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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.08.2018

Schule "Lehrer entscheiden über gute und schlechte Wege"

Sigrid Wagner im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Piktogramm eines Lehrers an einer Schultafel (imago/Ikon Images)
"Die guten Lehrer erfahren zu wenig Wertschätzung", sagt Buchautorin Sigrid Wagner. (imago/Ikon Images)

Sigrid Wagner rechnet damit, dass das Buch "Das Problem sind die Lehrer" ihr viel Ärger im Kollegenkreis einbringen wird. Sie kritisiert Pädagogen, die drei Mal pro Woche einen Film zeigen oder mit hängenden Schultern zum Unterricht erscheinen. Deren Motto sei: "Bei mir kommt mein Geld vom Fließband, ich bin verbeamtet."

Lehrer zu sein, gehört eigentlich zu den wichtigsten Aufgaben für unsere Gesellschaft. Die Buchautorin Sigrid Wagner war selbst mehr als 20 Jahre lang Lehrerin und geht mit ihrem Berufsstand hart ins Gericht. In ihrem Buch "Das Problem sind die Lehrer" beschreibt sie mit zahlreichen Beispielen den Schulalltag und kritisiert Unvermögen, Neid und Mobbing unter Kollegen und Kolleginnen. Aber sie thematisiert auch Machtmissbrauch, Willkür und Schikane gegenüber den Schülern. Oft gingen die falschen Leute in diesen Beruf, schreibt die Autorin. 

Oft mit hängenden Schultern

Über ihre Erwartungen an gute Lehrer sagte Wagner im Deutschlandfunk Kultur: "Er muss also positiv dem Leben gegenüber eingestellt sein." Wenn sie vor einer Schule stehe, wundere sie sich oft, wer da teilweise so rein- und rausgehe. "Mit hängenden Schultern, verhärmt und wirklich erbarmungswürdig teilweise." Sie frage sich dann immer, warum sich dieser Mensch das antue, wenn er schon so offensichtlich körperlich leide. Da sie selbst Lehrerin sei, wolle sie kein Bashing betreiben, aber Probleme benennen.


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Gestern hat in Berlin und Brandenburg die Schule wieder angefangen, und mein Redakteur hat mir gerade zugerufen, in Mecklenburg-Vorpommern auch. Nach den Ferien, jetzt, einen Tag später, erscheint ein Buch, dass ausgerechnet den so begehrten Lehrern die Leviten liest. "Das Problem sind die Lehrer", heißt es, und geschrieben hat es Sigrid Wagner, selbst Lehrerin, in allen Sekundarstufen gearbeitet, in zwölf verschiedenen Fächern, zwei Bundesländer, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, zuletzt an einer Förderschule tätig. Jetzt ist die Autorin und Lehrerin bei uns am Telefon. Schönen guten Morgen!

Sigrid Wagner: Einen wunderschönen guten Morgen!

von Billerbeck: Sie lassen ja an Ihren Berufskollegen kein gutes Haar. "Das Problem sind die Lehrer" – warum denn?

Wagner: Zu meiner Verteidigung möchte ich erst mal sagen, ich möchte natürlich kein Lehrer-Bashing betreiben, schließlich bin ich selbst einer, hab auch einen Sohn, der unterrichtet. Aber es ist mir auch bitte zu verzeihen, wenn ich generell etwas überzeichne. Aber es ist einfach die Dringlichkeit, die dahintersteckt. Das heißt, wenn man sich mit Zukunftsforschern, mit der Wirtschaft, mit Eltern, Kindern und Jugendlichen selbst unterhält, ist eine derartige Unzufriedenheit vorhanden, was Schule anbelangt, und da sind nun mal die Lehrer einfach die Stellschrauben, die entscheiden über gute und schlechte Wege, und das teilweise und wie ich meine, in zu häufiger Weise, zum Nachteil der Kinder, der Schüler.

Mathelehrer Horst Kretschmer zeigt zwei Schülerinnen etwas auf dem Tablet. (Henry Bernhard)Für die Einstellung der Schüler und Schülerinnen zum Unterricht ist das Lehrpersonal entscheidend. (Henry Bernhard)

von Billerbeck: Nun sprechen Sie von den Lehrern, haben sich zwar gerade entschuldigt, dennoch die Frage, kann man die eigentlich alle über einen Kamm scheren?

Wagner: Ich macht das frecherweise einfach mal, um hier auch die Spreu vom Weizen zu trennen, sage ich mal. Und in der Folge meines Buches, wenn man es denn gründlich liest – hier kommt der Lehrer wieder raus –, geht es mir auch in erster Linie um die Wertschätzung von Lehrern. Das ist nämlich der Fall, dass die wirklich guten Lehrer zu wenig Wertschätzung erfahren, dass sich einfach unmotivierte Lehrer an die Lehrer dranhängen, die ganz hervorragenden Unterricht leisten und selbst sagen, okay, bei mir kommt mein Geld vom Fließband, ich bin verbeamtet – ob ich jetzt einen Film zeige in der Klasse, und das dreimal die Woche, oder ob ich ambitionierten Unterricht mache, wen interessiert denn das? Und das muss uns interessieren, denn Schule ist ein gesamtgesellschaftliches Thema und nicht nur ein Süppchen, das man hinter verschlossener Tür kocht.

Fehler im Gesamtsystem

von Billerbeck: Klar muss uns das interessieren, aber ist das nicht ein bisschen zu kurz gesprungen, da den Lehrern so die Dresche überzuhelfen? Ist das nicht ein Fehler im Gesamtsystem, denn schließlich, was können die Lehrenden daran ändern, wenn die Lehrpläne so sind, wie sie sind, wenn es am Personal fehlt, wenn die Eltern nerven, wenn viele Kinder aus bildungsfernen Gesellschaftsschichten kommen und es sehr schwierig machen, da zu unterrichten?

Wagner: Natürlich ist es jedem überlassen, ob er sich als Opfer sieht, was ich generell für eine schlechte Haltung ansehe. Es hapert im Gesamtsystem, selbstverständlich, mal von der Einstellungspolitik ganz abgesehen. Doch sind natürlich auch – ich weiß nicht, wie viele sind es? – 600.000 Lehrer, die das Joch der Verbeamtung gern angenommen haben, das heißt, sich zur Schweigepflicht haben verführen lassen gegen Geld – ich sag es jetzt mal so ganz bitter. Und jeder hat ja die Entscheidung, zu sagen, ich kann das machen, ich kann was ändern. Und es sind, wenn sich Menschen an Lehrer erinnern, immer Einzelpersonen, wo sie sagen, diese Einzelperson hat mein Leben positiv oder auch negativ beeinflusst. Man darf das nicht unterschätzen, was ein Lehrer bewirken kann.

Alltag in der Willkommensklasse: Wer gut genug Deutsch gelernt hat, wechselt in eine Regelklasse (Deutschlandradio / Nana Brink)Der Schulalltag sollte auch Spaß machen (Deutschlandradio / Nana Brink)

von Billerbeck: Kann ich bestätigen.

Wagner: Ich kann auch mal sagen, das, was ich oft gemacht habe, und ich kenne Lehrer, die das auch tun, die sagen, was da im Lehrplan steht, das klopp ich gerade mal in die Tonne. Das taugt nichts. Und für meine Lerngruppe, die ich hier habe, schon mal gar nicht. Und wenn der Lehrer im Nachbarraum mit seiner Parallelklasse 20 Seiten weiter ist, dann ist er das bitte. Dann hat er andere Bedingungen. Aber ich muss auch versuchen, mit dem, was ich habe, zurechtzukommen, und das muss ich positiv tun.

Faire Benotung

von Billerbeck: Ein Instrument, das der Lehrer ja hat oder die Lehrerin, an das wir uns alle erinnern, ist die Note, die Zensur. Da beschreiben Sie in Ihrem Buch, die werden oft willkürlich vergeben als eine Art Tauschgeschäft. Sollte man Noten also besser abschaffen?

Wagner: Da würde ich nicht so weit gehen. Ich sage aber, sie müssen eine andere Wertung bekommen. Ich sehe das im sportlichen Sinn. Mein Hintergrund ist der Leistungssport. Und wenn man sich in fairem Wettkampf misst und fair gezeigt bekommt, hier hast du noch Defizite, da arbeiten wir dran, und das machen wir positiv, und das machen wir gemeinsam, und nicht mit fünf und sechs, dann bist du hier der Schlechte, dann bist du schlecht. Dieses In-einen-Pott-schmeißen, du bist schlecht und du hast eine fünf. Das geht nicht.

Damit machen wir Menschen kaputt. Und wenn man es mal richtig anguckt, was heißt denn "mangelhaft"? Mangelhaft heißt, da ist noch was zu verbessern, da müssen wir dran arbeiten. Das wird gar nicht mehr richtig ausgelegt. Wenn ich einem Schüler eine Fünf gebe, ist das sein Todesurteil – oh, ich bleibe sitzen. Das ist der falsche Aspekt. Wir müssen helfend, unterstützend und alles geben, damit es eben keine Fünf wird. Und das ist nicht ausgeschöpft in unseren Schulen.

Lehrer (dpa)Lebenslanges Lernen ist gerade für Lehrer und Lehrerinnen wichtig (dpa)

von Billerbeck: Die Eltern sind ja auch noch ein Thema. Ich glaube, wenn wir das Feld jetzt aufmachen, dann reden wir die nächsten zwei Stunden lang. Deshalb frage ich Sie zum Schluss, was braucht es dann, um ein guter Lehrer zu sein, eine gute Lehrerin, und eben nicht der Problemfall, von dem Sie schreiben?

Wagner: Ja, guter Lehrer – was macht ihn aus? Schon mal seine Grundeinstellung. Er muss also positiv dem Leben gegenüber eingestellt sein. Wenn ich jetzt vor einer Schule stehe, auf mein Kind warte und gucke, was da teilweise so rein- und rausgeht, mit hängenden Schultern, verhärmt und wirklich erbarmungswürdig teilweise. Dann frage ich mich immer, warum macht dieser Mensch, warum tut der Mensch sich das an und unterrichtet, wenn er schon offensichtlich körperlich leidet. Ein lebenslanges Lernen ist eine Grundvoraussetzung.

Ich bin jetzt 62. Ich bin immer noch begeistert dabei, zu lernen. Ich hab mich hingesetzt und ein Buch geschrieben, weil es mir unter den Nägeln gebrannt hat. Natürlich muss ich jetzt Schläge einstecken, jede Menge, das weiß ich. Da kann ich aber hoffentlich mit umgehen, weil etwas Gutes am Ende steht, und das sollte auch immer im Sinne eines Lehrers sein: Das Gute am Ende. Wozu mache ich das? Wozu mache ich diesen Job? Was ist, wie der Engländer sagen würde, mein purpose? Warum gehe ich da jeden Morgen hin?

von Billerbeck: "Das Problem sind die Lehrer", so heißt das Buch, und darüber habe ich gesprochen mit Sigrid Wagner, Lehrerin und Buchautorin. Das Buch erscheint heute. Ich drücke Ihnen die Daumen und vermute, dass Sie viel Dresche dafür bekommen werden.

Wagner: Hab ich schon, hab ich schon. Ich hab ein dickes Fell, und das braucht man als Lehrer auch unbedingt.

von Billerbeck: Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Buchcover "Das Problem sind die Lehrer" von Sigrid Wagner, im Hintergrund ein leeres Lehrerpult mit Schultasche (Rowohlt Verlag / imago) (Rowohlt Verlag / imago)
Sigrid Wagner: Das Problem sind die Lehrer. Eine Bilanz
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
272 Seiten, 12,99 Euro

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