Kulturkampf in Belgrad

Mit Farbbeuteln gegen Mladic-Porträt

04:52 Minuten
Der serbische Ex-General Ratko Mladic auf einem Straßenporträt in Belgrad.
In Belgrad sorgt ein Straßenporträt des serbischen Ex-Generals Ratko Mladic für viel Streit und Aufregung. © Deutschlandradio / Sabine Adler
Von Sabine Adler  · 01.12.2021
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Obwohl er vom UN-Tribunal als Kriegsverbrecher verurteilt wurde, gilt Ex-General Ratko Mladic vielen in Serbien als Held. Die Mladic-Fans huldigen ihm sogar mit einem riesengroßen Graffito. Die Gegenseite attacktiert das Bild mit Farbbeuteln.
Graffitis gehören seit Langem zum Straßenbild der serbischen Hauptstadt Belgrad. Stars aus Showbusiness oder Sport zieren zuhauf Häuserwände, Toreinfahrten und Tunnel. Auch ohne dass ein Name dabeisteht, wissen die Eingeweihten, wer sie da von einem schwarz-weißen oder kunterbunten Wandbild anschaut.
Das Porträt an der Ecke Njegoseva/Alekse-Nenadovica-Straße erkennen sogar politisch Interessierte aus dem Ausland. Denn der oft fotografierte Mann, der militärisch mit der rechten Hand an der Generalskappe grüßt, ist kein anderer als Ratko Mladic. „General, wir danken Deiner Mutter!" ist neben ihm noch zu lesen.

Kritik an Huldigung für Ratko Mladic

Mladic ist ein Kriegsverbrecher. Doch so wenig wie seine Anhänger dessen Festnahme und den Prozess vor dem UN-Tribunal in Den Haag akzeptieren, nehmen sie jetzt das rechtskräftige Urteil hin. Im Gegenteil: Seit dem 23. Juli huldigen sie ihm mit dem überlebensgroßen Straßenporträt und klemmen Blumensträuße hinter die Regenrinne daneben.

Das will Ivan Djuric von der Jugendinitiative für Menschenrechte nicht unkommentiert geschehen lassen: "Das Bild von Ratko Mladic, der für den Genozid in Srebrenica und die Belagerung von Sarajewo und andere Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina verurteilt wurde, ist eine deutliche Botschaft derer, die diese Politik der 1990er-Jahre und die Taten von Ratko Mladic unterstützen. Und das so unverblümt zu zeigen, kommt einer Eroberung des öffentlichen Raums gleich."

Respekt gegenüber den Opfern


Das Bild wird bewacht. An diesem Nachmittag von einem dicklichen Jungen, der von einem ausrangierten Stuhl hochspringt. Überraschend sanft bittet er, alle Aufnahmen mit ihm zu löschen. Seinen Namen mag er nicht sagen, aber sein Alter, 15 Jahre, und dass rund um die Uhr immer jemand hier sei, damit dem Graffiti niemand zu Leibe rückt, was schon öfter passiert sei. Er schaut immer wieder zu einem Taxifahrer an der Ecke, der uns nicht aus den Augen lässt.
Die größte Aktion gegen das Mladic-Gemälde hat Ivan Djuric von der Menschenrechtsinitiative organisiert. Aber der 32-Jährige wollte nicht einfach das Bild abwaschen oder überstreichen. "Sondern eine Botschaft an Serbien, Bosnien-Herzegowina und die Welt senden, dass für uns Mladic kein Held ist, sondern ein Krimineller. Wir schämen uns für ihn und wollen den Opfern Respekt zollen."
Seine Leute hatten Schilder rund um das Bild aufgestellt mit dem Satz: „Sie betreten ein Areal, auf dem serbische Gesetze nicht mehr gelten.“

Polizei schützt nur die Hooligans


Mehrere Male hat die Stadtverwaltung den Hausbesitzer aufgefordert, das Bild zu entfernen, der wollte nichts lieber als das. Genau wie die Mieter. Sie geben zwar Interviews, aber keinesfalls mit Namen oder Stimme. Sie haben Angst, genau wie die Malerfirmen, die das Graffiti entfernen sollten, und es deshalb lieber nicht machten.
Die Polizei schützt weder die Malerfirmen noch die Nachbarn, die sich beklagen und gegen die Vereinnahmung wehren, sondern die mit lauten Liedern durch das Viertel ziehenden rechten Hooligans.

"Das ist auch wieder nur ein Signal an ihre eigenen Wähler", sagt Katarina Popovic. Sie protestierte zu Zeiten der Balkankriege ständig gegen den serbischen Kriegstreiber, den damaligen Präsident Slobodan Milosevic, und kennt das Muster.
"Das ist ein übliches Manöver von unserem Regime, diese nationalistischen Gefühle immer wieder zu wecken und aufzuwärmen", sagt sie. "Dieses Regime hat sich nie wirklich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt, obwohl die Entscheidung über Mladic, einen Kriegsverbrecher, von einem Gericht kam, das unsere Regierung anerkannt hat."

Kritiker werden aus dem Land getrieben


Wochenlang wurde das Mladic-Wandbild in Belgrad mit Farbbeuteln unkenntlich gemacht. Die nationalistischen Verteidiger des Kriegsverbrechers besserten es immer wieder aus, bis sie es mit einer dicken Lackschicht überzogen, von der die Farbe einfach abgewaschen werden kann. 
Mitte November übergoss es ein junger Politiker erneut mit einem Eimer weißer Farbe. Danach wurde ihm zu verstehen gegeben, besser aus Belgrad und Serbien zu verschwinden, was der Mann mit der Zivilcourage auch tat. 50.000 Menschen haben im vorigen Jahr Serbien verlassen, mehr oder weniger freiwillig.

Der 15-jährige Bewacher harrt jedenfalls vor dem Mladic-Bild aus, damit keiner den Ex-General noch einmal unkenntlich macht. Erst in drei Stunden kommt seine Ablösung.

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