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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.02.2015

Sergej Lochthofens DDR-AlltagErinnerungen an ein graues Land

Von Ernst Rommeney

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Grauer Hinterhof eines Berliner Wohnhauses in der Oderbergerstraße (imago/Dieter Matthes)
Grauer Hinterhof eines Berliner Wohnhauses in der Oderbergerstraße (imago/Dieter Matthes)

Ein Pendler zwischen Russland und der DDR war der junge Mann mit dem russischen Vornamen Sergej und dem deutschen Nachnamen Lochthofen. Nach der Geschichte seines Vaters erzählt der Autor nun vom eigenen Heranwachsen im "Grau" des sozialistischen Alltags - wider die DDR-Nostalgie.

Unter Russen sei er ein Deutscher gewesen, unter Deutschen ein Russe. Ihn habe die Aura des Ungewöhnlichen umgeben, was ihm erlaubte, scheinbar mühelos zwischen verschiedenen Welten zu pendeln.

Cover Sergej Lochthofen "Schwarzes Eis" (rororo)Cover Sergej Lochthofen "Schwarzes Eis" (rororo)Zu keiner gehörte er richtig dazu, war aber auch keiner wirklich verpflichtet: der junge Mann mit dem russischen Vornamen Sergej und dem deutschen Nachnamen Lochthofen.

In Workuta am Nordende des Ural-Gebirges geboren, ging er im thüringischen Gotha vormittags in eine russische Garnisonsschule und spielte nachmittags mit deutschen Nachbarkindern. In Simferopol auf der Krim studierte er Kunst, in Leipzig Journalistik und arbeitete anschließend in der Erfurter SED-Bezirkszeitung "Das Volk", aus der er 1990 gemeinsam mit Redaktionskollegen die "Thüringer Allgemeine" machte.

Seine Mutter war Russin. Deren Vater roter Kommissar im Bürgerkrieg und Gewerkschaftssekretär. Er zählte sich zur Arbeiteropposition, die er als Gegenentwurf zu Stalin verstand, weshalb der Diktator ihn ins Lager nach Workuta verbannte.

Dorthin wird auch Lochthofens deutscher Vater für 20 Jahre geschickt, der träumerisch als Kommunist von Dortmund in die Sowjetunion übergesiedelt war und in der politischen Realität ernüchterte, als er zu Unrecht in Ungnade fiel.

Vater verhinderte unüberlegte Opposition

Sergej Lochthofen "Grau. Eine Lebensgeschichte aus einem untergegangenen Land" (rowohlt)Sergej Lochthofen "Grau. Eine Lebensgeschichte aus einem untergegangenen Land" (rowohlt)

Später kehrte er mit seiner jungen Familie aus dem Gulag nach Deutschland zurück, wurde erfolgreicher Leiter des Büromaschinenwerks in Sömmerda und so auch Mitglied des ZK der SED. Dessen ungewöhnlichen Lebensroman erzählte der Sohn bereits im ersten Buch "Schwarzes Eis". Nun im zweiten ergänzt er, wie er selbst im Grau der DDR heranwuchs.

Der Vater hielt die schützende Hand über seine Kinder. Ihnen sollte das Schicksal der älteren Generationen erspart bleiben. Er hielt sie von unüberlegter Opposition ab und mahnte sie, sich auf den richtigen Augenblick vorzubereiten – und der kam für Sergej Lochthofen zu Beginn des Jahres 1990.

Leicht ironisch und distanziert beschreibt er, wie er sich entspannt durch den sozialistischen Alltag bewegte, ohne an ihm ernsten Schaden zu nehmen. Gerade deswegen ist sein Erinnern für jene interessant, welche die DDR nostalgisch ob ihrer Nischen loben, denn an jeder Ecke dieser Nischen begegnete ihm ein Parteimensch, der sich gleichermaßen als dumm, ignorant und gefährlich erwies. 

Der Journalist Sergej Lochthofen bei einer Lesung in Erfurt 2012. (imago/VIADATA)Der Journalist und Autor Sergej Lochthofen (imago/VIADATA)

Sergej Lochthofen: Grau. Eine Lebensgeschichte aus einem untergegangenen Land
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014
496 Seiten, 19,95 Euro, auch als ebook

Schwarzes Eis. Der Lebensroman meines Vaters
Rowohlt Verlag, Reinbek 2012
448 Seiten, 19,95 Euro, auch als ebook

Mehr zum Thema:

Sergej Lochthofen - Erinnerungen an ein graues Land
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 27.10.2014)

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