Kommentar zu Gewalt in der Schule
Cybermobbing, Schikanen, Schläge: Die Gewalt an deutschen Schulen nimmt zu © picture alliance / Zoonar / Channel Partners
Tatort Klassenzimmer – Stoppt die Verantwortungslosigkeit!
03:53 Minuten

Jedes vierte Schulkind in Deutschland erlebt regelmäßig Quälereien. Schulen reagiert viel zu oft mit systematischer Verantwortungsverweigerung. Es fehlen pädagogische Fachkräfte, die sich verbindlich um gefährdete Kinder kümmern.
Es gibt in unserer modernen Gesellschaft immer noch ein paar Dinge, die Urvertrauen erfordern: Der Taxifahrer wird mich nicht ausrauben, sondern mich sicher nach Hause bringen. Der Polizist vertritt Recht und Gesetz und behandelt mich nicht mit Willkür. Die Feuerwehr legt keine Feuer, sondern löscht sie. Und die Schule kümmert sich mit Sorgfalt um das Kind, das ich ihr jeden Morgen anvertraue.
Dass besagtes Kind bis zur vierten Klasse zuverlässig Lesen, Schreiben und Rechnen lernt, ist allerdings nicht unbedingt garantiert. Laut diverser Bildungsstudien hängt dieser Lernerfolg in Deutschland immer noch ganz wesentlich vom Engagement und vom sozialen Status der Eltern ab. Doch dass das schulpflichtige Kind die Unterrichtszeit körperlich und seelisch unbeschadet übersteht, sollte eine Mindestanforderung sein, eine Selbstverständlichkeit.
Jedes vierte Schulkind erlebt Quälereien
In vielen deutschen Städten, an vielen Schulen wird aber nicht einmal mehr diese Mindestanforderung erfüllt. Gewiss: Prügeleien, Schikane und Cliquenbildung hat es in einem gewissen Rahmen immer und überall dort gegeben, wo Kinder und Jugendliche zusammenkamen und zusammenkommen. Doch die brutale Qualität des Cybermobbings und die analoge Gewalttätigkeit auf unseren Schulhöfen nehmen inzwischen Formen an, die jedes erträgliche Maß überschreiten.
Jedes vierte deutsche Schulkind erlebt regelmäßig Quälereien. Die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen steigt kontinuierlich. Suizid ist in Deutschland eine der häufigsten Todesursachen bei Zehn- bis 24-Jahrigen. Das Deutsche Ärzteblatt berichtet außerdem von Schulstichproben, laut derer bis zu 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler gelegentlich Suizidgedanken hegen.
Systematische Verantwortungsverweigerung
Niemand kann Eltern als erste Instanz davon freisprechen, genau auf ihre Kinder zu achten. Doch die Institution Schule hilft ihnen dabei wenig. Sie reagiert viel zu oft mit systematischer Verantwortungsverweigerung. Man versteckt sich amtlicherseits hinter „Notfallplänen“ und „Präventionskonzepten“ – aber es fehlen die pädagogischen Persönlichkeiten, die sich verbindlich um gefährdete Kinder kümmern.
Wie so oft in Verwaltungen geht es vor allem darum, auf keinen Fall haftbar gemacht zu werden. Der alte Schuldirektor, der einen gemobbten Fünftklässler tagtäglich dann eben so lange selbst nach Hause begleitet, bis die Bedrohung beseitigt werden kann: Es gab ihn einmal, aber er gehört inzwischen ins Reich der Legenden und Sagen.
Verwahrlosung des Schulsystems
An einer weiterführenden Schule in Berlin hat sich im vergangenen Jahr ein junger Mensch aus Verzweiflung umgebracht. Andere Schüler verweigern den Schulbesuch, weil sie dort geschlagen, gewürgt und gedemütigt werden – Tag für Tag. Schulleitung, Klassenlehrer, Schulsozialarbeit und Psychologen sprechen, natürlich, mit den Eltern der Opfer. Abhilfe schaffen sie aber nicht.
Manchmal werden Täter weder der Schule verwiesen, noch werden sie überhaupt bestraft. Die wohlmeinendsten Pädagogen raten den Opfer-Eltern hinter vorgehaltener Hand, ihr eigenes Kind von der Schule zu nehmen, es doch besser auf eine Privatschule zu geben, aber von ihnen und ihrer Schulleitung – um Himmels willen – bloß nichts zu erwarten.
Es gibt eine Vielzahl von Gründen für die Verwahrlosung des Schulsystems, für die untergrabene Autorität der Lehrer und die Gemeingefährlichkeit allzu vieler Schüler. Und es bedürfte wohl eines bildungspolitischen Urknalls, um diesen Trend umzukehren. Sicher aber ist, dass mit dem Urvertrauen in die Schule auch die staatsbürgerliche Loyalität der Eltern zu schwinden droht. Tag für Tag. Von den versehrten Kindern wollen wir hier gar nicht erst reden.













