR-Botschaft gefeiert".

Schon die politischen Umstände klingen herausfordernd, dazu kam die neue Sprache. Aber, so Dagmar Schäfer, die "chinesische Sprache ist eigentlich sehr, sehr einfach. Weil es eine Sprache ist, die grammatikalisch anders aufgebaut ist als die unsere. Für die Leute, die keine Konjugation, also Verben und Adjektive mögen, ist Chinesisch die optimale Sprache".

"Wissenschaft ist überhaupt nicht abstrakt"

Weil ihr das Studium zu akademisch war, begann Dagmar Schäfer ein Praktikum in einer Seidenfabrik. "Ich habe gelernt, weil sich meine Doktorarbeit damit beschäftigt hat, wie man Seide webt. Denken Sie an die Laborarbeiter: Man geht ins Labor, man lernt das von der Pike auf. Genauso, wie jemand lernt das Brot zu backen. Die Wissenschaft ist überhaupt nicht abstrakt."

Seit dem Studium kehrte die Sinologin immer wieder nach China zurück, ob privat oder für das Max-Planck-Institut. Fast bei jedem ihrer Besuche erlebt Dagmar Schäfer ein verändertes Land.

"Vieles, was wir in zehn, 20, 30 Jahren gemacht haben, passiert dort in vier oder fünf. Und viele Entwicklungsschritte geschehen auch gleichzeitig. Also die Umwelt wird verschmutzt, gleichzeitig wird gegen die Umweltverschmutzung vorgegangen."

Wie frei kann man in China forschen?

Seit über 30 Jahren kennt die Professorin nun das Land persönlich. Forschungen zur Technikgeschichte Chinas werden Dagmar Schäfer vor Ort ermöglicht. Doch unter welchen Bedingungen passiert das? Wie sehr ist sie auf die Gunst der kommunistischen Führung angewiesen?

Die Antwort der Historikerin ist diplomatisch:

"In vielen Staaten, China, Indien, auch in den afrikanischen Staaten ist Wissenschaft einfach ein wichtiges Gut, das man haben und besitzen möchte, das einen auch sehr stark definiert, auch im Vergleich zu Europa oder den USA. Natürlich kann man da instrumentalisiert werden. Und China ist ein ganz besonderer Fall, weil es sich natürlich selber auch gerne als die Kultur sehen möchte, die all diese Erfindungen schon viel früher als Europa gehabt hat. Es gibt natürlich meinerseits das große Interesse, sich kritisch damit auseinanderzusetzen, eben keine Ideologien zu bedienen."

Was genau wird Dagmar Schäfer eigentlich mit den 2,5 Million Euro machen, die sie zusammen mit dem Leibniz-Preis erhalten hat?

"Ich hoffe, wir können ein größeres Projekt zur Frage der Materialien, also welchen Einfluss haben zum Beispiel Bilder über den Himmel auf die Entwicklung von astronomischem Wissen gehabt. Denn Astronomiegeschichte ist einfach eine Geschichte, die eigentlich nur Textgeschichte ist."

(ful)

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