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Reportage / Archiv | Beitrag vom 26.05.2014

SeparatismusGrüezi Sardinien

Zwei Italiener wollen zur Schweiz gehören

Von Ulf Lüdeke

Kreuzfahrtschiffe am Hafen von Cagliari in Sardinien (picture alliance / dpa / Alexandre Vilf)
Sonne, Meer und Kreuzfahrtschiffe: Gehört Sardinien bald zur Schweiz? (picture alliance / dpa / Alexandre Vilf)

Katalonien, Schottland, Südtirol: Separatistische Bewegungen sind in Europa nichts Neues. Wohl aber, was gerade in Sardinien passiert. Auf der zweitgrößten Mittelmeerinsel gewinnt eine Gruppe um eine Handvoll Aktivisten immer mehr Zuwachs. Ihr Ziel wirkt wie ein Aprilscherz: Sardinien soll Teil der Schweiz werden - die 800 Kilometer nördlich liegt.

"Schlechtes Zeichen", sagt Andrea Caruso und blickt am Corso Vittorio Emanuele auf den Stau vor seiner Praxis. Die Sonne schüttet ihr Licht vom chromblauen Morgenhimmel über Cagliaris Altstadt, direkt am Meer gelegen. Kopfschüttelend entdeckt der 50-Jährige eine betont hysterisch hupende Autofahrerin und meint: 'Wie wird dieser Tag für dich wohl enden, wenn du schon jetzt so mies drauf bist?'

Caruso ist hier bekannt wie ein bunter Hund, was weder am knallroten Segler-Outfit noch an der Ähnlichkeit mit Al Pacino liegt. Der Vater zweier kleiner Töchter ist umtriebiger Spross einer Zahnarztdynastie der Inselmetropole - und flammender Kritiker staatlicher Ineffizienz. Was ihn auf die Palme bringt, sind weniger verstopfte Straßen, sondern Dauerstaus in Italiens Verwaltung und Politik.

Caruso: "Wir müssen uns mit einer Administration abplagen, die keine reibungslosen Abläufe erlaubt und Privatinitiativen behindert. Das ist unsere eigene Schuld, da wir immer wieder Politiker gewählt haben, die unfähig waren, diese Probleme zu lösen."

Diese politischen Bremser mit Protestgruppen wie Beppe Grillos Cinque Stelle aus den Parlamentssesseln zu schubsen, reicht dem sardischen Zahnarzt aber nicht für seine Insel. Mit Enrico Napoleone, einem Autohändler und Schulfreund, hat er daher 2012 eine Facebook-Gruppe namens Canton Marittimo, Mittelmeer-Kanton, gegründet, um alle Taue zu Rom zu kappen und sich von der Schweiz annektieren zu lassen, erklärt Caruso eine Stunde später auf der Segelyacht von Spezi Enrico, die sie vom 20 Kilometer entfernten Capitana nach Cagliari zum Trockendock schippern wollen.

Caruso: "Die Schweiz besteht aus konföderierten Staaten, die eine starke Autonomie haben, sich unterstützen und inspirieren. Das passiert im italienischen Staat nicht. Er behandelt seine Bürger wie Untertanen. Italien hat uns in den vergangenen 50 Jahren einen Haufen Probleme hinterlassen."

Keine wirtschaftlichen Impulse aus Italien

So absurd das Ziel klingt, so steif ist die Brise, die dem Projekt seit den letzten Regionalwahlen im vorigen Februar die Segel strafft. Die Mitgliederzahl der Facebook-Gruppe sprang von 1000 auf fasst 13.000, nachdem das Duo zuvor Nichtwähler aufgefordert hatte, doch zu wählen und den Stimmzettel mit dem Schriftzug Canton Marittimo ungültig zu machen. 4000 unterzeichneten bei der Petitionsplattform change.org seitdem für die Kappung von Rom.

Napeoleone steuert seine Yacht nun unerschrocken auf die Sella del Diavolo zu, den Teufelssattel, einem Wahrzeichen von Cagliari. Dazwischen: der Stadtstrand Poetto - eine Art Copacabana des Mittelmeers, vom Tourismus noch fast gänzlich unentdeckt. Dann lässt ein Windloch den Segler plötzlich vertikal im Wasser wackeln. Napoleone steht für einen Augenblick entspannt und rauft sich sein graues Bürstenhaar, als staatliche Verschwendung zur Sprache kommt.

Napoleone: "Der Staat müsste in den Tourismus investieren. Das tut er auch. Aber er verschwendet das Geld wie zum Beispiel beim Internetportal italia.it, für das er in den letzten acht Jahren 55 Millionen Euro ausgab. Ein absurder Betrag für ein vom Staat finanziertes Werbeportal."

Obendrein stehen dort sogar noch falsche oder schlechte Infos über Sardinien, ganz zu schweigen vom Meer staatlicher Investitionsruinen landauf, landab, seufzt Napoleone und greift trotzig ins Steuerrad.

Der größte Skandal in Sardinien ist das Kongress-Zentrum auf dem Maddalena-Archipel an der Meerenge zu Korsika, das nicht nur für den im letzten Moment nach Aquila verlegten G-8-Gipfel 2009 gebaut worden war, sondern nach dem Abzug der US-Marine-Basis samt Atom-U-Boot dort die Wirtschaft ankurbeln sollte.

Napeoleone: "Dieser Komplex ist nie genutzt worden, zerfällt nun langsam in Stücke und hat keine neuen wirtschaftlichen Impulse erzeugt. 450 Millionen Euro einfach ins Meer geworfen! Was auch beweist, das die sardische Verwaltung genauso ineffizient arbeitet wie die italienische."

Freimachen von falschen Versprechungen

Nach gefühlten zehn Minuten passiert Napoleones Schiff eine Stunde später die Einfahrt zum Hafen von Cagliari. Der Wind hat sich gelegt, die Stimmung an Bord ist wie die Mittagswärme gestiegen. Der Pate des Mittelmeer-Kantons ist guter Dinge, spricht nun nicht mehr über 18 Prozent sardische Arbeitslosigkeit, sondern über die Zukunft. Und davon, dass den Sarden nun klar gemacht werden muss, endlich damit aufzuhören, sich von falschen Versprechungen der alten Politik durch den Alltag schleppen zu lassen.

Caruso: "Wir müssen nun die Sarden von sich selbst und ihren Potenzialen überzeugen, wollen ihnen erklären, dass die Zeit des Einsteckens vorbei ist. Genauso wie die Demütigung, die ein Sinnbild für die Zugehörigkeit zu einem nicht funktionierenden Staat wie Italien geworden ist. Niemand hat uns den richtigen Weg gezeigt, und wir wollen ihnen jetzt zeigen, das man lernen kann!"

Während die Crew die Bootsleinen zum Anlegen im verträumt glitzernden Yachthafen Susicu vorbereitet, erzählt Caruso von den Aktionen, mit denen das Mittelmeer-Kanton in Kürze Sichtbarkeit erzeugen will und steuert den Segler in die entgegengesetzte Richtung zum Savoyer-Kai. Dort stehen seit kurzem zwei riesige Zelthallen des Prada-Teams Luna Rossa, das Cagliari als Basis für das Training des America's Cup 2017 gewählt hat. Es ist zwar noch nichts zu sehen von den Booten. Aber als das Schiff direkt vor den Hallen einsam ein Wendemanöver schlägt, herrscht ehrfurchtsvolle Stille an Bord angesichts der großen Dinge, die da in Zukunft kommen können.

 

 

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