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Studio 9 | Beitrag vom 12.12.2015

Sich zeigen in Brandenburg Laufsteg im Gemeindehaus

Von Vanja Budde

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Ein Amateurmodell bei einer Modenschau in Blumenthal (Deutschlandradio Kultur / Vanja Budde)
(Deutschlandradio Kultur / Vanja Budde)

Die Stars dieses Abends im brandenburgischen Blumenthal sind 75 und 83 Jahre alt: Sie wohnen hier und diesmal gehört ihnen die Bühne. Mit dem Auftritt heute sollten die Frauen mehr Selbstbewusstsein bekommen, sagt die Macherin dieser Sondervorstellung.

Dutzende Frauen sitzen in dichten Reihen am Laufsteg, feuern die Models an, johlen, jubeln, applaudieren. Der Saal im Bürgerhaus von Blumenthal ist brechend voll – und kocht. DJane Claudia Voigt heizt die Stimmung mit Popmusik an. Wo sind die Männer der Prignitz? 

Frau: "Die sind zu Hause, die können wir hier nicht gebrauchen. (lacht) Aber wir dürfen uns was aussuchen. Wir dürfen das Geld ausgeben heute, so viel ist Fakt."

Die Stars des Abends sind 75 und 83 Jahre alt

Auf dem Laufsteg aus Paletten zwei Models: Leichtfüßig eilen sie bis in die Mitte der improvisierten Bühne, werfen einen arroganten Blick über die Schulter ins Publikum, drehen sich, wenden sich, dann geht es weiter, dass der Minirock wippt. Lange, schlanke Beine, eine tolle Figur und schickes Makeup: Kaum zu glauben, dass Jutta Lindemann und Margarete Österle, die beiden Stars des Abends, 75 und 83 Jahre alt sind. 

Frau: "Die ist 83. Die ist spitzenmäßig! Und wenn die Musik hier draußen ist, dann steht die draußen und geht so, ne? Da könnte ich schreien vor Freude, echt! Super."

Im schmalen Flur des Bürgerhauses warten die anderen Mannequins aufgeregt auf ihr Defilee. Moralisch unterstützt von Boutiquen-Inhaber Ingo Becker aus Berlin.

Becker: "Toll, super, alle ganz klasse!"


Beckers Partner Bernard legt letzte Hand an die Ensembles, rückt hier einen Hut zurecht, zupft dort am Halstuch. 

Die Zuschauerinnen finden sich in ihren eleganten Nachbarinnen wieder

Supermodel Margarete Österle trippelt in den Backstage-Bereich. Ihre Absätze sind nicht ganz so mörderisch hoch wie der der jüngeren Kolleginnen. Trotz des Jubels ist sie unzufrieden mit ihrem Auftritt: Sie hat vergessen, am Ende des Laufstegs nochmal Halt zu machen. 

Schon haben die nächsten Modelle ihren Auftritt: die junge Dorfschönheit mit lang wallenden, blonden Locken und eine kräftige Fünfzigerin. Die Frauen im Publikum im Strickpullover und mit praktischer Kurzhaarfrisur, die Wangen vom Sekt gerötet, sie können sich wiederfinden in ihren eleganten Nachbarinnen auf dem Catwalk, freut sich die Ortsvorsteherin. 

Orstvorsteherin: "Die Zuschauer sehen: Die können sich eben trauen, auch sone Sachen anzuziehen."

Drei verschiedene Generationen treten auf

Retrokleider aus Viskose mit weiten Ärmeln, Etuiröcke, Marlene-Dietrich-Hosen, Kaschmir-Cardigans, elegante Mäntel, schicke Handschuhe, große Hüte; Senfgelb, Ocker, viel Schwarz und Weiß: Ingo Becker fährt immer eigens nach Italien, um für die Schauen auf den Dörfern tragbare, stilvolle Basic-Teile und Accessoires einzukaufen.

Becker: "Weil in Berlin mein Laden nach außen hin nicht die großen Größen verkörpert. Deswegen laufen ja auch solche Models mit. Wir haben ja Models von 34 bis 48 auf dem Laufsteg und drei verschiedene Generationen bei dieser Schau. Es ist eben so, dass in der Landbevölkerung dann manchmal doch etwas größere Größen dann eben vorhanden sind und die wollen auch schick aussehen. Und dafür besorge ich die Ware."

Ingo Becker schnappt nach der einstündigen Show draußen vor dem Bürgerhaus frische Prignitzluft. Als die Blumenthalerinnen sich von ihm eine Modenschau wünschten, hat er ihnen die Organisation überlassen. 

"Wir brauchen hier auf dem Dorf nicht mit irgendwelchen gecasteten Models anfangen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, die brauchen wir hier nicht. Wir brauchen Menschen wie du und ich."

Nach der Show ist Shopping angesagt

Und keine halb verhungerten Teenager, die "Germanys next Top Model" werden wollen. 

"Die sehen ja alle aus wie 12-Jährige, also furchtbar, einfach nur furchtbar", sagt eine Blumenthalerin, die jetzt im Saal die an Kleiderstangen drapierten Ensembles durchschaut. Die Stühle sind heraus getragen, der Catwalk abgebaut, Shopping ist angesagt. 


Frau: "Die Vielfalt für Junge, für Schlanke, für Ältere –also wir sind total begeistert jedes Mal. Wir haben schon die Karten für das nächste Mal bestellt."

"Sehr, sehr viel natürliche Weiblichkeit und Charme"

DJane Claudia Voigt steht etwas abseits, beobachtet das Gewühl, froh und erleichtert, dass alles gut geklappt hat und kein Freizeitmodel auf den hohen Absätzen ins Wanken geraten ist. Das Ganze war nämlich ihre Idee. 

Voigt: "Warum wollten wir die Modenschauen hier in der Gegend haben? Weil wir fanden, dass es ganz sinnvoll wäre, den Frauen hier ein Stückchen weit ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln. Es gibt hier so viele tolle Frauen, die mutig genug sind, sich sehen zu lassen. Wir haben dann sehr schnell festgestellt, dass es was mit den Frauen macht, dass die Frauen sich in ihrer Rolle und beim Präsentieren unglaublich wohlfühlen und sehr, sehr viel Weiblichkeit und natürliche Weiblichkeit und sehr viel Charme versprühen. Es ist einfach nur schön anzusehen. Es ist einfach ein Genuss."

 

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