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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.03.2020

Schwimmende RinderfarmWarum Rotterdam Kühe aufs Meer schickt

Von Christoph Kersting

Eine Kuh im schwimmenden Rinderstall im Hafen von Rotterdam (picture alliance / AP Photo / Mike Corder)
Drei Stockwerke hat die Floating Farm im Hafen von Rotterdam. Ganz oben residieren die Kühe. (picture alliance / AP Photo / Mike Corder)

Ein Kuhstall auf dem Wasser, um dem Platzproblem in der Landwirtschaft Herr zu werden. In den Niederlanden setzen findige Landwirte auf diese ungewöhnliche Methode. Aber es gibt noch mehr Argumente, die für eine Floß-Farm sprechen.

Sabine war noch schlimmer als Viktoria: Die beiden Winter-Orkane haben auch Rotterdam voll erwischt – und damit auch die Rinderfarm von Minke van Wingerden. Der Wind hat das Dach ihres Stalls beschädigt, erzählt sie. "Aber unsere Kühe hier sind schon echte City Ladies, die da ganz cool geblieben sind."

Auch jetzt bläst der Wind Minke van Wingerden kräftig um die Nase. Die kleine, drahtige Frau steht mit zerzaustem Haar am Kai des Rotterdamer Merwehafens. Eine schmale Stahlbrücke führt von hier auf einen quadratischen Schwimmkörper, 27 mal 27 Meter groß, eine weitere Brücke verbindet die graue Stahlinsel mit einem kleinen Stück Wiesenfläche auf dem Festland. 

Hightech-Stall auf dem Wasser

Das Ganze hat etwas von einer schwimmenden Freilichtbühne. Dass es sich um eine Milchfarm handelt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Die Kühe, erklärt Minke van Wingerden, haben sich mal wieder in den hinteren Teil des schwimmenden Stalls verzogen. Inzwischen stehen wir auf der oberen von insgesamt drei Ebenen, gemeinsam mit, ja tatsächlich, 34 zufrieden dreinblickenden Milchkühen, die gerade gefressen haben und gleich von einem Roboter gemolken werden.

Im Vorfeld habe sie mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet, um mehr über die optimale Haltungsform zu lernen. "Dabei haben wir gelernt, dass Kühe so einen flexiblen Boden mögen, wie wir ihn hier haben", so die 62-Jährige. Die Tiere fühlten sich wohl, weil sie jederzeit über eine Brücke auf die Wiese laufen könnten.

Blick auf die schwimmende Rinderfarm im Hafen von Rotterdam (picture alliance / AP Photo / Mike Corder)Sonnenkollektoren (siehe vorne im Bild) liefern den Strom für den Kuhstall. In Lagerräumen wird unter anderem Regenwasser für die Kühe gespeichert. (picture alliance / AP Photo / Mike Corder) 
Von der oberen Stall-Ebene gelangt die Milch über Schläuche direkt ins Mitteldeck, wo sie pasteurisiert und teilweise weiter verarbeitet wird, zu Joghurt zum Beispiel. Von dort wird auch das Futter für die Kühe per Laufband nach oben transportiert. Im Fundament unterhalb der Wasseroberfläche sind Lagerräume untergebracht, außerdem wird hier Regenwasser für die Tiere gesammelt und eine Maschine trennt Jauche vom Trockenmist. Den Strom für den gesamten Hof produzieren schwimmende Sonnenkollektoren.

"Viele haben uns für verrückt erklärt"

Minke van Wingerden und ihr Mann Peter sind keine gelernten Landwirte, aber die Idee vom schwimmenden Bauernhof habe sie nach dem New Yorker Hurrikan Sandy 2012 nicht mehr losgelassen. Damals gab es in Manhattan schon nach zwei Tagen Versorgungsengpässe mit Lebensmitteln. Das Ehepaar fragte sich: Warum nicht die Wasserfläche um die Stadt nutzen, um Lebensmittel zu produzieren?

"Viele haben uns natürlich für verrückt erklärt am Anfang", erinnert sich van Wingerden. Doch heute seien die Kritiker verstummt, auch weil die schwimmende Farm ökologisch Vorteile biete: "Wir nutzen Abfälle aus der Stadt als Futter, etwa Malzrückstände von Brauereien und Gras aus dem Stadion von Feyenoord Rotterdam." Und die 62-Jährige glaubt, dass ihr Konzept Schule machen könne. Schließlich gebe es weltweit immer weniger Agrarflächen, aber immer mehr Menschen. "Deshalb brauchen wir einfach neue Lösungen und das probieren wir hier aus."

Können Kühe seekrank werden?

Die schwimmende Rinderfarm hat speziell in den Niederlanden einen weiteren Vorteil: Wer dort einen Bauernhof gründen will, muss Land besitzen. Die van Wingerdens hingegen mieten ihren Liegeplatz von der Stadt Rotterdam. Wieviel das Ehepaar bislang genau investiert hat, will die gebürtige Friesländerin nicht verraten, nur soviel: Es sei ein Millionen-Projekt.

Der Großteil des Geldes sei für die Konstruktion des Schwimmwürfels draufgegangen. Zwei im Hafengrund verankerte Stahlpfeiler, an denen die Farm mit den Gezeiten nach oben und unten gleitet, fixieren das Gebilde. Und verhindern, dass die Floating Farm keine Schlagseite bekommt, wenn sich die Kuhherde in einem Winkel des Stalls zusammenrottet, was sie gerne tut.

Vom Floß können die Kühe auf die Weide in Rotterdams Hafen geführt werden - zeigt Landwirt Peter van Wingerden. (picture alliance / AP Photo / Mike Corder)Landwirt Peter van Wingerden auf der Weide des schwimmenden Kuhstalls (picture alliance / AP Photo / Mike Corder) 
Neben architektonischen Fallstricken waren aber auch Fragen des Tierwohls zu klären, etwa: Können Kühe seekrank werden? Erst als die tierärztliche Hochschule Utrecht hier grünes Licht gab, erteilten die Behörden die Zulassung für die Floating Farm, die seit vergangenem Mai in Betrieb ist. 

Landwirtschaft als ökologischer Kreislauf

Mit im Boot ist inzwischen auch die nur 20 Kilometer entfernte TU Delft. Sie sei sofort begeistert gewesen von der schwimmenden Stadtfarm, sagt die Biotechnologin Patricia Osseweijer. Die Floating Farm nennt sie "Living Lab", also ein lebendes Labor. "Wir können hier Experten, Laien und Politikern sehr lebensnah zeigen, wie etwa ein nachhaltiges Abwassersystem funktionieren kann", so die Forscherin. Dafür testet sie spezielle Filter und Mikroorganismen, die nutzbare Mineralstoffe und Salze aus dem Urin der Kühe herausfiltern sollen. "Was dann noch übrig bleibt, soll so sauber sein, dass es einfach zurück in den Fluss, die Maas, geleitet wird."

Auch das Ehepaar van Wingerden denkt schon weiter: Ein vertikales Gewächshaus für Gemüse und eine Hühnerfarm seien in Planung.

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