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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.03.2016

Serie zu Kulturbaustellen: die Mathildenhöhe Nietzsche am Ende des Tunnels

Von Ludger Fittkau

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Die Russische Kapelle auf der Mathildenhöhe in Darmstadt (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Kalker)
Die Mathildenhöhe in Darmstadt hat auch während der Bauzeit als Ausflugsziel einiges zu bieten, zum Beispiel die Russische Kapelle. (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Kalker)

Die Wiedereröffnung des zentralen Ausstellungsgebäudes der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt lässt seit fünf Jahren auf sich warten. Jetzt verzögert sich die Bauzeit schon wieder. Eine der ersten neuen Ausstellungen ist trotzdem in Planung.

Menschenleer ist sie nicht – die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe in der Osterzeit. Im Gegenteil: Es herrscht reger Betrieb auf dem traditionellen Bouleplatz im Platanenhain vor dem seit 2012 geschlossenen zentralen Ausstellungsgebäude. Auch Kunstinteressierte kommen von weit her, um die ab 1899 maßgeblich vom Architekten  Joseph Maria Olbrich gestaltete Darmstädter Künstlerkolonie zu besuchen, die seit kurzem auf der Vorschlagsliste der Deutschen UNESCO-Kommission für das Weltkulturerbe steht.  

Eine Gruppe aus Düsseldorf schaut ein wenig ratlos auf die verschlossenen Türen des Ausstellungsgebäudes:

"Wir kommen eigentlich wegen Olbrich her, wegen des Darmstädter Jugendstils. Würden uns natürlich jeder Art von Protest sofort anschließen, wenn es darum geht, kulturelle Einrichtungen zu schließen."

Die Jugendstilfreunde aus dem Rheinland sind beruhigt, als sie erfahren, dass die Schließung des Ausstellungsgebäudes zeitlich befristet ist - wegen einer umfangreichen Sanierung. Die sich allerdings viel länger hinzieht, als ursprünglich geplant.

Die Weichen wurden neu gestellt

Auch  das  Museumscafé ist seit fünf Jahren in ein provisorisches Holzhäuschen im Platanenhain ausgelagert. Sobald sich sie Frühlingssonne sehen lässt, sind hier die Tische belegt. Auch das Museum zur Geschichte der Künstlerkolonie in einem Seitengebäude ist geöffnet. Doch auf bundesweit beachtete Kunstausstellungen im zentralen Ausstellungsgebäude muss das Publikum noch bis 2018 verzichten. Philipp Gutbrod, Kunsthistoriker und Direktor des Instituts Mathildenhöhe, erklärt warum:

"Ende 2012 schloss die letzte Ausstellung im Ausstellungsgebäude und natürlich hatten wir gehofft, jetzt fertig zu sein mit der Sanierung. Aber etwas Wunderbares hat sich in dieser Zeit ereignet. Wir sind auf die deutsche Tentativliste gelangt, das heißt die Vorschlagsliste für eine Weltkulturerbestätte, dass sie aufgenommen wird in die Kreise der Weltkulturerbestätten der UNESCO. Das fand eben im Jahr 2014 statt. Und da wurden eben die Weichen neu gestellt."

Für die bereits angelaufene Sanierung des zentralen Ausstellungsgebäudes wurde in diesem Moment gewissermaßen die UNESCO-Brille mit aufgesetzt. Denn um mit einem Welterbeantrag bei der UN-Kulturorganisation erfolgreich zu sein, muss man mit Neuerungen in einem potentiellen Welterbeareal sehr behutsam umgehen.  Dies weiß man hierzulande nicht zuletzt durch die Affäre um die Dresdner Waldschlösschen-Brücke. 2009 hatte die UNESCO der Stadt Dresden das Weltkulturerbe-Label wieder aberkannt, weil man dort unbedingt eine neue Brücke bauen wollte.

Bei der Sanierung des zentralen Ausstellungsgebäudes der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe aus dem Jahr 1908 geht es für den Welterbeantrag unter anderem darum,  Bauforschung zu betreiben.  Um damit im Detail noch mehr darüber zu lernen, wie der Gebäudekomplex vor 100 Jahren funktionierte.

Die Künstler waren große Nietzsche-Verehrer

Die Anforderungen für einen modernen Ausstellungsbetrieb mit den Denkmalschutzaspekten austarieren, die im Hinblick auf den UNESCO-Welterbeantrag noch einmal wichtiger geworden sind – das ist ein Grund, warum sich die Wiedereröffnung der zentralen Ausstellungshalle auf der Mathildenhöhe noch gut zwei Jahre verzögern dürfte.

Philipp Gutbrod muss sich bis dahin mit begrenzten Raummöglichkeiten behelfen:

"Wir sind natürlich nicht geschlossen oder nicht aktiv, sondern wir haben natürlich das Museum Künstlerkolonie, was nach wie vor mit Sonderausstellungen bespielt wird. (…) Wir haben auf unserer Homepage ein Post das heißt "Mathildenhöhe on tour". Da zeigen wir, welche Leihgaben wir aus der städtischen Sammlung wir in unterschiedliche Ausstellung international ausleihen."

Der Chef der Mathildenhöhe nutzt die Zeit, die ihm noch bis zur geplanten Wiedereröffnung des zentralen Ausstellungsgebäudes - etwa im Jahr 2018 - bleibt, um intensiv weiter zu den geistigen Kräften zu forschen, die insbesondere in der Gründungsphase der Künstlerkolonie um das Jahr 1900 prägten.  Der Philosoph Friedrich Nietzsche ist dabei eine Schlüsselfigur, zu der Philipp Gutbrod eine der ersten großen Ausstellungen nach der Wiedereröffnung plant:

"Die verschiedenen Künstler, die verschiedenen ersten Mitglieder der Künstlerkolonie Darmstadt waren große Nietzsche-Verehrer. Das Haus von Peter Behrens ist eine einzige Hommage an Nietzsche. Behrens kam ja hier her als Maler und hat als Autodidakt sein erstes Haus gebaut. Hat auch das Buch "Also sprach Zarathustra" gestaltet als bibliophile Ausgabe. Aber gerade dieses Haus, das ist ein Anknüpfungspunkt von vielen anderen, da werde ich einiges neues hier präsentieren können."

Doch um das zu sehen, wird  man noch ein bisschen Geduld und guten Willen der Denkmalpfleger brauchen.  Zwischen 2018 und 2020 könnte es dann endlich soweit sein.

Solange wird es wohl meist das Klacken der Boulekugeln im Plantanenhain sein, das den Raum vor der geschlossenen Ausstellungshalle füllt.

Hier sehen Sie alle Beiträge unserer Serie "Achtung, Kulturbaustelle"


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1.4. Schauspiel und die Oper in Köln

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