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Länderreport | Beitrag vom 31.07.2020

Seebestattungen in der NordseeAsche zu Meer

Von Imke Oltmanns und Vanja Budde

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Das Bild zeigt einen Gedenkstein der Reederei Huntemann an der Mohle Hooksiel, mit dem an die Toten einer Seebestattung auf der Nordsee gedacht wird. Es sind Blumen angebracht. Dahinter erstreckt sich die See. (laif / Lars Berg)
Ein Ort für die Hinterbliebenen: Hier können sie den Blick über die Nordsee schweifen lassen - dorthin, wo ihre Angehörigen und Freunde beerdigt wurden. (laif / Lars Berg)

Zwei Drittel der Bestattungen in Deutschland sind Einäscherungen. Etliche Urnen finden nicht auf dem Friedhof, sondern in der Natur ihre Ruhestätte. Zum Beispiel im Meer. Bis zu 1000 Verstorbene pro Jahr übergibt das Unternehmen Albrecht der Nordsee.

Ein Sommertag auf der Nordsee, grau verhangen und von leichtem Nieselregen begleitet. Das Wetter passt zum Anlass dieser Fahrt auf der "MS Nordwind".

Kapitän Benjamin Albrecht steht in dunkler Uniform ernst und gesammelt auf dem Achterdeck, neben ihm eine blaue Urne: "Wir übergeben nun die Urnen mit ihrer Asche der See. Nach altem Seemannsbrauch, mit seemännischer Würde. Die Rückkehr in die Zeitlosigkeit, die Heimkehr ins Meer, aus dem einst alles Leben entsprungen. Und sie mögen nun hier, in den Wogen der See, ihren ewigen Frieden finden."

Albrecht bestattet heute die Asche von zwei verstorbenen Männern in der Nordsee, zwischen den Inseln Spiekeroog und Wangerooge. Nach dem Trauerspruch nimmt er behutsam die erste Urne auf und zieht ein schwarzes Seil durch eine Schlaufe im Deckel. Mit ein paar Schritten ist er an der Reling. Die beiden Seilenden hält er je in einer Hand und lässt die Urne langsam hinunter. Erst als sie ruhig neben dem Schiffsrumpf im Wasser hängt, lässt er eines der beiden Enden los. Die Urne versinkt im Meer. Und gleich darauf auch die zweite.

Wo die Nordsee sehr tief ist

Die Urnen sind aus Muschelkalk und lösen sich innerhalb von zwölf Stunden auf, erklärt Albrecht. Länger als 24 Stunden darf dieser Prozess nicht dauern, so schreibt es das Gesetz vor. Die Urne soll schließlich nicht irgendwo angetrieben werden. Auch deswegen hat Albrecht eine bestimmte Stelle zwischen den beiden Inseln angesteuert: Hier ist die Nordsee tief, weit und breit gibt es keine Industrie. Die Zeremonie ist mit dem Zu-Wasser-Lassen nicht vorbei.

Eine Urne mit der Asche von Verstorbenen auf einem Schiff. Neben ihr hängt eine Schiffsglocke. Im Hintergrund ist die Nordsee zu sehen. (Imke Oltmanns / Deutschlandradio)Gleich übergibt der Kapitän die Urnen mit der Asche der Verstorbenen den Nordseewellen. (Imke Oltmanns / Deutschlandradio)

Albrecht schlägt die Schiffsglocke viermal – in der Schifffahrt das Signal für den Tod. Auch eine Rose wirft er ins Meer. Anschließend umkreist die "MS Nordwind" den Beisetzungsort. Dann geht es langsam wieder zurück Richtung Heimathafen Harlesiel.

"Wir fahren fast täglich raus. Wir haben zwei Schiffe in Harlesiel, die 'MS Nordwind' und die 'MS Horizont', die größere Schwester, auf der maximal 100 Personen mitfahren dürfen", erläutert der Kapitän. Heute ist das anders, es ist eine stille Beisetzung, ohne Angehörige. Albrecht hat Fotos von der Urne auf dem Achterdeck gemacht und schickt sie noch während der Rückfahrt an die Hinterbliebenen, zusammen mit einer Seekarte, auf der der Bestattungsort markiert ist.

Zur See fahren – und Trauerreden halten

Die Reederei Albrecht bietet seit mehr als 30 Jahren Seebestattungen an, mehr als 1.000 Verstorbene bringt die Familie Albrecht mittlerweile pro Jahr raus aufs Meer. Tendenz steigend. Der 37-jährige Benjamin Albrecht übernimmt das Geschäft von seinem Vater.

"Früher konnte ich mir das nicht so vorstellen. Klar gab es den Wunsch, zur See zu fahren. Aber direkt mit Trauernden zu tun haben, in der Lage sein, vor vielen Menschen eine Trauerrede zu halten, das war mir als junger Mann nicht so ganz bewusst. Aber in Ostfriesland gibt es ein Sprichwort: Doon deiht lernen. Also, man ist da so reingewachsen und mittlerweile kann ich mir nichts Anderes mehr vorstellen", sagt Albrecht.

Auch wenn die Erfahrung der Familie Albrecht eine andere ist: Seebestattungen nehmen zwar zu, machen insgesamt aber nur einen kleinen Anteil der Feuerbestattungen aus. Im einstelligen Prozentbereich, wie es beim Bundesverband deutscher Bestatter heißt. Dort kennt man auch den Grund: Kein Trauerort. Die Angehörigen wissen schlicht nicht, wo sie hingehen können, um ihrer Toten zu gedenken.

Die Brücke der Erinnerung

Die Reederei Albrecht hat vor einigen Jahren eigens einen Trauerort geschaffen, die sogenannte Brücke der Erinnerung. Sie steht am Rand des Hafens von Harlesiel. Es ist eine helle Holzkonstruktion, dem Heck eines Schiffes nachempfunden. Über einen Holzsteg gelangt man auf eine Plattform, an deren Ende eine Bank steht. Von dort geht der Blick über Salzwiesen zu genau dem Ort zwischen den beiden Inseln, an dem die Urnen dem Meer übergeben wurden. Auf Stelen sind kleine Plaketten angebracht mit den Namen der Verstorbenen. Dieser Ort ist bei Angehörigen sehr beliebt, wie einige von ihnen berichten:

"Auf jeden Fall ist das hilfreich. Ich bin einmal die Woche hier. Das beruhigt unwahrscheinlich. Ich führe auch immer Gespräche mit meinem Mann, auch wenn ich alleine bin." – "Jedes Mal, wenn man hierherkommt, ist das Wetter anders, sind die Lichtverhältnisse anders, erscheinen auch die Inseln anders. Es ist freier, ja, in der Tat."

Ein Ort für die Trauernden ist auch für den Küstenbadeort Carolinensiel-Harlesiel selbst nicht ganz unwichtig, lebt man hier doch vom Tourismus, von der unbeschwerten Urlaubsstimmung. Trauernde Angehörige, die zwischen spielenden Kindern Blumen niederlegen – bis vor ein paar Jahren war das hier noch üblich. Nicht ohne Reibungspunkte, wie Marcus Harazim von der Kurverwaltung beschreibt: "Es gab schon viele Gäste, die unsere Schwimmmeister vor Ort gefragt haben: Da war was, haben Sie dazu Informationen. Als wir es dann erklärt haben, war es okay. Aber es gibt ja auch genug Gäste, die nicht gefragt und es nur beobachtet haben und vielleicht gedacht haben: Hm. Ich weiß nicht, ob die davon so begeistert waren, weil sie ja in einer Urlaubsstimmung waren, und ob sie damit klargekommen sind."

Seit die "Brücke der Erinnerung" steht, ist all das kein Thema mehr. Und übrigens: Vorn im Heck der Holzkonstruktion, gleich neben der Bank, hängt eine Schiffsglocke. Wer will, kann sie läuten. Als akustische Verbindung zu den Toten auf See.

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