Vagina, Penis, Orgasmen

So klärt man richtig über Sex auf

Minimalistische Darstellung einer Banane die in einer Grapefruit steckt auf blauem Grund.
Aufklärung von Jugendlichen in Zeiten des Internets © Getty Images / iStockphoto / Uladzimir Zuyeu
Digitale Medien prägen den Alltag von Kindern und Jugendlichen und das hat Folgen für ihren Blick auf Sexualität. Studien zeigen, dass fast die Hälfte der 11- bis 17-Jährigen bereits Pornos gesehen hat. Was macht das mit ihnen und was können Eltern tun?
Drei Viertel der 10-bis 12-Jährigen haben heute ein eigenes Handy. Damit steht ihnen die digitale Welt ungefiltert offen. Studien zeigen, dass viele Kinder und Jugendliche dadurch heute sehr früh mit Pornografie in Berührung kommen, oft auch ungewollt.
Die Landesanstalt für Medien NRW hat Ende 2025 eine Studie veröffentlicht, für die knapp 3.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland zwischen 11 und 17 Jahren zu ihren Erfahrungen mit Pornos und Sexting (das gegenseitige Versenden von sexuellen Inhalten) befragt wurden.
Der Anteil der Minderjährigen, die pornografische Inhalte wahrnehmen, ist demnach in den letzten zwei Jahren um über ein Drittel gestiegen: 2023 waren es noch 35 Prozent, 2025 gaben 47 Prozent an, schon Pornos gesehen zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) war unter 14 Jahren, als sie ihren ersten Porno gesehen hat.

Welche Folgen haben pornografische Inhalte für Kinder und Jugendliche?

Kinder sehen Pornos und richten zunehmend ihre eigene Sexualität daran aus - so einer der Rückschlüsse der Studie der Landesmedienanstalt NRW. So stieg die Zahl derer, die Pornos als „informativ“ oder „lehrreich“ empfinden, im Vergleich zum Vorjahr von 8 auf 13 Prozent. 36 Prozent gaben an, die im Porno gezeigten Inhalte im echten Leben ausprobieren zu wollen, wobei der Wert bei Jungen wesentlich höher war als bei Mädchen.
Grafik zeigt die Anzahl der Jugendlichen, die online schon mal Pornos gesehen haben. 2025; 47% ja, 48% nein; 2024: 42% ja, 52% nein; 2023: 35% ja, 61% nein. Der Rest möchte nicht antworten oder weiß es nicht.
Mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen (36 Prozent) gab an, die in Pornos gezeigten Inhalte selbst im echten Leben ausprobieren zu wollen.© Deutschlandradio / Andrea Kampmann
Sehr wenige von ihnen sprechen nach dem ersten Pornokontakt mit einer erwachsenen Person, seien dann mit den Gefühlen, die das Gesehene in ihnen auslöst, allein, sagt die Sexual- und Medienpädagogin Madita Oeming. Es fehlten die Räume für sexuelle Bildung, aber auch für eine „pornospezifische Medienkompetenz“, damit der nicht mehr zu vermeidende Kontakt mit diesem Thema nicht zu verzerrten Bildern von Sexualität und Körperbildern führe.
Grafik zeigt die Anzahl der Jugendlichen, die online schon mal Pornos gesehen haben, aufgeschlüsselt nach Alter 11-13 und 14-17 Jahre.
Die richtige Einordnung der explizit sexuellen Inhalte gelingt Kindern nicht, so die Studienmacher© Deutschlandradio / Andrea Kampmann
Der frühe Kontakt mit pornografischen Inhalten führt zu Veränderungen in der sexuellen Biografie der heutigen Kinder und Jugendlichen. Viele erlebten ihre ersten sexuellen Erfahrungen online. Das Internet sei für sie eine Art „Probebühne für Sexualität“, ein digitales Spielfeld, so Madita Oeming.
Die ersten analogen sexuellen Erlebnisse passierten heute immer später. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) erleben die meisten ihr "erstes Mal" mit 19 Jahren. 

Sexuelle Aufklärung, aber richtig – Tipps für Eltern

Wichtig sei, früh mit Kindern über Sexualität zu sprechen, lange bevor sie sich selbstständig im digitalen Raum bewegen, rät Sebastian Kempf. Er arbeitet seit über 30 Jahren als Sexualpädagoge bei Profamilia in München und berät Eltern und Lehrkräfte zu dem Thema.
Der richtige Zeitpunkt sei, sobald Kinder Fragen stellen, das kann auch schon im Vorschulalter sein. „In dem Moment, wo man Kindern dazu passende, freundliche, altersangemessene Antworten gibt, lernt das Kind auch, dass die Eltern Ansprechpartner sind, dass man Fragen stellen kann“, so Kempf.
Erziehungsberechtigte sollten zusätzlich immer im Blick behalten, womit ihre Kinder auf ihren Handys in Kontakt kommen. Vom heimlichen Überprüfen eines Browserverlaufs wird abgeraten – der Vertrauensbruch wäre sicher ein größerer Schaden. Besser sei beispielsweise das gemeinsame Reinschauen in den Klassenchat.
Ohne Panikmache sollte man die Heranwachsenden darauf vorbereiten, was für Inhalte sie im Internet möglicherweise sehen können. Dabei gehe es nicht um Verbote, sondern darum, Orientierung zu geben. Denn neben pornografischen Inhalten lauern dort auch Gefahren wie das Cybergrooming, bei dem Erwachsene Kontakt zu Kindern aufnehmen und sich dabei als Gleichaltrige ausgeben.

Gefahren des Sexting

Auch das Weiterleiten von Nacktbildern ist ein Thema, über das Eltern mit Kindern und Jugendlichen unbedingt sprechen sollten, denn das ist gesetzlich verboten. Anders ist es beim sogenannten Sexting: Dabei erstellen und versenden Menschen im beiderseitigen Einvernehmen Nacktbilder oder intime Videos. Sind die Beteiligten mindestens 14 Jahre alt, ist das erlaubt. Sexuelle Darstellungen von Kindern bis 13 Jahre sind hingegen ausnahmslos verboten, sie fallen unter den Tatbestand der Kinderpornografie.
Wer in sozialen Medien aktiv ist, kann auch Opfer von Deepfake-Pornografie werden. Dabei werden mithilfe von KI real existierende Gesichter und Körper bisweilen täuschend echt in pornografische Fotos oder Videos montiert oder das Bildmaterial wird insgesamt mit KI hergestellt. Auch über diese Gefahren sollten Eltern mit ihren Kindern sprechen.

Sexuelle Aufklärung in sozialen Medien

Auf Instagram, TikTok & Co. finden sich unzählige Videos zur sexuellen Aufklärung: Es geht um Informationen zu Gesundheit, Sexualität und Selbstbestimmung. Nadine Eikenbusch von der Landesmedienanstalt NRW beschäftigt sich mit der Aufklärung von Minderjährigen. Gerade bei Jugendlichen sei das Thema Sexualität sehr präsent. Manche suchten neugierig danach, anderen würden auch ungefragt Inhalte zugeschickt.

Auberginen, Maiskolben und andere Codes  

Nutzerinnen und diejenigen, die Inhalte erstellen, verwenden dafür eine eigene Sprache, den sogenannten Algospeak. Statt Sex wird Sxx geschrieben oder das Maiskolben-Emoji als Symbol für Porno eingesetzt. Ohne diese Codes besteht das Risiko, dass die Reichweite der Accounts eingeschränkt wird.
Viktoria Schakow moderiert das Format "Wahrscheinlich Peinlich" auf dem TikTok-Kanal von Funk, dem Jugendangebot von ARD und ZDF. Neben Tipps gegen Schwitzhände vorm Date und Hinweise zur richtigen Gesichtsrasur geht es dort auch um Selbstbefriedigung und Gleitgel-Alternativen. Die Aufklärungsarbeit finde dabei in einem Spannungsfeld statt, so Schakow. Einerseits sei da der Wille zur Aufklärung, andererseits gehe es darum, die Scham der Jugendlichen zu akzeptieren und sie da abzuholen, wo sie sind.
Schakow würde gerne noch offener, ohne Codes, über Sex informieren und bekommt dazu viel Feedback von Jugendlichen in den Kommentaren, die auf ihrem TikTok-Kanal mehr über Sexualität lernen würden als im Schulunterricht. Sie wünscht sich einen inklusiveren und „sexpositiven“ Umgang für Aufklärungsaccounts wie ihren bei TikTok. Begriffe, die wichtig für den Umgang mit Sexualität sind, sollten ohne Sanktionen verwendet werden dürfen, fordert sie.

Sexuelle Aufklärung und Mythen im Wandel der Zeit

1969 sorgte ein Schulbuch in Westdeutschland für Diskussionen - der Sexualkundeatlas, herausgegeben von der Bundesregierung. Damit war Sexualpädagogik auch in westdeutschen Schulen angekommen. In Ostdeutschland wurde schon seit 1947 im Biologieunterricht Fortpflanzung unterrichtet.
Seitdem hat sich einiges getan, zum Beispiel auf dem Buchmarkt. Aufklärungsbücher sind heute vielfältiger als früher und beziehen nicht nur Körperlichkeiten und Sex an sich mit ein, sondern gehen auch auf den Umgang mit sexueller Gewalt oder LGBTQIA+-Themen ein. 
Über Jahrhunderte aber wurde die Sexualität – und damit auch ihre Vorstellung davon– maßgeblich durch religiöse Moralvorstellungen bestimmt. Das Christentum, wie eigentlich alle monotheistischen Religionen, pflegt eine strenge Sexualmoral, die zum Beispiel Sex außerhalb der Ehe verbietet. Der Akt dient nicht der Lust, sondern der Fortpflanzung – alles andere ist Sünde. Letztlich geht es dabei um ein Machtverhältnis zwischen Mann und Frau, sagt die Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal.

nsh
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