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Interview | Beitrag vom 28.12.2019

Silvesterfeuerwerk Unterschiedliche Gebräuche und geteilte Sichtweisen

Manuel Trummer im Gespräch mit Ute Welty

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Fotomontage von bunten Silvesterraketen am Nachthimmel über Dresden. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Andreas Franke )
Silvesterfeuerwerk über Dresden, 2014. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Andreas Franke )

Von den Kommunen organisiertes Feuerwerk könnte in den nächsten Jahren die private Böllerei ablösen, sagt der Kulturwissenschaftler Manuel Trummer. Allerdings seien Verbote angesichts der langen Tradition schwer durchzusetzen.

Ute Welty: Ab heute kann man es wieder kaufen das Silvesterfeuerwerk und die dazugehörigen Böller und Knaller. Wie lange das noch erlaubt ist, steht in den Sternen, denn inzwischen spricht sich eine Mehrheit der Deutschen für ein Verbot aus. Das jedenfalls sagt eine Umfrage, die vom Redaktionsnetzwerk Deutschland veröffentlicht wurde. Welche Zukunft also diese Tradition hat und woher sie überhaupt kommt, das weiß Kulturwissenschaftler Manuel Trummer, in Regensburg beschäftigt er sich unter anderem mit europäischer Ritual-, Brauch- und Festkultur. Wann hat das denn angefangen mit dem Feuerwerk zum Jahreswechsel?

Trummer: Die Feuerwerke erlebten vor allem im Barock und Rokoko in Europa ihre große Zeit, wobei da erst mal Privatanlässe, beispielsweise Hochzeiten und auch militärische Siege, ein großes Ding waren. Für die breite Bevölkerung ging es mit der Ballerei vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts los, als es erste Feuerwerksfirmen gab in Deutschland, die preiswert produzieren konnten. Und dann vor allem nach der Zeit des Wirtschaftswunders, als die größten Sorgen des Zweiten Weltkriegs für die Bevölkerung vorbei waren und wieder Zeit, Geld und auch die Lust da war, tatsächlich zu Silvester Raketen hochzuschießen.

Zeitgenössischer schwarzweiss Druck mit dem Blick auf das festlich beleuchtete Grand Hotel in Grasse und das Feuerwerk zu Ehren von Prinzessin Beatrice. Im Vordergrund sind Silhouetten von Zuschauern zu sehen. (imago images / Artokoloro)Feuerwerk am Grand Hotel in Grasse, zu Ehren von Prinzessin Beatrices Geburtstag, 1891. (imago images / Artokoloro)

Welty: Das heißt, es waren nicht immer alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen an diesem Spektakel beteiligt?

Trummer: Nein, keineswegs, das ist ein Phänomen, das zunächst sehr stark erst mal von kirchlicher, wissenschaftlicher Seite betrieben war, aber dann recht schnell auch von adligen Schichten, die das eben zu privatem Zeitvertreib, aber auch zur Demonstration ihres Reichtums, ihrer Macht, aber auch ihres Wissens über internationale Bräuche, über internationale Handelsbeziehungen und so weiter betrieben haben.

Phänomen der Oberschicht

Welty: Was ist denn eigentlich wichtiger, dass es leuchtet oder dass es knallt?

Trummer: Das ist eine individuelle Entscheidung. Am Leuchten ist natürlich das Fantastische, wie es die Nacht illuminiert mit diesen überraschenden Formen. Und das Böllern hat für manche Leute sicher auch eine gewisse Attraktion.

Welty: Oft genug heißt es ja, dass vor allen Dingen durch das Knallen böse Geister vertrieben werden sollen. Stimmt das?

Trummer: Das liest man immer wieder, aber das ist eine veraltete Deutung. Man liest oft, das hat den Sinn, Naturgeister zu vertreiben und Dämonen von den Dörfern fernzuhalten, aber ich denke, genau das Gegenteil ist der Fall: Es ist ein oberschichtliches, adliges Phänomen, das von den Städten und den Schlössern seinen Weg in die breite Bevölkerung genommen hat. Die Vorstellung, es handelt sich um einen Brauch, um ein Ritual, um böse Geister von der Schwelle der Tür fernzuhalten, das ist eine ganz veraltete Vorstellung.

Welty: Welche internationalen Unterschiede gibt es denn?

Trummer: Es ist vor allem eine Sache der Gesetzgebung, es sind unterschiedliche Bräuche. Während in Europa natürlich vor allem der christliche Festkalender mit dem Jahreswechsel ganz prägend ist, ist es andernorts eben – beispielsweise in China a– der Übergang ins neue Jahr. Darüber hinaus gibt es auch international Unterschiede, beispielsweise was den Umfang des Feuerwerks betrifft.

Viele größere Städte gehen immer mehr dazu über, zentrale Feuerwerke einzurichten, einerseits wegen Brandgefahr und Verletzungsgefahr, andererseits auch, weil Feuerwerke tolle Events sind, mit denen sich eine Stadt beispielsweise auch touristisch toll inszenieren kann. Das hat dazu geführt, dass Silvesterfeuerwerke, die eigentlich an diesem 31. Dezember als Jahreswechseltermin geknüpft sind, auch über die sogenannte christliche Welt gelöst haben, sodass auch Städte wie Bangkok oder teilweise sogar Bali Silvesterfeuerwerke anbieten, einfach weil sie touristisch attraktiv sind, weil sie ein großes Event sind, das die Attraktivität der Region und der Stadt steigern kann.

Silvester als Konfliktpunkt

Welty: Dieser Trend, Feuerwerke zum Jahreswechsel zentral von den Kommunen zu veranstalten, glauben Sie, das ist auch eine Geschichte, die sich in Deutschland durchsetzen wird immer mehr?

Trummer: Es zeichnet sich ab. Silvester war schon früher immer ein Konfliktpunkt. Wir haben Quellen aus dem 16. Jahrhundert, in denen die Kirche kritisiert, dass zu viel Geld in Feuerwerke gesteckt wird, das war schon immer mit moralischen Fragen verbunden .

Welty: Eine ganz frühe Form von Brot statt Böller!

Trummer: Genau so ist es! Wir können da durchaus eine gewisse moralische Kontinuität herstellen bis in die Gegenwart. Und Brot statt Böller ist ja auch ein Motto, das seit den frühen 1980ern auch schon Thema ist. Das heißt, die gesellschaftlichen Interessen, die gesellschaftlichen Wertvorstellungen gehen ein Stück weit auseinander.

Das macht Silvester zu schaffen, weil jetzt Dinge wie Umweltschutz oder Verteilungsgerechtigkeit – also die Frage, ist es gerechtfertigt, zu ballern, wenn an anderen Orten auf der Welt Krieg herrscht oder Menschen hungern. Auch Fragen des Tierschutzes und der Tierethik, die rücken in den Vordergrund. Das sind alles Konkurrenzfaktoren für die traditionellen Silvesterbräuche, die mit ballern und mit Raketen zu tun haben.

Einzelne Feuerwerkskörper qualmen umringt von Müll auf dem Stuttgarter Schlossplatz vor sich hin. (picture alliance / dpa / Christoph Schmidt)Silvester in Stuttgart, 2019. (picture alliance / dpa / Christoph Schmidt)

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Silvester noch stärker unter Druck gerät und dass es zunehmend auf zentralisierte Feuerwerke hinausläuft, die von Städten organisiert werden. In weiten Teilen der USA ist es schon so, in großen Städten wie London, wie Prag, wie Dublin, die sind sich auch der touristischen Kraft eines zentralen Feuerwerks bewusst. Ich könnte mir vorstellen, dass all diese Faktoren, diese Kritik an den Feuerwerken, aber auch die zunehmende touristische Wirkmacht von zentralen Feuerwerken, dass das an Bedeutung gewinnt und das individuelle, das private Ballern auf der Straße vielleicht in den Hintergrund tritt.

Widerstand gegen Verbote

Welty: Und für wie realistisch halten Sie ein Feuerwerksverbot?

Trummer: Verbote sind schwierig durchzusetzen bei so einer Tradition, die relativ stark verankert ist in unserer Kultur. Wir erleben ja heute vor allem auch in anderen Bereichen, wie aggressiv bestimmte Teile der Bevölkerung auf Verbote reagieren, da kommt dann das Argument, man will uns das Ballern wegnehmen, man will uns das Feuerwerk wegnehmen. Ich denke, dass Feuerwerksverbote letztlich nur durchsetzbar sind, wenn man Alternativen bietet, beispielsweise eben zentrale Feuerwerke, die von den Gemeinden gesteuert werden. Aber auch dann wird es noch eine Menge Kritik an diesen Verboten geben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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