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Lesart | Beitrag vom 05.11.2019

Shaun Tan: "Zikade"Ein spöttisches Lachen auf den traurigen Alltagstrott

Kim Kindermann

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Zikade" von Shaun Tan.  (Aladin Verlag / Deutschlandradio)
Eine entfremdete Welt, aus der der Ausbruch gelingen kann - zumindest im Buch "Zikade" von Shaun Tan. (Aladin Verlag / Deutschlandradio)

Shaun Tan ist einer der einflussreichsten Bilderbuchkünstler unserer Zeit: Seine Geschichten haben immer eine schmerzhafte Tiefe - befördern einen aus der Komfortzone heraus. Das ist auch schon was für Kinder.

"Zikade erzählt. Geschichte gut. Geschichte einfach. Geschichte, die sogar Mensch versteht. Tack Tack Tack", steht es auf dem grauen Einband des neuen Bilderbuches des australischen Künstlers Shaun Tan. Vorne sieht man Zikade selbst: grauer Anzug, weißes Hemd, vier Hände, großer grüner Kopf mit schwarze Knopfaugen. Um ihn herum lauter weiße Papierbögen. Das alles: merkwürdig, schräg, vielversprechend.

Schon ist man mittendrin in diesem Bilderbuch-Abenteuer. Zikade ist Büroangestellter. Seit 17 Jahren gibt er Daten ein. Sitzt in seiner winzigen Bürozelle. Ist keinen Tag krank. Seine Kollegen schikanieren ihn. Anders als er sind sie Menschen, gesichtslose Körper, die ihn treten und ignorieren. Sie alle sind Teil dieser grauen, getakteten Welt. "Tack Tack Tack."

Dem Alltag entfliehen 

Am letzten Tag vor dem Ruhestand, ohne Dank entlassen, geht Zikade aufs Hochhausdach. Es ist "Zeit für Abschied", wie es heißt. Dort stellt Zikade sich auf den Sims. Steht da: klein, grau, sprachlos – traurig? Nein! Denn plötzlich zeigt sich ein feuerroter Riss in seiner grauen Anzugschale und ein Insekt schält sich heraus und stößt sich ab mit seinen Flügeln in den Himmel. Höher und höher, zu all den anderen Zikaden. Gemeinsam mit ihnen fliegt er in den Wald. Denkt Zikade zurück an die Menschen, muss er lachen.

"Tack Tack Tack." Mit diesen drei Worten endet jeder der vierzeiligen Texte. Waren sie anfangs Sinnbild für den traurigen Trott, erinnern sie am Ende an ein spöttisches, stakkatohaftes Lachen. Aber auch wenn Zikade sich befreit. Seine tiefsinnige Geschichte steht für vieles: für die Ausbeutung, für die Missachtung alles Fremden, für das Widersinnige der entfremdeten Arbeit – und dafür, dass ein gutes Ende möglich ist.  

Pefekte Bildsprache ersetzt oft den Text

"Zikade" ist ein typisches Shaun-Tan-Buch: seine plakative gemalten, flächigen Bilder erkennt man sofort, mäandert sie doch immer zwischen (Alp-)Traum und Wirklichkeit. Erinnern in ihrer Formsprache an eine Graphic Novel und holen einen direkt ab. Es gibt in diesen Bildern nichts Überflüssiges; Schatten und Licht sind immer perfekt gesetzt.

Umso mehr ziehen sie in die Geschichte hinein. Geschichten, die oft vom Anderssein, vom Ankommen in der Fremde und von Heimat erzählen. Und die oft mit wenig oder gar keinem Text auskommen.  Nur 16 Bilder sind es hier, die beide Buchinnenseiten mitgerechnet, und sechs davon ohne Text. Dafür hat der Australier schon viele Preise gewonnen: 2009 den Jugendliteraturpreis;  2011 den Astrid Lindgren Memorial Award.

Tan ist einer der einflussreichsten Bilderbuchkünstler unserer Zeit: Seine Geschichten, so einfach er sie erzählt, haben immer eine schmerzhafte Tiefe. Sie fordern zum Nachdenken auf, befördern einen aus der Komfortzone heraus, sind politisch. Und das möglichst früh: "Zikade" ist empfohlen für Kinder ab fünf Jahren. Das funktioniert auch. Denn diese Geschichte ist gut, sie ist einfach und wirklich jeder versteht sie. 

Shaun Tan: "Zikade"
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Aladin Verlag, Stuttgart 2019
32 Seiten, 17 Euro
ab 5 Jahren

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