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Studio 9 | Beitrag vom 29.04.2019

Serben im KosovoViele haben ihre Grundstücke verkauft

Von Clemens Verenkotte

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Ein Blick auf Mitrovica (imago / Chris Huby)
Die meisten Serben im Kosovo wohnen nördlich der de facto geteilten Provinzstadt Mitrovica, viele andere – so auch die Familie Jovanovic - versprengt über das ganze Landesgebiet. (imago / Chris Huby)

Der Westbalkan-Gipfel in Berlin dreht sich um den Streit zwischen Serbien und dem Kosovo - und auch um die radikalen Idee eines möglichen Gebietstausches. Wir haben eine serbische Familie in der Nähe von Pristina besucht.

Es ist schon dunkel auf dem Hof der Familie Jovanovic, die Hunde schlagen an, die spärliche Außenbeleuchtung lässt erahnen, wo das Wohnhaus und die Gewächshäuser sind, in denen 40.000 Paprika-Pflanzen gedeihen. Hier, in einer kleinen Enklave rund zehn Kilometer südwestlich von Pristina, lebt Zarko Jovanovic mit seiner Frau und den Kindern.

Über den Kiesweg geht es zum Wohnhaus, die Außentreppe hoch in den ersten Stock: In der großen Wohnküche bietet Zarko Kaffee und Saft an - und kommt dann auf sein Dorf zu sprechen:

"Was hier das serbische Umfeld anbetrifft: Hier im Dorf waren wir ausschließlich ein rein serbisches Dorf, jetzt ist das Verhältnis schon 60 zu 40, viele Menschen haben ihre Grundstücke verkauft, und das beeinflusst natürlich auch ein bisschen die Sicherheitslage."

Rund 130.000 Serben leben im Kosovo, das nach dem Krieg 1999 zunächst unter internationaler Aufsicht stand und 2008 seine Unabhängigkeit erklärte - die von Serbien nicht anerkennt wird. Die meisten Serben wohnen in den drei nördlichen Landkreisen um die de facto geteilte Provinzstadt Mitrovica, doch viele - wie die Familie Jovanovic - leben versprengt über das ganze Landesgebiet in kleinen Ortschaften und Dörfern.

Warum in seinem Dorf die Anzahl der serbischen Bevölkerung zurückgeht? Zarko braucht nicht lange nachzudenken:

"Weil sie sich nicht sicher fühlen, weil es keine Arbeit gibt. Wegen der schlechten Situation. Wenn 10 oder 15 Prozent schon gehen, dann sagen sich die Anderen, wenn die schon gehen, dann gehe ich auch. Das ist eine Kettenreaktion."

"Ich interessier mich nur für meine wirtschaftliche Lage"

Die Kinder werden morgens mit einem Schulbus zu serbischen Schulen gefahren, in denen die serbischen Bildungspläne gelten. Die Krankenversicherung Serbiens gilt für die serbischen Einwohner im Kosovo, die Rentenzahlungen kommen aus Belgrad. In jeder Hinsicht seien die Serben im Kosovo von Belgrad abhängig, sagt die serbische Menschenrechts-Aktivistin Sonja Biserko, die langjährige Chefin des Helsinki-Komitees in Belgrad:

"Sie - die Serben im Kosovo - leben wirklich am Existenzminimum. Die Jobs, die sie haben, haben meistens mit den lokalen Gemeinden etwas zu tun, genauso das Bildungs- und Gesundheitssystem, das wird von Belgrad bezahlt. Und deswegen bleiben sie. Die meisten arbeiten nicht und leben von Sozialhilfe. Die beklagen sich nicht viel über Albaner, vor allem nicht in letzter Zeit, weil die Atmosphäre sich geändert hat.

Ihre Beschwerden richten sich eher auf Nord-Mitrovica und Belgrad, weil die manipulieren. Es ist eine Art Mafia-Bande, die alle lukrativen Jobs abgreifen. Es gibt nicht viel Investitionen, von keiner Seite. Und diejenigen Serben, die Geld haben, bringen das Geld in der Regel nach Serbien, weil sie nicht wissen, wie ihre Zukunft da unten sein wird."

Am Küchentisch der Jovanovics nicken Zarko und sein Freund Vladimir Zivkovic. Die Lage für sie sei wirklich schwierig, sagt Vladimir, der in Pristina für eine internationale Nichtregierungsorganisation arbeitet:

"Sie wissen nicht, wie sie sich organisieren sollen. Sollen sie in diesen Gemeinden bleiben oder sie umziehen, auswandern? Wie sollen sie ihr Leben organisieren?!"

Die Debatte über einen möglichen Gebietsaustausch zwischen Serbien und Kosovo, von dem seit Monaten die Rede ist, verfolgen Zarko und Vladimir mit gemischten Gefühlen. Entscheidend sei doch, meint Vladimir, dass die wirtschaftliche Lage besser werde - der Rest sei ihm eher egal:

"Ich verstehe es wirklich nicht und das interessiert mich auch nicht sehr, welche Art von Grenzen es geben wird. Ich interessiere mich nur für meine wirtschaftliche Lage, wie die meisten Menschen. Wenn man ein gutes Leben hat und alle hier im Kosovo keine Probleme haben und sich keine Sorgenmachen müssen über ihr Leben hier, was auch den Kindern wird, wenn sie sich sicher fühlen und der Alltag klappt, ich meine: Wer kümmert sich dann darum, wie die Grenzen und andere Dinge aussehen?!"

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