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Literatur | Beitrag vom 23.06.2019

Sergio Raimondis politische PoesieGlobalisierungskritik in Versen

Von Sergio Raimondi

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Der argentinische Schriftsteller Sergio Raimondi (Timo Berger)
Der argentinische Schriftsteller Sergio Raimondi (Timo Berger)

Der argentinische Dichter Sergio Raimondi gehört in seinem Land zu den radikalen Kritikern der Globalisierung. In seiner Berliner Rede zur Poesie setzt er sich mit dem Verhältnis zwischen Poesie und Kapitalismus auseinander.

Die Abende der vorletzten Juniwoche 2019 gehörten in Berlin der Lyrik: Das Poesiefestival ließ zahlreiche Dichter aus sieben Sprachen vortragen, diskutieren, performen. Die "Berliner Rede zur Poesie" hielt der argentinische Dichter Sergio Raimondi, ein Lyriker der globalisierten Welt – und ihr radikaler Kritiker.

Er begreift die Globalisierung als Problem der Poesie. Seine Dichtkunst ist ein "Muskel, der abstrahieren kann". In wenigen Versen bricht der 1968 Geborene die Grundsatzfragen der politischen Ökonomie auf eine Scheibe Toastbrot herunter, ein Klempner erteilt bei ihm einem orphischen Dichter Lektionen, und von Dantes Eierdiät zum Stufenaufbau einer Rakete ist es nur – ein Zeilensprung.

Erneuerer der Literatur seines Landes

Raimondis Texte sind immer in einem emphatischen Sinne politisch. Mit einem einzigen Band, dem Debüt "Poesía Civil", hat Raimondi 2001 die Literatur seines Landes erneuert. Und seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet er an einem gewaltigen enzyklopädischen Projekt, in das die ganze Welt Eingang finden soll, dreifach angereichertes Uran ebenso wie der Industriemelanismus bei Birkenspannern oder der Einfluss von Schwerwasserfabriken auf den Nestbau von Blaureihern: "Für ein kommentiertes Wörterbuch". Eine Auswahl erschien 2012 im Berenberg Verlag.

In der Berliner Rede zur Poesie mit dem Titel "Probleme beim Schreiben einer Ode an den pazifischen Ozean", gehalten am 16. Juni in der Akademie der Künste, setzt sich Sergio Raimondi mit Theodor W. Adornos Forderung nach einer Poesie auf der Höhe des Kapitalismus auseinander. Und er verspricht jenen Linderung, die nachts wachliegen, heimgesucht von gewaltigen makroökonomischen Grafiken.

Die Rede ist in einer Übersetzung von Timo Berger im Wallstein Verlag erschienen.

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