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Tonart | Beitrag vom 28.11.2019

Schwuler OpernführerLiebeserklärung an eine exaltierte Kunstform

Uwe Friedrich im Gespräch mit Mascha Drost

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Maria Callas steht auf einer Opernbühne im bodenlangen Kleid, den Blick nach rechts gewandt, links von ihr ist die Pappkulisse eines Baums zu sehen. (imago stock&people)
Maria Callas: Als "La Wally" wurde die Operndiva zu einer Ikone der Schwulenbewegung. (imago stock&people)

Mit Extravaganz und Sinnlichkeit begeistern Opern große Teile der schwulen Community. An sie wendet sich ein Opernführer, der homoerotische Untertöne in bekannten Werken entdeckt.

Mehr als 150 Werke der Operngeschichte, von Claudio Monteverdis L'Orfeo bis zu Charles Wuorinens "Brokeback Mountain",versammeln die Herausgeber Rainer Falk und Sven Limbeck in dem Band "Casta Diva", dem ersten dezidiert "schwulen Opernführer". Dabei geht es ihnen sowohl um Werke, die von homosexuellen Komponisten und Librettisten geschaffen wurden, als auch um Opern, die von einer schwulen Liebe erzählen oder prägnante queere Charaktere zu bieten haben. Vor allem aber ist ihr voluminöses Buch im pink beflockten Einband der Faszination gewidmet, welche die Oper als Genre auf viele Angehörige der Gay Community ausübt.

Die Diva als Identifikationsfigur

Für diese Anziehungskraft gebe es zahlreiche Gründe, sagt der Musikkritiker Uwe Friedrich. Als besonders exaltierte Kunstform, in der "die menschliche Stimme ungeheure Kunststücke vollbringen kann und soll", habe die Oper insbesondere in Gestalt der Diva eine unwiderstehliche Identifikationsfigur geschaffen:

"Diese Sägerinnen mit ihren sprichwörtlichen Divenallüren konnten sowohl für ihre Virtuosität als auch für ihren unkonventionellen Lebenswandel gefeiert werden. Da kann man dann schön hineinprojizieren, was man sich vielleicht selbst im Leben nicht getraut hat, nämlich seine Sexualität öffentlich auszuleben - in so ein Phantasma der großartigen Opernsängerin."

Friedrich begrüßt die Würdigung des Themas: Er wundert sich zudem, dass es erst jetzt so "dezidiert beleuchtet" wird. Orientiert vor allem am Repertoire deutscher Bühnen, versammle der "schwule Opernführer" allerdings "Deutungen und Neudeutungen" von sehr unterschiedlicher Qualität.

Das erfundene Coming Out

Neben geistreichen und originellen Essays stünden "an den Haaren herbeigezogene" Interpretationen bekannter Werke, "bei denen ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen soll", so der Kritiker - etwa wenn ein Autor in das Finale der Oper "Die tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold ein Coming Out zweier männlicher Hauptfiguren hineindeute. Für Friedrich "ausgemachter Humbug".

Seine Stärken habe das Buch dort, wo es die Rezeptionsgeschichte großer Opernmomente in anderen Kunstformen aufzeige und ihr Fortleben in einer schwulen Alltagskultur verfolge:

"Ein klassisches Beispiel ist die Arie 'Ebben' aus der Oper 'La Wally', die erstens im Thriller 'Diva' zitiert wird, dann, ganz wichtig, in dem Aids-Drama 'Philadelphia'. Aber auch in dem Film 'A Single Man' spielt sie eine Rolle. Die Oper diffundiert dann auch in andere Bereiche der Gegenwarts- und der Popkultur."

(fka)

Rainer Falk und Sven Limbeck: Casta Diva. Der schwule Opernführer
Querverlag, Berlin 2019
704 Seiten, 50 Euro

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