Seit 01:05 Uhr Tonart

Sonntag, 20.01.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit | Beitrag vom 01.01.2019

Serie: Frauen im BauhausVerdrängte Schöpfung

Ulrike Müller im Gespräch mit Britta Bürger

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Malerin Ida Kerkovius 1959 in ihrem Stuttgarter Atelier vor der Staffelei. Neben Gemälden gehören zahlreiche Wandteppiche zu ihrem Werk. Ida Kerkovius wurde am 31. August 1879 (russischer Kalender) in Riga geboren und verstarb am 7. Juni 1970 in Stuttgart. (dpa)
Zum Beispiel Ida Kerkovius: Die Jahre 1920 bis 1923 verbrachte die Malerin und Bildteppichweberin am Bauhaus in Weimar. Sie zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der Klassischen Moderne. (dpa)

Frauen stellten die Mehrheit der Studierenden am Bauhaus, dann wurden sie in Nischen abgedrängt. Dort zeigten sie ihr Können, doch den Platz in den Geschichtsbüchern nahmen die Männer ein. Wir stellen ab heute täglich eine Bauhaus-Pionierin vor.

Im ersten Semester 1919 gab es am Bauhaus mehr weibliche als männliche Studierende. Ulrike Müller, die ein Standardwerk über Frauen im Bauhaus geschrieben hat, verknüpft diese überraschende Tatsache mit dem gesellschaftlichen Aufbruch, der die Zeit der Gründung der Weimarer Republik prägte - und mit der Tatsache, dass 37 Frauen als Abgeordnete in der Nationalversammlung saßen: "Nur ein paar Straßen weiter gibt es dann die Möglichkeit für Frauen, am Bauhaus zu studieren."

In die Weberei gedrängt

Doch aus der anfänglichen Frauenmehrheit wurde schnell eine Minderheit. Das lag nach Müllers Ansicht an thematischen und strukturellen Veränderungen der Schule und auch daran, dass Frauen davon abgehalten wurden, in bestimmten Werkstätten mitzuwirken. Von Gropius und Carl Schlemmer wisse man zum Beispiel, dass sie Frauen nicht gerne in der Architektur sahen, berichtete Müller im Deutschlandfunk Kultur.

So sei es durchaus als "große Eroberung" zu werten, dass Frauen in der Wandmalerei, einer Metallwerkstatt oder der Möbeltischlerei ihren Platz einnahmen. Aber "das Gros wurde gedrängt, in die Webereiwerkstatt zu gehen".

Patriarchale Geschichtsschreibung

In eben diesem Textilbereich schufen Frauen dann mit ihren Prototypen für die Industrie Innovationen, die wir heute als selbstverständlich erachten, von denen aber kaum jemand die Autorinnenschaft kennt.

Otti Berger, Anni Albers und Gunta Stölzl: Die Schöpferinnen sind entweder aus den Geschichtsbüchern verschwunden oder wurden erst gar nicht mit aufgenommen. Das liegt Müller zufolge daran, dass Frauen sich aufgrund ihrer Sozialisation stärker zurückstellten und weniger an einer Karriere interessiert waren. Zudem bemühten sich die Männer stärker darum, Meister zu werden und schoben so ihre Konkurrentinnen aktiv an den Rand.

Letztlich habe dann auch noch die patriarchale Geschichtsschreibung dazu beigetragen, die Bauhaus-Frauen aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen, betonte Müller.

Sie waren ungemein wichtig und dennoch lange unbeachtet. Zum 100. Geburtstag der berühmtesten Kunstschule der Welt erinnern wir täglich an Frauen im Bauhaus: Mit der Fotografin und Bauhaus-PR-Frau Ise Gropius starten wir am Mittwoch unsere Serie.

Im Frühjahr erscheint zum Thema im Elisbeth-Sandmann-Verlag auch der Bildband "Bauhaus-Frauen" von Ulrike Müller.

Mehr zum Thema

Kunsthistoriker zum 100. Jubiläum - "Das Bauhaus war hochpolitisch"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 02.01.2019)

100 Jahre Bauhaus - Aus Dessau über Israel nach Nigeria
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 25.11.2018)

Bauhaus Imaginista in Sao Paulo - Zurück zu den Wurzeln
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 26.10.2018)

Design- und Architekturausstellung in Kyoto - Als das Bauhaus nach Japan kam
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 06.08.2018)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsAus sexuellen Gründen inkompetent
Die Königin von Schottland, Maria Stuart. Sie wurde am 8. Dezember 1542 in Linlithgow geboren und erbte schon mit sechs Tagen die schottische Krone von ihrem verstorbenen Vater Jakob V. Sie ist als Schlüsselfigur im politisch-konfessionellen Streit des 16. Jahrhunderts und wegen ihrer undurchsichtigen persönlichen Entscheidungen eine der schillernsten Personen der Weltgeschichte. Maria Stuart wurde nach 19 Jahren Haft in England durch Königin Elizabeth I. am 8. Februar 1587 in Fotheringhay hingerichtet. (picture-alliance / dpa)

Den ersten Film "Maria Stuart. Königin von Schottland" der Theatermacherin Josie Rourke bezeichnet die "FAZ" als "hochaktuelle Glanzleistung". Auch die "Welt" feiert eine starke Frau - Rosa Luxemburg als große politische Rednerin.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur