Sezen Aksu vs. Erdogan

Wie die türkische Queen of Pop in Ungnade fiel

05:57 Minuten
Die türkische Popsängerin Sezen Aksu während eines Konzerts in der Mainzer Rheingoldhalle, am 7.11. 2010.
"Ich schreibe seit 47 Jahren Lieder. Ich werde weitermachen", postete die türkische Popsängerin Sezen Aksu in den sozialen Medien an ihre Fans. © Imago / Rau
Von Marion Sendker · 27.01.2022
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Wegen einer Liedzeile hat die türkische Popsängerin Sezen Aksu Ärger mit Ultrareligiösen und mit Staatspräsident Erdogan. Dabei hatte sie ihn 2010 beim Verfassungsreferendum unterstützt. Doch genau das nehmen ihr viele Regimekritiker immer noch übel.
"Wie wunderschön ist es, zu leben“.  Mit dieser Hymne stimmt die türkische Queen of Pop, Sezen Aksu, Ende Dezember auf das neue Jahr ein. Sie will den Menschen in der Türkei Mut machen. Das Land befindet sich in einer tiefen Wirtschaftskrise, vielen fehlt mittlerweile sogar das Geld, um die Heizung aufzudrehen.

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Bittersüß sei das Leben, man erreiche den Tiefpunkt und stehe dann wieder aufrecht, singt Sezen Aksu. Und weiter: „Wir sind auf dem Weg in die Apokalypse. Sag ‚Hallo‘ zu Adam und Eva, den Ignoranten.“

Religiöse Anwälte reichten Klage ein

Hunderttausende hören diese Zeilen. Auch konservative Muslime. Adam und Eva sind im Islam heilig. Eine Gruppe religiöser Anwälte reicht Klage gegen Aksu ein. Sie fühlen sich nun in ihren religiösen Werten beleidigt. Vor fünf Jahren, als der Song erschien, war das noch nicht so. Da war die Situation in der Türkei aber auch nicht so aufgeladen wie heute.
Der Fall wird schnell zur Chefsache. Nach dem Freitagsgebet äußert sich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan:

Niemand darf den Propheten Adam beleidigen. Sollte dies jemand tun, so ist es unsere Pflicht, ihm die Zunge herauszureißen.
Recep Tayyip Erdogan, türkischer Staatspräsident

Konservativ-muslimische Kreise jubeln Erdogan wieder zu, Säkulare sind fassungslos wie immer. Sezen Aksu antwortet mit einem neuen Lied:

Du kannst mich nicht verletzen, ich bin es schon. Schmerz, wohin ich auch sehe. Ich bin die Beute, du bist der Jäger. Erschieß mich doch. Meine Zunge kannst du nicht zerquetschen.
Sezen Aksu

Und die Künstlerin verspricht in den sozialen Medien: „Ich schreibe seit 47 Jahren Lieder. Ich werde weitermachen.“

Mitte der 1970er-Jahre gelang Aksu der Durchbruch. In ihren Werken vereint sie westliche Klänge mit klassischer, türkischer Folklore. Hinzu kommen originelle Bühnenshows, eine raue, starke Stimme und vor allem ihre Liedertexte.

Pionierin des türkischen Pops

Die meisten Songs schreibt Aksu selbst. Oft benutzt sie alttürkische Begriffe und berührt damals wie heute die Seele von Millionen Türken. Aksu gilt damit als Pionierin des türkischen Pops, die auch international gefeiert wird. Weltweit hat sie mittlerweile etwa 40 Millionen Platten verkauft.

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Neben der Musik ist Aksu auch immer wieder als Intellektuelle und Aktivistin aufgetreten. Die Soziologin Banu Dalaman in Istanbul übt Kritik an der Sängerin.
„Sezen Aksu ist ein Singer-Songwriter, sie ist nicht Teil der intellektuellen Elite", betont Dalaman. "Aber die Menschen können nicht gut unterscheiden, wer wirklich ein Intellektueller ist und wer nicht. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, die nicht auf Wissen basiert. Jeder hat zu allem etwas zu sagen.“

Engagement für Kurden, Frauenrechte und LGBT

Auch Sezen Aksu. Sie setzt sich seit Jahren für nahezu alles ein: Kurden, LGBT, Frauenrechte und einst sogar Erdogan. Vor zwölf Jahren stand sie im Namen der Demokratie kampfeslustig auf seiner Seite.
Die beiden hofierten sich. Er besuchte eines ihrer Konzerte, sie unterstütze ihn 2010 im Wahlkampf, als Erdogan die Verfassung ändern wollte. Ihre Lieder wurden zu seinen inoffiziellen Wahlkampfhymnen.

Der Slogan damals: „Yetmez ama evet“ – „Es reicht nicht, aber Ja“ – zur neuen Verfassung, die das Militär entmachtete und Erdogan den Weg zur Alleinherrschaft ebnete.

Regimekritiker halten sie für eine Verräterin

Neben Aksu protestieren auch namhafte Intellektuelle für Erdogan, etwa der Kulturmäzen Osman Kavala oder die Schriftstellerbrüder Ahmet und Mehmet Altan. Sie alle werden heute politisch verfolgt. Das trifft nun auch Aksu.
Die Soziologin Dalaman sagt: „Sezen Aksu wurde zu einer Verräterin – vor zehn Jahren verriet sie die Kemalisten, jetzt die Konservativen.“

Zwar gibt es noch namhafte Unterstützer, die meisten davon haben sich aber wie sie einst für Erdogan eingesetzt. Diejenigen, die vor Jahren auf der anderen Seite standen, schütteln den Kopf.

"Siehst du nun, wen du unterstützt hast?"

So wie der türkische Schriftsteller Nihat Genc: „Die Armee wurde entmachtet, Anwälte und Soldaten sind ins Gefängnis gebracht worden. Siehst du nun, wen du unterstützt hast? Es ist keiner mehr da, der Deine Lieder verteidigen kann.“

Während die Intellektuellen sich streiten, dürfte sich einer mal wieder freuen: Erdogan. Die Diskussion um Sezen Aksu lenkt von der hausgemachten Wirtschaftskrise ab, bestärkt seine muslimische Basis, schüchtert Kritiker weiter ein und zerreißt die Opposition. Je mehr Aksu sich wehrt und provoziert, umso besser für Erdogan.

Dabei gibt es ausgerechnet in ihrem eigenen Musik-Repertoire einen Titel, der zur Vorsicht mahnt. Es ist ihr bislang erfolgreichster Hit, „Hadi Bakalim“. Darin heißt es auszugsweise:

„Wer ist der Größte? Los, es ist ein sehr schweres Rennen. … Du musst dich selbst sehr gut kennen, kontrolliere deine Zunge, sonst werden dich die Monster auffressen.“

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