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Kompressor | Beitrag vom 12.02.2019

Selbstversuch eines BahnfahrersWarum im ICE 4 die Reiselust auf der Strecke bleibt

Von Dirk Schneider

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Auf nebeneinander liegenden Schienen sind die ICEs 1 bis 4 zu sehen. (Deutsche Bahn AG / Kai Michael Neuhold)
ICE 1 bis ICE 4 im Vergleich: Der erste ICE von 1989, ganz links, hat nun schon drei Nachfolger bekommen. (Deutsche Bahn AG / Kai Michael Neuhold)

Bei der Bahn heißt der ICE 4 liebevoll Angelina Jolie. Das hat Ex-Bahn-Chef Rüdiger Grube verraten. Das Design hat bei Journalist Dirk Schneider weniger positive Gefühle geweckt: Er reist mit gebrochenem Herzen und krummem Rücken durchs Land.

Als ich im Januar 2018 in München erstmals einen ICE 4 bestieg, wich meine freudige Aufregung beim Eintreffen des neuen Zuges erst einmal kompletter Irritation: Falscher Bahnsteig? Bin ich versehentlich im Nahverkehrszug gelandet? Nein, da steht Hamburg dran. Vielleicht ist der ICE ausgefallen und man hat einen anderen Zug eingesetzt, es soll doch auch eine neue Intercity-Baureihe geben? Dieses grelle Licht, die engen Sitzreihen, Metall, Glas und IKEA-helles Holz – das kann doch nicht sein?

Die Kopfstütze bewegt sich nicht mit

"Für mehr Effizienz und flexiblere Mobilität", heißt es in einem Werbevideo der Deutschen Bahn anlässlich 25 Jahren ICE. Effizienz und Flexibilität waren nun tatsächlich noch nie Werte, die zuerst die Bedürfnisse der Menschen im Blick hatten. Ungefähr so fühle ich mich auch bei meiner ersten Fahrt im ICE 4, als Zielobjekt einer Effizienz, der ich offenbar mit Flexibilität begegnen muss.

Mein Körper ist schon mal nicht flexibel genug für die neuen Sitze, bei der sich nur die Lehne abschrägen lässt und dabei vor allem mein Hals abknickt, denn die Kopfstütze bewegt sich nicht mit. Auch in meinen Oberschenkeln fehlt ein zusätzliches, flexibles Gelenk, das mir in der engen Sitzreihe eine bequeme Position erlauben würde. Das ist allerdings nur mein subjektives Empfinden, erfahre ich später von Oliver Wolf vom ICE Produktmanagement:

"Die Kniefreiheit hat sich im Vergleich zu allen anderen ICE-Baureihen nicht verändert. Dass wir dort irgendwie die Kniefreiheit verringert haben. Das ordnet sich komplett in die anderen Baureihen ein."

Subjektives, klaustrophobisches Gefühl bleibt

Tatsächlich sind die Sitzreihen enger geworden, aber auf Kosten der Sitze selbst, die durch eine schlankere Bauweise an sich weniger Platz einnehmen. Das subjektive klaustrophobische Gefühl bleibt. Verstärkt wird das durch die schlauchartige Bauweise: Gab es früher in den Waggons Vorräume mit den Toiletten an einer Seite, befinden sich die zwei Toiletten pro Waggon nun links und rechts des Gangs, so dass der Blick nun ungehindert durch mehrere Waggons hindurchgeht. Vom Raumgefühl erinnert das an ein extrem langes Passagierflugzeug.

Blick auf die Sitze und den Mittelgang im Inneren eines neuen ICE 4 auf dem Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Blick in das Innere eines ICE 4: Die Sitzreihen seien enger geworden, kritisiert Dirk Schneider. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Wenn die Bahn mehr Platz im neuen ICE verspricht, meint sie dann auch nicht mehr Platz für den Fahrgast, sondern Platz für mehr Fahrgäste. Für eine schlüssige Idee, wie man ihnen Lust auf das Reisen im Zug macht, bleibt dann auch kein Platz mehr.
 
"Zur Philosophie des ICE-Designs ganz allgemein kann man sagen, dass wir das Interieur der Fahrzeuge eher als eine Art Bühne betrachten, die einen Hintergrund bildet, und der Fahrgast im Grunde die Farbe und die Musik ins Fahrzeug bringt", sagt Bruno Scheffler, Teamleiter Produktdesign. "Anders als in der Automobilbranche ist bei so einem Fahrzeug mit einer Menge Sitzplätzen in allen Wagen das Interieur eher zurückhaltend und einfach, schlicht, edel im Hintergrund."

Das Design ist defensiv bis konzeptlos

Ein Fahrzeug mit einer Menge Sitzplätze, so kann man den ICE 4 natürlich auch beschreiben. Es allerdings der Masse der Kunden zu überlassen, diesen Raum mit Farbe und Musik zu füllen, ist dann doch sehr defensiv, um nicht zu sagen etwas konzeptlos. Fairerweise sei gesagt, dass das Design eines solchen Zugs eine wirklich ungewöhnliche Herausforderung darstellt: An welchem anderen öffentlichen Ort halten sich die unterschiedlichsten Menschen für eine so lange Zeit auf? Familien und Geschäftsleute, Studierende und Rentnerinnen, Millionärin und Arbeitslosengeld-II-Empfänger müssen hier gleichzeitig willkommen geheißen werden. Und dann muss das Ganze auch noch eine gewisse Zeitlosigkeit erfüllen.

Bruno Scheffler erklärt: "Das Schwierige daran ist, dass der Kunde natürlich sehr stark im Hier und Jetzt verhaftet ist und da auch sehr stark am Zeitgeist hängt. Und dass das schon eine Schwierigkeit ist, das dann in die zehn, fünfzehn Jahre Lebensdauer zu übertragen, die vielleicht vor einem Re-Design oder einem Facelift kommt."

Den Ex-Bahn-Chef erinnert der ICE 4 an Angelina Jolie

Gutes Design hat natürlich immer etwas mit Zeitgeist zu tun, im besten Falle ist es ihm einen kleinen Schritt voraus. Auf welchem zeitgeistigen Stand man in der Führungsetage der Bahn war, hatte der damalige Bahn-Chef Rüdiger Grube durchblicken lassen, anlässlich der ICE-4-Premiere 2017, schwer verliebt in das Design des neuen Zugkopfs: "Wenn Sie den Zug von vorne anschauen, dann sehen Sie die beiden Lichter, die großen Scheinwerfer, darüber die Luftschlitze, wie Wimpern, darunter der rote Strich, mundartig geformt. Und deshalb hat dieser Zug bei uns im Unternehmen schon den liebevollen Kosenamen Angelina Jolie."

Angelina Jolie spricht von ihrem Sitzplatz im Sicherheitsrat aus. (picture alliance / dpa / Justin Lane)Was würde Hollywood-Star Angelina Jolie, hier als UNO-Sondergesandte, zum ICE-4-Vergleich sagen? (picture alliance / dpa / Justin Lane)

Man kann wohl von Glück reden, dass am neuen ICE nichts an zwei Brüste erinnert – man hätte ihn intern wahrscheinlich – ganz liebevoll natürlich – "Pamela Anderson" genannt.

Fazit

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