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Tonart | Beitrag vom 11.05.2020

Shantels neues Album „Istanbul“Vom Balkan an den Bosporus

Von Carsten Beyer

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Der Musiker Shantel (Stefan Hantel) steht auf einer Bühne, hat eine E-Gitarre umhängen und breitet die Arme aus.  (picture alliance / Presse- und Wirtschaftsdienst / Bernd Kammerer )
Vom Balkan über Griechenland in die Türkei: Entlang dieser Stationen verlief der Weg des Musikers Shantel (picture alliance / Presse- und Wirtschaftsdienst / Bernd Kammerer )

Der Frankfurter DJ Stefan Hantel alias Shantel hat eine Schwäche für die Musik Südosteuropas: Mit seinem Bukowina Club Orkestar hat er den Balkan gerockt, nun ist er in der Türkei angekommen. Sein Album "Istanbul" hat er mit einer einheimischen Band aufgenommen.

Dass Shantel irgendwann einmal eine Platte mit türkischer Musik machen würde, war für ihn eigentlich nur eine Frage der Zeit. Als Komponist für den Fatih Akin-Film "Auf der anderen Seite" hatte er sich bereits 2007 mit anatolischer Volksmusik beschäftigt. Er hat mit seinem Bucovina Club Orkestar immer wieder umjubelte Konzerte am Bosporus gespielt – und er besitzt im Istanbuler Stadtteil Kadiköy seit Jahren einen zweiten Wohnsitz.

"Istanbul ist für mich ein Sehnsuchtsort, der sich immer neu erfindet und neu definiert – und ist für mich auch in meiner musikalischen Laufbahn die Stadt gewesen, die mich als erstes adoptiert hat: Diese Liebe, diese Verbundenheit, die ist eigentlich bis heute vorhanden."

Als Shantel vor einigen Jahren die Mitglieder der Band Cümbüs Cemaat kennenlernte, hatte er endlich den geeigneten Aufhänger für sein Projekt gefunden: Cümbüs Cemaat sollten ihm das Rohmaterial für seine elektronischen Klangspielereien liefern – einen Soundtrack aus Volksmusik, traditionellen Hochzeitsliedern und psychedelisch-verzerrtem Anadolu-Rock, so wie sie ihn jeden Abend auf Partys oder in Istanbuler Szene- Clubs spielen.

Brücke vom Analogen ins Digitale

"Was ich an Cümbüs spannend fand, war die Tatsache, dass sie so ein loser Haufen von Session-Musikern sind, die eigentlich überhaupt keine Ambitionen haben." Sie hätten mehr oder weniger nach Lust und Laune gespielt, hätten ihn aber in ihrer Unbefangenheit und vor allem in ihrer Gelassenheit sehr beeindruckt, sagt Shantel: "Denn es ist ja wichtig, wenn man solche Kollaborationen macht, dass man sich auf Augenhöhe trifft."

Die Musik von Shantel und Cümbüs Cemaat ist kein anatolischer Neofolk. Sie ist auch keine nostalgische Reminiszenz an die 60er-Jahre, als türkische Musiker versuchten, die Saz zu elektrisieren und den "Summer of Love" an den Bosporus zu holen. Stattdessen möchte dieses Album eine Brücke schlagen vom Analogen ins Digitale, von der Tradition der letzten 200 Jahre in die Moderne des 21. Jahrhunderts.

Wege gefunden, Kritik zu üben

"Wir haben uns zum Beispiel einen Song genommen, den man jetzt genauso auf einer türkischen Hochzeit spielen würde – das macht ja Cümbüs auch teilweise. Und dann in der Session, im Zusammenspielen, habe ich relativ radikal diesen Song auseinander genommen, andere Bass-Lines eingeführt." Die Melodien seien geblieben oder ergänzt worden. "Und teilweise waren die Ergebnisse haarsträubend", berichtet Shantel lachend. "Aber es kann auch sehr befreien und einen weiterbringen."

Auch wenn die Melodien auf traditionellen Folksongs beruhen – die Texte haben Cümbüs Cemaat größtenteils selbst geschrieben: Vordergründig geht es dabei um unverfängliche Themen wie die Liebe und das Leben in der Stadt – trotzdem haben die Musiker auch Wege gefunden, Kritik zu üben an den Verhältnissen in ihrer Heimat. Der Song "Adimiz Miskindir" etwa feiert die "Schlafmützen", die türkischen Hippies, die der türkischen Regierung mit ihrer nonkonformistischen Lebensweise ein Dorn im Auge sind. Und in "Karakolda Ayna Var" geht es um eine emanzipierte junge Frau, die ein selbständiges Leben führt und deshalb von den Männern in ihrer Umgebung als Prostituierte beschimpft wird.

"Natürlich kann ich mich nicht auf die Bühne stellen, einen Song machen und dann sagen: 'Zur Hölle mit Erdogan!' Das würde nicht funktionieren", erklärt Shantel. Aber es gebe durchaus eine Form von künstlerischer Freiheit, bei der man permanent Grenzen auslote – um viele Ecken und sehr poetisch formuliert. "Und diese Widerstände auch in der türkischen Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne – und die Zerrissenheit vor allen Dingen – das ist schon teilweise sehr turbulent."

(abr)

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