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Tonart | Beitrag vom 29.12.2020

Singer-Songwriter Tim HardinEin tragischer Held, zu früh gestorben

Von Laf Überland

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Tim Hardin 1974, Schwarzweißfotografie: Er trägt eine Schlagmütze. (Avalon)
Tim Hardin, 1974: So zart und so leise, als sänge er nur für sich in den Wind hinein. (Avalon)

Vor 40 Jahren starb der begnadete US-Musiker Tim Hardin: Er war seiner Zeit weit voraus, aber sein Hauptproblem war seine komplizierte Persönlichkeit. Gezeichnet war er auch durch seine Erfahrungen als Soldat.

Als dieser Mann eine Woche nach seinem 39. Geburtstag starb, da waren seine wenigen Platten aus den Plattenläden verschwunden und auf Flohmärkten gelandet. Denn der wunderbare Sänger Tim Hardin war nicht für das Leben eines Popstars gemacht. Und dies nicht nur, weil er ein unsteter Charakter war, sondern wenn er zum Beispiel auf der Bühne einschlief oder gar nicht erst zum Auftritt kam. Beim nächsten Mal wiederum war er fantastisch.

Tim Hardin stammte aus Eugene, Oregon, seine Eltern waren beide musikalisch. Aber Tim brach seltsamerweise mit 18 die Schule ab und ging als Marine nach Südostasien. Zurück kam er, wie viele andere Soldaten, dann als Süchtiger. Aber das war erstmal kein Problem für ihn, denn er ging mit seiner Gitarre nach New York, ins Greenwich Village, wo viele Folkies damals auf Heroin waren. 

Süchtig und viel unterwegs

Dort versuchte er es erst mal mit der Schauspielschule – flog aber raus, weil er zu oft fehlte. Dann zog er in den USA umher, eine Zeit lang in Boston, ein bisschen in der Künstlerkolonie Woodstock, in L.A.

Zwischendurch ging er, frustriert von Amerika, auch ein paar Jahre nach London. Dort hätten es singende Junkies nicht so schwer, hieß es. Außerdem konnten sie dort Methadon kriegen, die legale Ersatzdroge für Heroin und eigentlich für den Entzug gedacht. Aber Hardin blieb an der Nadel hängen, und mit gerade mal 31 nahm der begnadete Sänger sein letztes Album auf, 1973, und zog sich dann weitgehend zurück. 

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Seine besten Stücke hatte Tim Hardin sowieso von 1965 bis 1967 aufgenommen, und die besten davon wiederum waren alle nicht viel länger als zwei Minuten. Aber das reichte. Sparsame Texte, sparsame Instrumente: Ein paar dieser Stücke wurden zu Standards – und zu Hits für andere Interpreten. Dabei konnte Hardin mit seiner wunderschönen zarten Stimme alle Einflüsse der Sechziger abdecken: Blues, Country, Rock und vor allem jazz-folkige Balladen. Oft sang er so zart und so leise, als ob er niemanden stören wolle. Als sänge er nur für sich in den Wind hinein mit diesem windelweichen Vibrato, das in der Zeit völlig aus der Mode war.

Nah am Jazz

Vor allem intonierte Tim Hardin wie ein Jazzsänger: mit Verschleifungen, Dehnungen, gemurmelten Silben, was diesem ständig sich windenden engen Bergpass zwischen Heroinsucht und Bühnenangst entsprach plus der nagenden, zerstörerischen Liebe zu seiner Frau und seinem Sohn.

Er hatte gerne Jazzmusiker in seinen Bands: Der Flötist Jeremy Steig stellte eigens eine Truppe für ihn zusammen. Dann hatte er mal den Vibraphonisten Gary Burton im Studio, und beim Woodstock Festival spielten die beiden späteren Gründer der Band Oregon, Ralph Towner und Glenn Moore mit ihm. Nur leider war Tim so dicht und erratisch, dass es sein Auftritt nicht mal in den Film schaffte. 

Wenn es ein wiederkehrendes Thema in Tim Hardins Leben gab, so schrieb mal ein Biograf, dann war es der Exzess. Er trieb alles bis an die Grenze und dehnte die dann noch weiter aus. Seine Mahlzeiten waren Fressgelage, er trank bis zur Erschöpfung, er rauchte ununterbrochen. Und wenn er liebte, dann erstickte ihn das. Er starb dann auch an einer Überdosis von einem neuen, höllisch starken Heroin-Mix.

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