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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 22.12.2019

Seniorensportlegende Guido MüllerDer schnellste Rentner der Welt

Von Gerd Michalek

Guido Müller, der 70-jährige Ausnahmesportler, bei einem Staffel-Lauf. (Harald Köhler)
Rekordverdächtig: Ausnahmesportler Guido Müller beim Staffellauf als 70-Jähriger. (Harald Köhler)

101 Europameister- und 48 Weltmeistertitel, insgesamt 300 Goldmedaillen: Guido Müller gehört zu den ganz großen Seniorenleichtathleten. Im hohen Alter sprintete er noch jungen Läufern davon. Mit 81 Jahren beendet er nun seine Karriere.

"Dass ich der erste Seniorenathlet war, der als vollendeter 70-Jähriger die 400 Meter unter einer Minute gelaufen ist, auf diesen Rekord bin ich besonders stolz."

Guido Müller gehört zu den ganz Großen: Der dreifache Weltmeister der Seniorenleichtathleten wird auch gerne als "grauhaariger Usain Bolt" bezeichnet, weil er den meist wesentlich jüngeren Läufern über 100, 200 und auch 400 Meter locker davonrennen konnte. Mit 57 Jahren sprintete er die 100 Meter in 11,97 Sekunden. Nun ist er 81 Jahre alt und spürt die Zeichen der Zeit: "Nachdem meine Leistungen derart abgenommen haben, habe ich gedacht, irgendwo muss ich eine Grenze setzen."

So beschloss der gebürtige Kornwestheimer, im Juli bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften in Thüringen seinen letzten Wettkampf zu bestreiten. "Ich war sehr überrascht und auch gerührt, welche Resonanz mein Rücktritt, den ich vor der deutschen Meisterschaft nur einigen Personen bekannt gegeben habe, dass es mein letzter Wettkampf ist, wie schnell sich das herumgesprochen hat, wie ein Lauffeuer."

Wenn die Leistungen nur noch belächelt werden

Der Abschied dann im Stadion – ein sehr emotionaler Augenblick. An der Seite langjähriger Weggefährten drehte Müller eine allerletzte Runde. Wichtig war ihm, zum richtigen Zeitpunkt abzutreten.

"Mit zunehmendem Alter habe ich gedacht, hoffentlich schaffe ich den richtigen Absprung. Ich finde einfach, es muss noch ästhetisch aussehen, wenn man sich präsentiert. Wenn ich weitermachen würde und ich würde noch mehr an Leistungen verlieren, dass meine Leistungen nicht mehr anerkannt werden, sondern nur noch belächelt werden, da würden die flüstern."

Müllers Abschied von der Wettkampfbühne hat noch andere Gründe: Er ist gesundheitlich angeschlagen, gelegentlich ein leichtes Zittern, auch mal Gleichgewichtsstörungen – nicht ganz ungewöhnlich mit 81. Er weiß, dass sich andere Seniorenwettkämpfer mit dem Abschied sehr viel schwerer tun als er.

"Das war eine Herausforderung für meine Sportkameraden, darüber nachzudenken, ob es für sie noch die richtige Zeit ist, dass sie noch ‚hinter sich her humpeln‘. Je älter man wird in den Altersklassen, werden immer weniger Konkurrenten. Und die machen halt weiter, nicht nur aus Gründen, dass sie vielleicht siegen, wenn andere aufgehört haben. Da spielen auch soziale Aspekte mit beim Alterssport. Dass man dazugehört und besonders bei den internationalen Veranstaltungen sitzt man abends noch zusammen und spricht über Sport, aber auch über andere Dinge. Und das wird mir, glaube ich, am meisten fehlen."

Den Körper nicht überfordern

Trotzdem ist nun Schluss. Ab 1982 hat Müller eine einzigartige Karriere als Seniorenleichtathlet hingelegt: 103 nationale Meistertitel im Stadion, 53 Titel unterm Hallendach, 101 Europameister- und 48 Weltmeistertitel. Zusammen über 300 Goldmedaillen! Guido Müller hält aktuell zwölf Seniorenwelt- und 26 Europarekorde. Nicht zu vergessen: 38 deutsche Bestleistungen. Gab es ein Erfolgsrezept?

"Wenn man meine lange Phase sieht mit 38 Wettkampfjahren, war ich wenig verletzt. Da kann ich sagen, ich bin einfach von Natur aus sehr stabil gewesen. Und ich habe meinen Körper auch nicht so stark überfordert, wie manche Seniorenathleten, die wohl nicht begreifen, dass durch das zunehmende Alter die körperliche Leistungsfähigkeit einfach abnimmt. Manche haben noch einen Trainer, der schlaucht die dann derart, der trainiert die Verletzungen dann an."

Weiter am Vereinsleben teilnehmen

Müller hingegen war immer sein eigener Coach und führte minutiös Trainingstagebuch. Auch künftig wird der gelernte Hürdensprinter kaum auf dem Sofa hocken. 
 
"War mir schon klar, dass ich mich auch weiterhin bewegen muss, dass ich nicht einfach vor dem Fernseher sitze stundenlang. Seit ich aufgehört habe, habe ich mich auch bewegt. Jeden zweiten oder dritten Tag mache ich ein leichtes Training. Das besteht entweder aus Joggen, ohne dass ich die Zeit nehme. Und ich muss sagen, ich habe, seit ich im Sommer aufgehört habe, vier Kilo zugenommen, das möchte ich wieder abnehmen. Was mache ich nebenher? Zum Beispiel bei meinem Sportverein – da führe ich die Bestenliste in allen Altersklassen, von den 12-Jährigen bis zur Altersklasse M80."

Ein Leben ohne Sport? Für Guido Müller unvorstellbar. Er wird beim TSV Vaterstetten weiter am Vereinsleben teilnehmen und zu Sportveranstaltungen gehen. Auf ein Sportgroßereignis freut er sich ganz besonders.

"2022 werden die Europaspiele ausgetragen. Und da hat München den Zuschlag bekommen für die Leichtathletik. Da freue ich mich heute schon drauf, wenn ich da als Zuschauer dabei sein kann. Das ist dann ein Wiedersehen von den Olympischen Spielen, da war ich 1972 jeden Tag dabei als Zuschauer."

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