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Weltzeit | Beitrag vom 30.06.2020

Schule in der Krise Wie digitales Lernen in anderen Ländern funktioniert

Kilian Kirchgeßner, Benjamin Hammer, Carsten Schmiester, Dr. Dirk Hastedt

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Ein Mann im Schutzanzug desinfiziert einen Klassenraum wegen des Coronavirus in der Ema-Destinnova-Grundschlule in Prag in Tschechien, aufgenommen im März 2020. (picture alliance/Michal Krumphanzl/CTK/dpa)
Desinfektion in einer Schule in Tschechien - in diesem Land hat das digitale Lernen sehr gut funktioniert. (picture alliance/Michal Krumphanzl/CTK/dpa)

Schulschließungen wegen des Coronavirus gab es weltweit. Aber nicht überall werden die Kinder gleich gut durch die Krise begleitet. In manchen Ländern funktioniert das digitale Lernen relativ problemlos, in anderen kollabiert das System. Woran liegt das?

Israel gehört zu den Ländern, die bereits Anfang Mai die Schulen wieder geöffnet haben. Nun stellt sich heraus: Der Preis ist hoch, denn Dutzende Bildungseinrichtungen müssen bereits zum zweiten Mal schließen, weil die Infektionszahlen in den Schulen hoch sind. Wie es weitergeht nach den Ferien, weiß man noch nicht.

Homeschooling und digitales Lernen hat hier nicht besonders gut funktioniert, weiß Israel-Korrespondent Benjamin Hammer. "Die meisten, die ich gesprochen haben, sagen, dass es schlecht lief. Sie fürchten, dass die Kinder ein halbes Schuljahr verloren haben. Das wundert mich, weil sich Israel als Land der Start-ups profiliert und es ja tatsächlich auch viele Start-ups hier gibt. Aber auf die Schulen hat das offenbar keine großen Auswirkungen."

Eine Lehrerin in Jerusalem in Israel mit einer Schülerin - beide tragen Masken - führt Maßnahmen aufgrund des Coronavirus aus, aufgenommen im März 2020. (imago images/ZUMA Wire/Nir Alon)Dutzende Bildungseinrichtungen in Israel mussten bereits zum zweiten Mal schließen. (imago images/ZUMA Wire/Nir Alon)

Anders ist das in Estland, wo die Kinder mit einem "elektronischen Schulranzen" ausgestattet werden, auch schon vor Coronazeiten. Das digitale Lernen ist keine Herausforderung, es hat gut funktioniert. Aber es ist öde, klagt die Grundschülerin Maria: "Probleme gab es nicht, aber zum Schluss wurde es langweilig ohne meine Freundinnen. Ich gehe lieber wieder in die richtige Schule".

Generell sind die Menschen im im hohen Norden oder auch im Nordosten bestens vernetzt. Schnelles Internet für alle ist selbstverständlich, in Estland ist der Zugang zum Internet sogar in der Verfassung garantiert. Digitale Lernplattformen gibt es schon lange, alle üben den Umgang damit. Das half sogar den Kleinsten beim Lernen zuhause in den letzten Wochen und Monaten.

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Frühe Schulöffnungen in Dänemark

Dänemark hat bereits im April die Grundschulen wieder geöffnet, um das öffentliche Leben am Laufen zu halten. Besonders wirtschaftliche Gründe waren ausschlaggebend. Denn wenn die Kinder nicht in die Schule können, dann können die Eltern auch nicht zur Arbeit. Die Schulöffnung war ein Risiko und viele Eltern haben protestiert. Sie wollten nicht, dass ihre Kinder zu "Versuchskaninchen" wurden, so wie beim Nachbarn Schweden.

Dort wurden die Grundschulen gar nicht geschlossen, was dazu führte, dass manche Eltern, die Angst vor Infektionen hatten, ihre Kinder verbotenerweise zuhause behalten haben. Damit dies nach den Sommerferien nicht wieder geschieht, drohen nun Bußgelder.

Coronavirus: Kinder mit Fahrrädern spielen draußen in Pärnu in Estland, aufgenommen im März 2020. (picture alliance / Scanpix/Cover Images)Alleine lernen vor dem Computer? "Öde", findet eine estnische Schülerin - umso schöner, mit den anderen draußen zu spielen. (picture alliance / Scanpix/Cover Images)

Internationale Vergleichsstudien darüber, wie die Bildungseinrichtungen einzelner Länder über die Zeit der Coronakrise gekommen sind, gibt es natürlich noch nicht, schließlich sind wir noch mittendrin. Aber es gibt durchaus vergleichende Bildungsstudien, die gewisse Rückschlüsse zulassen.

Die "International Association for the Evaluation of Educational Achievement", kurz IEA, mit Sitz in den Niederlanden untersucht u.a. die Fortschritte bei der Digitalisierung im Bildungsbereich. Executive Director Dr. Dirk Hastedt ist gelegentlich selbst überrascht von den Ergebnissen. "Die Tschechische Republik hat in den vergangenen Zyklen besser abgeschnitten als manche asiatischen Länder, wie zum Beispiel Südkorea. Das hat uns schon gewundert. Deutschland liegt im oberen Mittelfeld, hat sich aber eher verschlechtert als verbessert."

Mangelnde Vermittlung an Medienkompetenz

In den Schulen praktisch aller untersuchter Länder mangelt es an der Vermittlung von Medienkompetenz, haben die Wissenschaftler festgestellt. "Die meisten Kinder lernen den Umgang mit Medien zuhause, nicht in der Schule. Das hat sich bei unseren Umfragen herausgestellt."

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Eltern und Familie in Fragen der Medienkompetenz eine herausragende Stellung einnehmen. "Die Schülerinnen und Schüler lernen das in der Familie oder sie lernen es eben gar nicht."

Der Zugang zum digitalen Lernen ist von Land zu Land extrem unterschiedlich. Während in Deutschland nur 26 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Schule Zugang zum WLAN haben, sind es in Dänemark 100 Prozent und in Finnland 91 Prozent. 

Tschechien - ein digital affines Land

Die Frage, warum ausgerechnet Tschechien alle überrascht hat, kann am besten Kilian Kirchgeßner beantworten, der mit seiner Familie in Prag lebt.

"In Tschechien ist das ganze Bildungssystem kompetitiv, Eltern sind es gewöhnt, sehr viel Energie auf den Bildungserfolg ihrer Kinder zu verwenden. In den Schulen sind die digitalen Formate zwar auch noch relativ neu, aber generell ist Tschechien ein Land, das digital affin ist. Das merkt man auch bei einem Blick auf die Volkswirtschaft. Der Anteil am Bruttoinlandprodukt der Digitaltechnologie ist deutlich höher als zum Beispiel in Deutschland."

Wie es nach den Ferien weitergeht mit den Schulen, weiß man in Tschechien genausowenig wie in Israel oder sonst irgendwo. Die alten Fragen werden im September neu gestellt.

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