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Pandemien als Fortschrittsgeschichte

"Gegen Seuchen hilft nur Wissenschaft"

15:12 Minuten
Tod und Verderben: Die Welt zu Zeiten der Pest um 1560 steht in Flammen, wie Pieter Bruegels Bild zeigt.
Tod und Verderben: Die Welt zu Zeiten der Pest um 1560 steht in Flammen, wie Pieter Bruegels Bild zeigt. © picture-alliance / akg-images
Philipp Kohlhöfer und Bernd Ingmar Gutberlet im Gespräch mit Christian Rabhansl · 20.11.2021
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Die Geschichte der Pandemien ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Schon seit Jahrhunderten begleiten sie immer auch Verleugnung, Verweigerung und Verschwörungsideen. Die Autoren Philipp Kohlhöfer und Bernd Ingmar Gutberlet erzählen, warum.
"Heimsuchung" heißt das Buch von Bernd Ingmar Gutberlet. Nicht ohne Grund: „Wir nehmen die gegenwärtige Pandemie durchaus als Heimsuchung wahr", sagt der Historiker. "Vielleicht nicht im religiösen Sinne. Aber durchaus im Sinne des Gebeutelt-Werdens.“ Er zeichnet die Geschichte von Pandemien über die Jahrhunderte seit dem Mittelalter nach. Chronologisch: "Historiker arbeiten gerne chronologisch", wie er sagt.
Philipp Kohlhöfer wählt einen anderen Ansatz. Er stellt Menschen in den Fokus der Betrachtung. "Pop-Wissenschaft", nennt er das selbst. Sein Buch "Pandemien. Wie Viren die Welt verändern" kommt eher wie ein Wissenschaftsthriller daher. „Ich wollte das erzählen wie einen Film", sagt der Autor, der bereits 2003 eine Reportage über Coronaviren schrieb.

Zwei Bücher, zwei Ansätze

"Wissenschaft in the making" soll sein Buch abbilden, wissenschaftlich korrekt, aber knallig und bunt. "Ein bisschen wie ein Roland-Emmerich-Film", sagt er lachend. "Oder besser: Wie ein Guy-Ritchie-Film mit etwas Theodor Fontane."
Cover des Buches "Pandemien. Wie Viren die Welt verändern" von Philipp Kohlhöfer.
Seuchen sind immer persönlich, meint Autor Philipp Kohlhöfer. © Deutschlandradio / S. Fischer
Er habe ein Buch über Menschen schreiben wollen. Da müsse man schauen, welche Bereiche man abdecken will. Wer ist da Spezialist, sei eine er Fragen, wer ist da eine erzählenswerte Person? So sei der etwa auf eine Fledermausforscherin gekommen, die ihn beeindruckt habe. "Fledermäuse sind ganz fantastische, gesellige Tiere", sagt er. Fledermäuse bestäubten mehr Blüten als Vögel. Und per se gefährlich seien sie auch nicht: Es gebe eigentlich keinen Grund, warum das Virus überspringe.

Parallelen zu früheren Pandemien

In Bernd Ingmar Gutberlets Buch "Heimsuchung kommt Covid-19 kaum vor. Das sei auch gar nicht notwendig, findet der Autor. "Es gibt so viele Parallelen, jeder nimmt die Geschichte aus seinem persönlichen Corona-Erleben anders war." Dennoch lägen die Parallelen auf der Hand.
Früher hätten vor allem Handelsrouten, Kriege und Ignoranz eine Rolle bei der Ausbreitung gespielt. Und gerade reichere Leute hätten alles geschafft, um von den strengen Maßnahmen nicht erfasst zu werden. In Zeiten der Cholera hätte sich die Europäische Öffentlichkeit lange in dem Glauben gewähnt, dass die Seuche das zivilisierte Europa nicht treffen könne.
Cover des Buches "Heimsuchung. Seuchen und Pandemien" von Bernd Ingmar Gutberlet auf orangefarbenem Untergrund.
Pandemien und Seuchen bieten auch eine Chance auf Veränderung, meint Autor Bernd Ingmar Gutberlet. © Deutschlandradio / Europa Verlag

Selbst der Protest hat Geschichte

Es gebe wiederkehrende Muster bei Pandemien, sagt auch Philipp Kohlhöfer. Verleugnung, Verweigerung und Verschwörungsideen etwa gebe es "seit Jahrhunderten, da hat sich überhaupt nichts verändert." Gegen die Pocken-Impfung hätten seinerzeit Zehntausende demonstriert. "Total frustrierend" finde er das manchmal.
Die Reaktion sei aber erklärbar. Sie habe mit der Überforderung, zu tun wenn man mit Viren und Bakterien zu tun habe. Es sei schließlich "nicht die Armee, die vor der Tür steht. Wer stirbt und wer lebt, ist teilweise Zufall."
Ein wichtiger Faktor bei Pandemien ist laut Bernd Ingmar Gutberlet die Religion. So sei AIDS von sehr konservativer Seite als Ergebnis sittlicher Verfehlungen dargestellt worden. Schwule mussten sich dessen erwehren, sagt Gutberlet, doch das habe viel ausgelöst für die Gruppe der Homosexuellen.

Die Lehren aus der Geschichte ziehen

Und was kann Wissenschaft? Für Philipp Kohlhöfer steht die wissenschaftliche Wahrheit vor allem gegen Unsinn und Quatsch. "Das kam mir in der Debatte etwas zu kurz", sagt er. Zumal, wenn man bedenke, wie viel Hass etwa den Virologen der Charité entgegenschlage.
Überzeugen wolle er jedoch niemanden, er habe das Buch nicht im Hinblick auf eine Zielgruppe geschrieben. „Am Ende ist meine Zielgruppe meine Mutter", sagt er. Sie lese eher wenig, "ich wollte das so schreiben, dass sie Spaß am Lesen hat."
Bernd Ingmar Gutberlet ärgert sich, dass so viele Menschen jammerten und sich so beschwerten "Früher war es viel schlimmer", sagt er. "Wir profitieren von den Abermillionen Seuchenopfern der letzten Jahrhunderte." Dem gegenwärtigen Erleben müsse man historische Tiefenschärfe verleihen. Und schließlich sei doch sichtbar, dass wir auf die Erfahrungen der letzten Jahrhundert aufbauten. "Wir können uns gut auf die Maßnahmen verlassen", sagt er. Bei der Pockenimpfung sei Kuh-Lymphe verwendet worden, "da konnte alles Mögliche passieren."

"Wir drängen uns den Seuchen auf"

Die nächste Seuche werden es dennoch geben, meint Phlipp Kohlhöfer. „Wir drängen uns den Seuchen auf", sagt er. Wenn wir den Regenwald abholzten, sei das Virus immer noch da. Wenn wir eine Weidefläche daraus machten, infiziere das Virus die Kuh, und das Virus könne schließlich auf uns überspringen.
Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Pandemie kommt. "Und Wissenschaft ist der einzige Schlüssel, um das zu lösen."

Philipp Kohlhöfer: "Pandemien. Wie Viren die Welt verändern."
S. Fischer, Frankfurt 2021. 544 Seiten, 25 Euro.

Bernd Ingmar Gutberlet: "Heimsuchung. Seuchen und Pandemien: Vom Schrecken zum Fortschritt."
Europa Verlag, München 2021. 368 Seiten, 24 Euro.