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Breitband | Beitrag vom 26.01.2019

Schwindendes Vertrauen in die TechnologiekonzerneWir brauchen neue Führungspersönlichkeiten

Interview mit Scott Galloway und Jeanette Hofmann

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Mark Zuckerberg sitzt an einem Tisch in einem Raum des US-Kongresses, hinter ihm eine Gruppe von Menschen (picture alliance / dpa / Alex Brandon)
Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress im April 2018. Als Monopolist sei das Unternehmen nicht auf das Vertrauen der Konsumenten angewiesen, sagt der Marketingprofessor Scott Galloway. (picture alliance / dpa / Alex Brandon)

Datenmissbrauch, Doxing, Fake News: Wie kann das schwindende Vertrauen in Techkonzerne wiederhergestellt werden? „Das Wort 'Vertrauen' wird überstrapaziert“, sagt Scott Galloway. Die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann ist anderer Meinung.

Das Motto der diesjährigen Digital-Konferenz DLD war "Optimism & Courage". Angesichts von Datenmissbrauch, Doxing-Angriffen, Fake News und der Ängste vieler Menschen vor den möglichen Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz ging es darum, wie das schwindende Vertrauen in digitale Technik und die Tech-Unternehmen wiederhergestellt werden kann.

Im Gespräch mit Vera Linß:
- der US-amerikanische Marketing-Professor Scott Galloway
Im Gespräch mit Tim Wiese und Jenny Genzmer:
- die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann

Ein Schritt in die richtige Richtung wäre, die Führungspersönlichkeiten auszutauschen – sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Denn das Scheitern in der Wirtschaft habe direkt mit Politik zu tun. Das ist die These des US-amerikanischen Marketing-Professors Scott Galloway.

Neue Regeln für die Tech-Unternehmen

"Die Populisten haben nicht verstanden, dass sich die Unternehmen für unser Wesen überhaupt nicht interessieren. Der Grund, warum wir in den USA 23 Cent pro Dollar an die Regierung überweisen, liegt in der Hoffnung, dass die Regierung langfristiger denkt, erforderliche Investitionen macht und Regulierungen schafft, mit denen sichergestellt wird, dass die nach Profit strebenden Unternehmen langfristig nicht allzu viel Schaden anrichten."

Weil die Tech-Unternehmen nicht den gleichen Standards wie andere Wirtschaftszweige unterlägen, seien sie zu Monopolen geworden. Die Politik müsse nun dafür sorgen, dass an diese Unternehmen dieselben Standards angelegt werden. In Europa sei man in dieser Hinsicht bereits weiter.

Monopolisten sind nicht auf Vertrauen angewiesen

"Europa hat genug von den großen Tech-Unternehmen. Wir sehen, dass mehr reguliert wird. Wir haben eine Diskussion über Steuern, über eine strenge Regulierung der Privatsphäre. In den USA wird erstmals ernsthaft über das Kartellrecht diskutiert", sagt Galloway.

Das Wort "Vertrauen" in Bezug auf diese Konzerne werde dabei überstrapaziert. "Jeder behauptet, dass ein Unternehmen ohne Vertrauen nicht erfolgreich sein kann. Das stimmt nicht. Niemand vertraut Facebook. Trotzdem steigen die Erlöse jährlich um 30 Prozent." Als Monopolist sei das Unternehmen nicht auf das Vertrauen der Konsumenten angewiesen.

"Konsumenten sind faul"

Auch würden die Konsumenten überschätzt: "Sie reden ganz groß über Vertrauen und dann gehen sie zu Facebook. Dann sagen sie, dass sie wütend sind und Facebook nicht vertrauen. Und wo machen sie ihrer Wut und dem fehlenden Vertrauen Luft? Auf Instagram. Konsumenten sind faul."

Der einzige Weg, effektiv mit Monopolen umzugehen, bestehe darin, sie zu zerschlagen, sagt Galloway: "Die Antwort lautet: Wettbewerb. Wir sind an diesem Punkt, wo der Markt neuen Sauerstoff braucht und diese Unternehmen zerschlagen werden müssen."

(Foto: David Ausserhofer)Die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann ist Forschungsdirektorin im Bereich Internet Policy und Governance am Alexander von Humboldt Institut für Internet & Gesellschaft. (Foto: David Ausserhofer)

Doch ist es wirklich so, dass unser Vertrauen in Technologien und Unternehmen einfach keine Rolle spielt, solange unsere Auswahl an Diensten begrenzt ist? Das haben wir auch die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann gefragt.

"Wir haben relativ wenig Möglichkeiten auszuweichen. So was wie Datensparsamkeit oder Abstinenz haben wir hinter uns gelassen, weil sehr viele digitale Technologien heute so eine Art infrastrukturellen Charakter angenommen haben. Gar nicht zu nutzen, glaube ich, ist nicht mehr die Alternative. Aber ich würde der Aussage widersprechen, dass es egal ist, ob wir Vertrauen oder nicht", sagt Hofmann.

"Wir brauchen kollektive Vertretungsformen"

Die Internetanbieter beispielsweise nehmen sich schon in ihren Nutzungsbedingungen sehr viel Freiheiten im Umgang mit unseren personenbezogenen Daten heraus. "An der Stelle verletzen sie gar nicht unser Vertauen", sagt Hofmann. Denn das Geschäftsmodell ist bekannt: "Dienstleistung im Tausch gegen unsere personenbezogenen Daten".

"Da kann man jetzt nicht so sehr von verletzten Vertrauenserwartungen oder Vertrauen sprechen, weil die Unternehmen das immer schon angekündigt haben. Dass wir jetzt misstrauischer werden, ist überfällig, weil uns allmählich auch klar wird, was es für unsere eigene Zukunft bedeutet, wenn Dritte so viel über uns wissen."

Das Interview in voller Länge mit der Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann können Sie hier nachhören:

Jeanette Hofmann fordert nicht wie Scott Galloway weitere Regulierungen, sondern ein grundsätzlich anderes Verhandlungssystem zwischen den Nutzern und den Techkonzernen: Jemanden, der im Namen der individuellen Nutzerinnen und Nutzern aushandelt, zu welchen Bedingungen diese Unternehmen ihre Dienstleistungen anbieten können. So wie bei den Industriegewerkschaften, die im Namen aller ihrer Mitglieder verhandeln, brauchen wir auch in der digitalen Gesellschaft kollektive Vertretungsformen, sagt Jeanette Hofmann.

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