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Kompressor | Beitrag vom 29.12.2015

Serie "Tagebuch aus Aleppo" (Teil 7)"Nachts lebt die Seele"

von Julia Tieke

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Syrische Kinder im Salahdine-Bezirk von Aleppo spielen Kicker. Doch solche Augenblicke sind selten geworden. Viele Kinder und Jugendliche wurden in den letzten Jahren Opfer von Bombenangriffen durch das Assad-Regime.  (picture alliance/EPA/Jim Lopez)
Jugendliche beim Kickerspiel in Aleppo. Solche entspannten Augenblicke am Abend sind selten geworden. (picture alliance/EPA/Jim Lopez)

Die Proteste in Syrien begannen friedlich - inzwischen herrscht Krieg. Die achtteilige Serie "Tagebuch aus Aleppo"fängt persönliche Berichte junger Syrer aus der umkämpften Stadt ein: Drei Menschen erzählen von ihrem Alltag im Krieg.

"Ich heiße Fajer und bin 26 Jahre alt."

"Mein Name ist Mahmoud, ich bin Teil der Jugend von Aleppo"

"Ich bin aus Aleppo, 25 Jahre alt, mein Name ist Sobhi Al Muhareb."

Fajer: "Nachts sitzt du mit deinen Freunden, deinen Lieben, und entspannst, Du erholst dich vom Tag. Eine Verschnaufpause."

Wie sind Deine Nächte? Was verändert sich in der Nacht? In Berlin sitze ich am Schreibtisch und schicke Fragen nach Gaziantep, in der Südtürkei. Dort lebt Haytham, der den kleinen syrischen Sender Radio Rooh betreibt. Immer wieder geht er auch in seine Heimatstadt Aleppo, mitten ins Kriegsgebiet. Dorthin nimmt er meine Fragen mit.

Mahmoud: "Früher bin ich gegen elf Uhr abends von der Arbeit nach Hause gekommen, und dann habe ich mich noch stundenlang mit meiner Familie hingesetzt und Karten gespielt, und dann geschlafen, um zwei, drei Uhr. Bis zehn, elf... Jetzt müssen wir ab zehn Uhr zuhause bleiben, und ich sitze mit meiner Familie nur noch eine Stunde zusammen. Um elf Uhr sollte ich schlafen."

Fajer: "Nachts lebt die Seele. Nachts verändern sich deine Gefühle, deine Gedanken, deine Träume. Nachts kannst du der Realität näher kommen. Du kannst deine Dinge planen, auch wenn du schläfst, du kannst nachts das Leben führen, das du später einmal haben möchtest.So ist es meistens für mich, in der Nacht."

Mahmoud: "Das Nachtleben hat sich verändert. Früher sind wir um vier Uhr morgens aus dem Hammam gekommen und keiner hat uns gefragt woher wir kommen, wohin wir gehen. Jetzt gibt es ab zehn oder elf Uhr Straßensperren, und wir können nicht raus. Einmal war unser Nachbar krank, es war drei Uhr nachts. Wir sind mit dem Auto zur Notaufnahme gefahren, aber es war unbeschreiblich schwierig dorthin zu kommen. Der Fahrer hätte sterben können, aber wir haben es geschafft. An den Absperrungen können sie ohne Erlaubnis einfach töten – bloß weil es spät nachts ist."

Sobhi: " 'Nacht' hatte für uns früher die Bedeutung, lange aufzubleiben, zu lachen, Unterhaltung. Wir haben die Nacht genossen, hatten Spaß, haben Freunde und Familie getroffen. Jetzt gibt es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Wir schlafen, um am nächsten Tag in derselben Routine aufzuwachen. Die gleichen Probleme, der gleiche Stress, die gleichen Verantwortlichkeiten. 'Nacht' hat für uns früher Entspannung bedeutet, Heiterkeit, Ruhe. Jetzt ist das alles nicht mehr da. Alles ist gleich geworden, Tag und Nacht."

Mahmoud: "Bevor wir uns eine Gute Nacht wünschen, verabschieden wir uns. Wir akzeptieren es, wenn einige nicht mehr aufwachen und sagen, so Gott will, treffen wir uns im Himmel wieder. Wenn wir dann am nächsten Tag aufwachen, danken wir Gott für unsere Gesundheit. Tagsüber gibt es nicht so viele Raketeneinschläge. Die Kämpfe geschehen eher in der Nacht, die Freie Syrische Armee dringt eher nachts in meine Nachbarschaft ein. Nachts ist die Bewachung am schwächsten. Die Straßen sind dunkler."

Sobhi: "Vielleicht können wir im Dunkel der Nacht immer noch einen Ort zum Verstecken finden, um uns unsichtbar zu fühlen und weniger Verantwortung zu tragen als am Tag. Es ist immer noch so, dass sich die Nacht für mich besonders anfühlt. Insgesamt bevorzuge ich die Nächte. Wir können uns ein wenig in ihnen verbergen."

Serie "Tagebuch aus Aleppo" - in acht Teilen
Drei junge Menschen aus Aleppo und Umgebung beschreiben ihren Alltag in Ton und Text. Der syrische Radiokollege Haytham Kabbani des Exilsenders "Radio Rooh" mit Sitz im türkischen Gaziantep hat das Material gesammelt und an die Autorin Julia Tieke geschickt.
Mehr zum Thema

Tagebuch aus Aleppo (Teil 6) - "Heimat? Du bist ein Teil davon"(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 28.12.2015)

Tagebuch aus Aleppo (Teil 5) - "Wir sind alt geworden"
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 23.12.2015)

Tagebuch aus Aleppo (Teil 4) - "Familie bedeutet alles für mich"
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Serie "Tagebuch aus Aleppo" - Teil 3 - "Ich habe Angst vor den Toten, aber nicht vor dem Tod"
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 21.12.2015)

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Serie "Tagebuch aus Aleppo" - Teil 1 - "Alle hier sind gefesselt"
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Fazit

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