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Literatur / Archiv | Beitrag vom 17.12.2017

Schriftsteller und ihre PseudonymeDie Lizenz zur Lüge

Von Astrid Mayerle

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Tippen auf einer alten Schreibmaschine (imago / Busse )
Das Pseudonym ist ein Schutz, eine Maskerade, ein Mantel, die Larve, hinter der das wahre Gesicht steckt. (imago / Busse )

"Pseudonyme sind wie kleine Menschen. Es ist gefährlich, Namen zu erfinden – ein Name lebt", schrieb Kurt Tucholsky, der unter anderem als Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel Texte veröffentlichte. Wozu dieses Versteckspiel vieler Autoren hinter Pseudonymen?

"Pseudonym" kommt aus dem Griechischen: "pseudo" – "falsch" und "onoma" – der Name. Also: der falsche Name. - Deckname, Tarnung, Maske, Spiel, Laune Spleen, Eskapade. In seinem Pseudonymenlexikon hat Wilfried Eymer 27.000 Pseudonyme allein deutschsprachiger Schriftsteller erfasst. Vom 16. Jahrhundert bis heute. Einige Autoren waren oder sind besonders erfindungsreich und bringen es auf ein Dutzend oder gar einhundert Alternativnamen.

"Was machen Dichter? Sie gehen mit Sprache um", sagt der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch. "Sie bilden aus Sprache, indem sie Buchstaben und Wörter neu kombinieren neue Sätze, übrigens ja Sätze, die keine Entsprechung in der Wirklichkeit haben müssen." Insofern erkennt er im Pseudonym ein Charakteristikum von Literatur schlechthin. "Soll heißen: Dichter haben die Lizenz zu lügen." Und daher auch, mit ihrem Namen zu spielen.

Literatur als Lüge

Eine Gleichung, die Fiktion und Lüge in eins setzt. Noch weiter holt der italienische Romancier Giorgio Manganelli in seinem Essay "Literatur als Lüge" aus: Der Schriftsteller sei niemandem verantwortlich, denn er schreibe an unbekannte Adressaten, sein Publikum kenne er nicht, ja, wolle er gar nicht kennen: 

"Er wählt sich unterirdische, nicht asphaltierte Gänge als Aufenthalt. Ihn verlangt nach einer besonderen Freiheit, die für jeden Schriftsteller verschieden ist: keinesfalls ist es eine liberale Freiheit, der Liberale toleriert sie nicht. Sie ist blasphemisch, zerstörerisch... Von Natur aus anarchisch, hält er – der Schriftsteller – stets Kontakt zu den Gängen der Unterwelt, jenen vorhangverhangenen, schlupfwinkligen Labyrinthen, in die sich der tugendsame Blick des Humanisten nicht hineinwagt."

Was in jenen literarischen Geheimgängen passiert, ist für Manganelli keineswegs moralisch verwerflich. Er kokettiert nur mit dieser Einschätzung, ganz im Gegenteil, er feiert den Triumpf der literarischen Lüge, der Fiktion als große Utopie. Literatur kann eben deshalb unmoralisch, zynisch, verdorben, heuchlerisch sein, weil sie sich im Raum des Imaginären, in einem Paralleluniversum zur Realität bewegt.

Der Tyrann Macbeth ist nur die eine mögliche Formulierung des Bösen, nicht das Böse selbst. Denn, so Manganelli, mit ihren Sätzen ohne Sinn, mit ihren nicht verifizierbaren Behauptungen, erfinden sie – die Literatur - Welten, erdichtet sie unerschöpfliche Zeremonien. "Sie ist die Beherrscherin des Nichts. Sie ordnet es nach einem Katalog von Mustern, Sinnbildern, Schemata. Sie reizt uns, fordert uns heraus, bietet uns das illusionistische, heraldische Fell einer Bestie dar, einen Sprengkörper, einen Würfel, eine Reliquie, die zerstreute Ironie eines Wappens."

Der gemeinen Lüge – und damit auch der literarischen – hat die Philosophie bereits früh ein passables Alibi mitgegeben: Sokrates hält einen Lügner, der weiß, dass er lügt, für klüger als einen ehrlichen Menschen, der die Möglichkeit, neben der Realität einen zweiten Ereignisraum zu eröffnen, gar nicht kennt.

Sogar viele der bekanntesten Autoren haben unter Pseudonym veröffentlicht. Probe auf das Exempel: Wer in Wilfried Eymers Pseudonymenlexikon nachschlägt, findet hier auch Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger mit ihren Zweitnamen.

Voltaire versteckte sich hinter etwa 160 Namen

Warum dieses Versteckspiel? "Das Allerempfindlichste am Schreiben ist der Name, weil man letztlich mit dem Namen schreibt", sagt Roger Willemsen, Literaturkritiker, Autor und selbst kurzzeitig Pseudonym-Besitzer. "Jeder Satz ist einem Namen zuzuordnen. Man kann den Namen beschädigen, man kann ihn zu einem Verkaufsargument machen. In dem Augenblick, in dem man den Namen an der Börse der Bücher notiert, hat er einen ökonomischen Rang aber auch einen inhaltlichen, weil jedes Buch, das man sich zuschreibt, differenziert diesen Namen und gibt ihm ein anderes Schillern. Insofern verstehe ich es gut, dass jemand seinen Namen ablegen möchte und sagt, man hat die Tafel plötzlich nochmal ganz weiß gewischt und fängt nochmal von Anfang an zu schreiben, als gäbe es kein literarisches Vorleben. Dann wäre das Pseudonym auch der Versuch, einen unbeschriebenen literarischen Raum herzustellen."

Es gebe viele, die sagen, ich bin mit meinem Leben nicht einverstanden, daher muss ich es in die Hände nehmen und der Biograf meines eigenen Lebens werden, sagt Literaturwissenschaftler Hörisch. "Ich schreibe mir mein Lebensskript." Der schönste, rührendste Fall sei der von Günther Anders, der berühmte Autor der "Antiquiertheit des Menschen". "Er nimmt sich als Pseudonym kein anders Wort als Anders. Ich will anders heißen als bisher."

Novalis - Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, Voltaire - Francois-Marie Arouet… Wie viele Bücher wohl wären niemals geschrieben worden, gäbe es nicht die Möglichkeit, diesen anderen Raum, für sich zu beanspruchen, gäbe es nicht die Option einer anderen, einer zweiten oder dritten oder sogar multiplen Identität. Einige Autoren hätten vielleicht sogar aufgehört zu schreiben, andere hätten nie das Genre gewechselt und wieder andere wären permanent der Zensur unterlegen.

Schriftsteller haben sich zum Glück immer wieder diesen neuen Raum geschaffen, viele sogar mit mehreren Pseudonymen: Der Portugiese Fernando Pessoa ließ unter sechzehn Namen seine Texte in der Öffentlichkeit zirkulieren, der populäre Jugendkrimi- und Drehbuchautor Rolf Kalmuczak hatte an die hundert Pseudonyme und der französische Essayist und Philosoph Francois-Marie Arouet – bekannt als Voltaire – soll sich hinter etwa 160 verschiedene Decknamen verborgen haben.

Das Pseudonym ist ein Schutz, eine Maskerade, ein Mantel, die Larve, hinter der das wahre Gesicht steckt. So war es jedenfalls in politisch brisanten Zeiten – etwa während der Aufklärung. Voltaire, maßgeblicher Wegbereiter der Französischen Revolution und Sohn eines Rechtsanwalts, kam mit 23 Jahren wegen einer Satire über Ludwig XIV. mit der Justiz in Kontakt und wenig später hinter Gitter. Er trieb sein Versteckspiel so weit, dass er sogar auf das Cover seines Romans "Candide" den Vermerk drucken ließ, es handle sich um eine Übersetzung aus dem Deutschen.

"Man darf niemals etwas unter seinem eigenen Namen herausgeben", warnte Voltaire einmal seinen Freund und Kollegen Claude Adrien Helvétius. Gerade im Jahrhundert der Aufklärung wurden wegen der unerbittlichen Verfolgungsmaßnahmen die meisten Pseudonyme verwendet oder Texte gleich anonym veröffentlicht.

Namensspiele in der Odyssee

Außerdem wollten die Dichter in den literarischen Zirkeln dieser Zeit unter sich bleiben und sich mit ihrem Pseudonym bewusst vom bürgerlichen Leben abschneiden. Die Schriftstellerei als Broterwerb war verpönt und nur die pure Liebhaberei in den literarischen Kreisen und Gesellschaften angesehen.

"Wenn wir uns überlegen, wo haben wir denn große Namensspiele und Pseudonymwahlen in der Literatur, dann ist in der Odyssee 800 vor Christus ein berühmter Fall vorhanden", sagt Jochen Hörisch: "Odysseus kämpft gegen den Riesen Polyphem, der ja nur ein Auge hat. Es ist eine David-Goliath Situation."

Der schmächtige Odysseus gegen den Riesen Polyphem. Odysseus überlistet das einäugige Monster, sticht ihm ein Auge aus und Polyphem ruft in seinen Qualen: Mit wem kämpfe ich? "Und dann spielt Odysseus mit seinem Namen und nennt sich griechisch Outis. Das heißt nichts anderes als Niemand. Das Personalpronomen ist von der Phonetik her verwandt mit dem Namen Odysseus. Und Polyphem, blöd wie er ist, schreit dann laut: Oh, kommt mir zu Hilfe, niemand sticht mir ein Auge aus, niemand bekämpft mich, niemand versucht mich zu töten. Die Kumpanen des Polyphem lachen sich krank und sagen: Der hat wieder zu viel gesoffen. Da haben wir eine schöne Pseudonymwahl, die Odysseus das Leben rettet."

"Stets wohnten zwei Brüste in meiner Seele"

Gleichzeitig dementiert der Name Outis – Niemand – auch das Wesen des Namens an sich, eine Person zu identifizieren, Namen und Konterfei zusammenzubringen. Insofern ist Niemand das Pseudonym schlechthin.

Sicher war er sich dieser Bedeutung bewusst, der Jurist und Satiriker Johann Baptist Fischart, der gegen die Jesuiten wetterte und für die Reformation warb: hatte er doch im 16. Jahrhundert unter seinen vielen Decknamen auch "Ulysses Odyssäus".

Der Philosoph und Schriftsteller Salomon Friedländer knüpfte mit "Myona", einem Anagramm von "Anonym" direkt an den Tarnnamen des Odysseus an und lieferte ein ironisches Selbstbekenntnis gleich mit: "Stets wohnten (mindestens) zwei Brüste in meiner Seele."

Obwohl das Phänomen des Namenswechsels bereits bei Homer auftaucht und sich vor allem mit der Erfindung des Buchdrucks immer stärker verbreitete – seitdem wuchs das Interesse an der Person des Autors beständig -, hat sich die Literaturwissenschaft kaum mit dem Thema beschäftigt. Es existiert keine umfassende Kulturgeschichte der Pseudonyme, keine soziologische oder gar psychologische Abhandlung.

Obwohl die Leser ein berechtigtes Interesse an der wahren Autorschaft eines Buches haben wie Gerhard Söhn in seinem Buch "Literaten hinter Masken" bekräftigt:

"Warum wird der Autorschaft eine derartige Bedeutung beigemessen? Bei dem Versuch, diese Frage zu beantworten, gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass hier an das Grundproblem aller Pseudonymität und Anonymität gerührt wird. Nicht die Verkleidung an sich ist das Entscheidende – es gibt vielerlei Gründe hierfür - , sondern das unbezähmbare Verlangen, hinter jedem Werk die Person seines Schöpfers zu sehen. Es geht um das Problem des objektiven Kunstwertes und das der schöpferischen Begabung. ... Deutlich zeichnet sich ab, welche Bedeutung dem Standort zukommt, von dem ein geniales Werk seinen Ausgang nimmt."

Ein kalkuliertes Spiel mit dem Namen

Aber auch ein weniger geniales. Zum Namen gehört ebenso das geistige Umfeld eines Autors, frühere Veröffentlichungen, seine Verwurzelung im Denken einer bestimmten Epoche, seine Herkunft und Nationalität und so fort.

Dass die Literaturkritik sich bei der ganz und gar objektiven Beurteilung von Literatur ungemein täuschen kann, beweist ein Kuriosum aus dem Jahr 1968: die Satirezeitschrift "Pardon" verschickte das Manuskript eines angeblich jungen, unbekannten Autors an verschiedene renommierte Verlage, darunter auch Suhrkamp, Fischer und Rowohlt. Keiner von ihnen erkannte das eingesandte Manuskript als erotische Szene aus Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften". Rowohlt, Musils Hausverlag, schrieb sogar zurück, der Text passe nicht in ein "spezifisch literarisches Programm."

Ähnlich die Geschichte des holländischen Autors Arnon Grünberg, der vor wenigen Jahren als Marek van der Jagt von denselben Kritikern heftigste Attacken einstecken musste, die ihn als Arnon Grünberg schätzten.

Spöttisch-anzüglich schaut er, passend zum schmallippigen, fast zu einer Linie zusammengezogenen Mund und dem breiten Kiefer. Der bekannte Autor, der in Dublin lebt, trägt Tweed und Krawatte. So kennt man ihn seit Jahren von den Umschlägen seiner Bücher und aus den Zeitungsanzeigen. Der Schriftsteller von "Sonnenfinsternis" und "Athena": John Banville. Jetzt heißt er Benjamin Black. Und macht daraus kein Geheimnis.

Sein Verlag, Kiepenheuer und Witsch, wirbt mit dem alten Konterfei, dem bekannten Banville-Porträt für das neue Buch "Nicht frei von Sünde" für Benjamin Black. "Booker-Preis-Gewinner John Banville zeigt sich von seiner kriminellen Seite. John Banville hat unter dem Pseudonym Benjamin Black seinen ersten Krimi verfasst: atmosphärisch dicht, mitreißend, sprachlich brillant", heißt es im Klappentext.

Oliver Domzalski, Lektor bei Eichborn Frankfurt, betreut mehrere Autoren, die unter Pseudonym veröffentlichen, außerdem hat er sich für ein Spaßbuch selbst schon einmal einen Zweitnamen zugelegt. Was Banville – Black – betrifft, hat er eine gute Erklärung für die Strategie der Konkurrenz: Wenn ein schon bekannter Autor sich eine zweite Autorenidentität aufbaue, um ein bestimmtes Genre zu bedienen – etwa Krimis – dann werde der Start sicher erleichtert, wenn man "beim ersten Buch dazuschreiben kann: Leute, das ist John Banville". Dann gehe das seinen eigenen Weg "und dann beim dritten, vierten Buch wissen es die Eingeweihten. Das ist dann ein schöner Party-Talk: Du weißt doch dass Benjamin Black John Banville ist."

Ein kalkuliertes Spiel: der Verlag zieht die Aufmerksamkeit der bisherigen Banville-Leser – meist keine Krimi-Fans – auf das neue Buch und gewinnt gleichzeitig neue Krimi-Fans, denen Banville unbekannt ist.

Celan, Antschel und die Todesfuge

"Was das Pseudonym betrifft, so weiß ich noch ganz genau, dass wir einen Spaziergang in Stuttgart machten. Das muss so am zweiten oder dritten Tag seines Aufenthalts in Stuttgart gewesen sein, dass wir da spazieren gingen, am Wilhelmsbau, ein Palais, wo Lesungen stattfanden", erinnert sich Hanne Lenz an einen gemeinsamen Spaziergang 1954 mit Paul Celan. "Da hat er zu uns gesagt: Ich muss euch sagen, ich heiße gar nicht Celan, mein anderer Name gefällt mir nicht. Celan ist ein Anagramm meines richtigen Namens, nämlich Antschel, und Celan heiße ich jetzt. Das war das einzige Mal, dass er mit uns darüber gesprochen hat."

Sie und ihr Mann, der Schriftsteller Hermann Lenz hatten sich unmittelbar nach einer Lesung Celans aus "Mohn und Gedächtnis" in Stuttgart befreundet, und Hanne Lenz erkannte in dem kurzen Gespräch über den Namen einen Freundschafts- und Vertrauensbeweis, auch wenn Celan nicht die Motive seines Namenswechsels erklärte.

Allerdings hat der Autor der "Todesfuge", dem bekanntesten Gedicht über Auschwitz und den deutschen Faschismus, auch mit seinen Freunden nie weiter über seinen Namenswechsel gesprochen.

Celans Pseudonym ist sicher mehr als eine persönliche Angelegenheit, denn es ist eng verbunden mit der Frage, ob und wie Lyrik nach dem Holocaust möglich sein kann.

"Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends,

wir trinken sie mittags und morgens, wir trinken sie nachts.

wir trinken und trinken

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng."

Paul Celan hat mit seinem Schreiben immer wieder eine Gegenposition zu Theodor W. Adornos Behauptung bezogen, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Denn genau das hat Celan getan: Er machte sogar wie in seinem berühmten Gedicht, die "Todesfuge" Auschwitz, den Massenmord selbst immer wieder zum Thema, schöpfte dabei die deutsche Sprache wie seinen Namen neu, fügte beides neu zusammen und markierte eine sichtbare Zäsur – nicht nur eine persönliche, eine in der literarischen Welt historische.

1946 verschickte Celan erstmals ein Manuskript mit seinem Pseudonym –  der Titel "Sand aus den Urnen".  Im Jahr darauf erschienen die "Todesfuge" und drei weitere Gedichte unter Paul Celan. Ein einziges Mal hat er selbst seinen Zweitnamen in einem sehr kryptischen Text erwähnt, der 1947 erschien:

"Als Anhänger des erotischen Absolutismus, als sogar unter Tauchern zurückhaltender Größenwahnsinniger, als Botschafter gleichzeitig des Halos Paul Celan, rufe ich die versteinernden Erscheinungen des Luftschiffbruchs nur alle zehn (oder mehr) Jahre hervor, und ich laufe nur zu sehr später Stunde Schlittschuh, auf einem See, der vor dem riesigen Wald der hirnlosen Mitglieder der Welt-Dichter-Verschwörung bewacht wird."

In seiner frühen rumänischen Prosa – so die These der Celan-Forscherin Barbara Wiedemann – stellt der Autor eine Verbindung zu Thomaso di Celanos "Dies Irae", dem Gesang über das Ende der Welt beziehungsweise den jüngsten Tag her. Der Name Celan wäre demnach nicht nur ein Anagramm seines ursprünglichen Namens Antschel, sondern eine Anspielung beziehungsweise Hommage an den Schöpfer des mittelalterlichen Hymnus vom jüngsten Gericht.

Doch nachdem sich die Literaturwissenschaft vor allem mit dem Dichter der "Todesfuge", mit dem Rehabiliteur der deutschen Sprache beschäftigte, hat sie Celan als Dichter von Liebeslyrik beinah übersehen. Seine erotischen Gedichte und der Kontext, in dem er sein Pseudonym ein einziges Mal erwähnt – "als Anhänger des erotischen Absolutismus" - , geben einen Hinweis auf eine andere Erklärung, eine mögliche Anspielung auf einen Barockdichter, der bei der Veröffentlichung seiner erotischen Romane und Lyrik ein sehr ähnliches Pseudonym verwendete, das bis heute nicht gelüftet ist: Celander. Denn Celan hat Liebesgedichte voller erotischer Metaphern geschrieben:

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten

Wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles,

wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,

wir schlafen wie Wein in den Muscheln,

wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Die Kunsthistorikerin Hanne Lenz, die mit Celan befreundet war, veröffentlichte übrigens selbst unter Pseudonym. Ein einziges Buch. Ihre fünf Geschichten erschien 1946 unter dem Geburtsnamen ihrer Großmutter mütterlicherseits: Cornelia Dehn. Die sparsame Nachkriegsproduktion machte das schmale Buch nicht gerade zu einer verlegerischen Meisterleistung, dem Covertitel "Nachkarussel" fehlte am Ende der letzte Buchstabe. Hanne Lenz war ziemlich empört über das fadengebundene Heft, das ihrer Meinung nach wie ein Kochbuch aussah.

Die Geschichten entwerfen surrealistische Bilder des Krieges und der Nachkriegszeit. Die Titelgeschichte erzählt von Erinnerungsfetzen, die in den Köpfen kreisen: Menschen, der Führer, Soldaten, Paare und ein Heringshändler, die immer wieder auftauchen und vorbeiziehen wie die Figuren eines Karussells.

Ihr Pseudonym habe sie ihres Mannes wegen gewählt, sagt Hanne Lenz. "Ich wollte nicht auch als Lenz veröffentlichen. Er war Hermann Lenz, da wollte ich nicht als Hanne Lenz auftreten, das wäre für ihn nicht so angenehm gewesen, und dann hab ich nach einem Pseudonym gesucht und den Namen meiner Großmutter genommen", erzählt die selbstbewusste, kurzhaarige Frau im maßgeschneiderten Hosenanzug. Entgegen aller Vernunft der Emanzipation hat sie ihrem Mann den Vortritt gelassen.

 "Mein Mann war so erfüllt von seinem Schreiben, und es nahm so eine zentrale Stelle ein, dass ich dachte, so kann ich es nie", sagt sie. "Und es hat gar keinen Zweck, dass ich auch anfange zu schreiben. Ich hab was vor mich hingekritzelt, ohne an eine Veröffentlichung zu denken."

Der im litauischen Vilnius geborene Roman Kacew – später Romain Gary – zog als Vierzehnjähriger mit seiner Mutter an die Cote d‘Azur. Er wurde Diplomat, Flieger und Schriftsteller.

Pseudonyme kompatibel zum Gesellschaftskreis

Romain Gary erzählt als einer der ganz wenigen Autoren über das Suchen und Finden eines neuen Namens. In seinem autobiografischen Roman "Erste Liebe – letzte Liebe" schreibt er 1960:

"Ein Gedanke schien meine Mutter sehr zu beschäftigen. Man muss ein Pseudonym finden, sagte sie mit großer Festigkeit. Ein bedeutender französischer Schriftsteller kann keinen russischen Namen tragen. Wärst du ein Violinvirtuose, so ginge das sehr gut, aber bei einem Titanen der französischen Literatur geht das nicht."

Nachdem er nicht in seiner Muttersprache – vermutlich einer Mischung aus Russisch, Polnisch und Jiddisch –, sondern auf Französisch und Englisch veröffentlichte und nur französisch klingende Namen wählte, ging es Kacew vor allem darum, eine andere Herkunft und Nationalität vorzutäuschen, eine, die mit der literarischen Welt vereinbar und mit gehobeneren französischen Gesellschaftskreisen kompatibel war. Allerdings: zu vornehm durfte der Name auch nicht geraten. "Es wäre vielleicht besser, einen Namen ohne Adelsprädikat zu wählen, für den Fall, dass noch eine Revolution kommt, sagte meine Mutter", schreibt er.

Romain Gary ist der einzige Schriftsteller, der zwei Mal den Prix Concourt, einen der begehrtesten Literaturpreise Frankreichs bekam – und zwar nur deshalb, weil er unter verschiedenen Namen veröffentlichte. 1956 wurde er als Romain Gary für "Les racines du ciel" ausgezeichnet" und 1975 als Èmile Ajar für "La vie devant soi". Zur zweiten Preisverleihung soll er einfach seinen Neffen geschickt haben.

"Seit sechs Monaten brachte ich täglich ganze Stunden damit zu, Pseudonyme zu probieren. Ich kalligraphierte sie mit roter Tinte in ein besonderes Heft. Gerade an diesem Morgen war meine Wahl auf Hubert de la Vallée gefallen, aber eine halbe Stunde später erlag ich dem sehnsüchtig-reizvollen Romain de Roncevaux. Mein wirklicher Vorname, Romain, erschien mir recht geeignet. Leider gab es schon Romain Rolland, und ich war nicht geneigt, meinen Ruhm mit irgendjemandem zu teilen. All das war recht kompliziert. Das Lästige an einem Pseudonym ist, dass es niemals alles ausdrücken kann, was man in sich fühlt."

Ein neuer Name, eine neue Persönlichkeit

Also braucht man mehrere Pseudonyme. Romain Gary, der mit der Schauspielerin Jean Seaberg verheiratet war, dachte sich immer wieder neue Namen aus: Èmile Ajar, Shatan Bogat, Lucien Brulard, René Deville, Fosco Sinbaldi. Lucien Brulard ist ein Zwitter zweier Pseudonyme Stendhals – ein Vorbild Garys. Lucien Brulard setzte er zusammen aus Lucien Leuwen und Henri Brulard.

Erst nach seinem Selbstmord 1980 kam heraus, dass Gary und Ajar identisch sind. In seinem Nachlass fand sich ein Text mit dem Titel "Vie et mort d´Èmile Ajar" – "Leben und Tod des Èmile Ajar". Entstanden war er kurz zuvor.

Die Geschichte Garys steht für einen absoluten Neuanfang im Leben, für einen zielstrebig geplanten Persönlichkeitswandel. Dass ein Namenswechsel tatsächlich die Persönlichkeit stark beeinflussen kann, haben Namensforschung und Psychologie bewiesen, denn ein Namenswechsel wird nach einem traumatischen Ereignis oder bei einer zerrütteten Familiengeschichte sogar als therapeutisches Element vorgeschlagen.

Mehr Namen, mehr Ruhm

Der Fall Gary – Ajar legt nahe, Pseudonyme mit Kalkül als einen literarischen Joker einzusetzen, wenn etwa ein Preis in Aussicht steht. Der holländische Autor Arnon Grünberg, der mit seinem Roman "Blauer Montag" 1994 international bekannt wurde und eine Zeit lang auch als Marek van der Jagt veröffentlichte, sollte zwei mal mit dem niederländischen "Anton Wachter Preis" für literarische Debuts ausgezeichnet werden. Erstmals 1994 als Arnon Grünberg für "Blauer Montag" und 2000 als Marek van der Jagt für "Amour Fou".

Grünberg hatte seine zweite Identität sorgfältig geplant und organisiert: Es gab eine Emailadresse für sein Pseudonym, sogar die Faxe an seinen Verleger unterschrieb er mit Marek van der Jagt. Ein Bekannter lieh den Büchern sein Konterfei. Marek van der Jagt wurde zur Preisverleihung eingeladen und sollte in jedem Fall persönlich erscheinen. Ein Dilemma, erzählt Arnon Grünberg: "Dann hat der Preisverleiher gesagt: Wir vergeben den Preis nur an Marek van der Jagt, wenn er persönlich kommt. Dann sagte ich mir: Da kann ich ja etwas mitspielen, denn auf dem Buch gab es ein Foto, ein Herr den ich getroffen hatte. Aber dann sagten die Preisverleiher, wenn er kommt, muss er seinen Ausweis mitnehmen. Dann war die Preisverleihung, und der Preis wurde nicht vergeben. Einige Leute haben mir das sehr übel genommen und gesagt, das hat der Grünberg nur gemacht, um zwei mal diesen Preis zu bekommen." – wie Romain Gary.

Ach wie gut, dass niemand weiß...

Grünberg hatte drei gute Gründe für ein Pseudonym. Der erste, ein relativ pragmatischer. Er war verlegerisch in guten Händen, kam allerdings mit einem anderen Verlag in Kontakt, der ihn für ein neues Buch gewinnen wollte.

"Ich wollte meinen Verleger nicht eifersüchtig machen und habe dann nein gesagt", sagt Arnon Grünberg. "Und dann hatte ich die Idee, wenn ich das unter einem anderen Namen mache, weiß niemand, dass ich es bin. Der zweite Grund war, ich wollte sehen, wie die Leute reagieren, ohne zu wissen, dass ich es bin. Und der dritte Grund war, ich dachte, wenn ich ein Pseudonym nehme, dann brauche ich keine Lesereise machen, ich kann ja keine Perücke aufsetzen."

Das zweite Motiv ist das Interessanteste. Es hat für einigen Wirbel gesorgt, denn unter den Kritikern, die sich noch vor kurzem für Arnon Grünberg ereifert hatten, war auch einer, der Marek van der Jagt öffentlich für einen ganz und gar untalentierten Autor erklärte.

Für ihn sei das ganze als "Identitätsfrage" interessant gewesen, meint Grünberg. "Ich wollte auch beweisen mit Marek van der Jagt, dass wenn man ein Buch schreibt, in dem die Hauptfigur Marek van der Jagt heißt, alle Leute sagen, ach das ist autobiografisch, so wie mit meinem ersten Buch, als alle sagten, Grünberg hat das Buch geschrieben, Grünberg ist die Hauptperson, das ist autobiografisch. Und es gab dieselbe Reaktion."

Peter Panter, Theobald Tiger, Ignatz Wrobel…

Der Name ists, der Menschen zieret,

weil er das Erdenpack sortieret

bist du auch dämlich, schief und krumm

du bist ein Individuum.

Schreibt Theobald Tiger 1913 in der "Schaubühne", jener Wochenzeitschrift, die später in "Weltbühne" umbenannt wurde. Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger, Ignatz Wrobel sind die häufigsten Pseudonyme des bekannten Journalisten und Publizisten der Weimarer Republik, denn er hatte noch einige mehr:

"Aus dem Dunkel sind diese Pseudonyme aufgetaucht, als Spiel gedacht, als Spiel erfunden – das war damals, als meine ersten Arbeiten in der "Weltbühne" entstanden", schrieb Tucholsky 1927. Er verfolgte vordergründig eine ganz pragmatische Absicht: "Eine kleine Wochenschrift mag nicht viermal denselben Namen in einer Nummer haben, und so entstanden, zum Spaß, diese Homunculi."

Jedes seiner Pseudonyme verkörperte ähnlich wie bei seinem portugiesischen Kollegen Fernando Pessoa einen anderen Charakter, eine andere literarische Stimme: Peter Panter schrieb Feuilletons, er kannte sich aus mit Büchern und Bühne und publizierte daher in der Wochenzeitschrift "Weltbühne", die aktuelle Ereignisse aus Politik und Kultur kommentierte. Als einen kugelrunden, kleinen Mann stellt sich Tucholsky Peter Panter vor.

Jedes Pseudonym ein Charakter

Ignaz Wrobel, ein Unsympathling mit Buckel und rotem Haar trat als bissiger Kritiker der Staatsraison der Weimarer Republik auf, sogar in einigen politischen Organisationen war Tucholsky als Ignaz Wrobel eingetragen: "Wrobel – so hieß unser Rechenbuch; und weil mir der Name Ignaz besonders hässlich erschien, kratzbürstig und ganz und gar abscheulich, beging ich diesen kleinen Akt der Selbstzerstörung und taufte so einen Bezirk meines Wesens."

Theobald Tiger soll "der Muse unter die Röcke" gegriffen haben – so sein Schöpfer. Wenn Tiger nicht arbeitete, schlief er. Er schrieb Chansons und Possen fürs Kabarett und hatte eine Vorliebe für Erotisches und Komödiantisches.

Kaspar Hauser verdoppelt einige Eigenschaften Tucholskys, so soll er nach dem Krieg die Welt nicht mehr verstanden haben. Er schrieb Satiren und Glossen und entwarf den Prototyp des Spießbürgers "Wendriner".

"Pseudonyme sind wie kleine Menschen; es ist gefährlich, Namen zu erfinden, sich für jemand anders auszugeben, Namen anzulegen – ein Name lebt."

Was als literarisches Spiel begann, fand eine Fortsetzung in seinem Privatleben, denn irgendwann signierte Tucholsky sogar die Briefe an seine Freunde mit verschiedenen Namen: Arnold, Edgar, Hasenfritzli oder sogar "Martha Kanautschke, bessere Tage gesehen habende Zimmerwirtin". Sicher war Tucholsky mit allen seinen Pseudonymen verwandt oder verschwistert.

"Tucholsky hat eigentlich kein großes Rätsel daraus gemacht. Wer wissen wollte, wer hinter Panter, Tiger oder Kaspar Hauser steckt, der konnte das wissen in der Szene um die Weltbühne", sagt Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch.
 
"Der Poet vertellt sich, täuscht

so vollkommen, so gewagt,

dass er selbst den Schmerz vortäuscht,

der ihn wirklich plagt." 
 
Im Alter von nur sechs Jahren erfand der portugiesische Autor Fernando Pessoa sein erstes Pseudonym: Chevalier de Pas. In seinem Namen schrieb er sich als Kind selbst Briefe – übrigens ähnlich wie Tucholsky, der sich einen Sohn ausdachte und ihn Kinderbriefe in Kritzelschrift verfassen ließ. Pessoa imaginierte sich Freunde, die nie existierten.

Später entwarf er sogar – wie Tucholsky, aber noch viel ausgefeilter, besessener – zu seinen verschiedenen Namen auch Charaktere, mehr noch: er fingierte ganze Biografien. Heteronyme entstanden, das heißt, nicht nur weitere Namen, sondern weitere Existenzen, die sogar untereinander bekannt waren, sich Briefe schrieben und diskutierten. Ricardo Reis verfasste das Vorwort zu einem Gedichtband von Alberto Caeiro, den er seinen "Meister" nannte:

"In Caeiros Werk erfährt das Heidentum eine vollständige Erneuerung, zu der weder Griechen noch Römer, die das Heidentum lebten und folglich nicht darüber nachdachten, fähig waren.....Unkundig des Lebens und fast unkundig der Literatur hat Caeiro sein Werk geschaffen, ein stilles und tiefgreifendes Werk des Fortschritts, gleich jenem, der mittels des unbewussten Bewusstseins der Menschen die logische Entwicklung der Zivilisation steuert."

Im Dialog mit sich selbst

Auf diese Weise korrespondierte Pessoa mit sich selbst. Wie ein auf mehre Stimmen aufgeteilter Monolog wirken die Briefe und Texte, die er zwischen den Heteronymen zirkulieren ließ. Pessoa war der Überzeugung, dass der Wechsel seiner Identitäten tief in seiner eigenen Persönlichkeit verwurzelt war – und nannte es "Hysterie".  Er hatte die Veranlagung zu einer schizophrenen Persönlichkeit. Der Esoteriker Pessoa entwarf Horoskope zu den verschiedenen Heteronymen und fühlte sich bis in die kleinsten psychologischen Verästelungen ihres Wesens und dabei in sich selbst hinein.

"Ich vervielfache mich, um mich zu fühlen,

ich muss alles fühlen, um mich zu fühlen,

ich trat aus den Ufern und strömte über,

entkleidete mich und gab mich hin,

und in jedem Winkel meiner Seele raucht ein Altar

für einen anderen Gott"

Fernando Pessoa publizierte unter seinem eigentlichen Namen zu Lebzeiten kaum etwas, einen Gedichtband mit dem Titel: "Botschaft". Wesentlich erfolgreicher waren seine Heteronyme: Bernardo Soares schrieb das berühmte autobiografische "Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares".

In Pessoas Nachlass befand sich eine Kiste mit unüberschaubar vielen handgeschriebenen und getippten Manuskripten und Fragmenten – dazu neue Heteronyme, unter denen er zu Lebzeiten nie veröffentlicht hatte. Der Pessoa-Chronist Antonio Tabucchi schreibt in seinem Buch "Wer war Ferndano Pessoa?":

"Denn die unveröffentlichten Manuskripte bestätigten nicht nur die Existenz der drei Hauptheteronyme sowie die Tatsache, dass sie – gemeinsam mit dem Orthonym – vier eigenständige Werke (Caeiro, Campos, Reis und Pessoa selbst) hinterlassen hatten, sie ließen nicht nur den heteronymen Prosaschriftsteller Bernardo Soares in einem deutlicheren Licht erscheinen, sie offenbarten darüber hinaus auch noch die Existenz zweier in sich geschlossener philosophischer Werke, als deren Urheber Raphael Baldaya und Antonio Mora zeichneten."

In einem Brief an den Kritiker Adolfo Casais Monteiro erklärte Pessoa die Entstehung seiner Heteronyme und die Verbindung zu seinem Werk:

"...der geistige Ursprung meiner Heteronyme beruht auf meiner angeborenen, beständigen Neigung zur Entpersönlichung und Verstellung. Diese Phänomene haben sich – zu meinem und meiner Mitmenschen Glück – in mir vergeistigt; das heißt, in meinem praktischen äußeren Leben im Umgang mit anderen treten sie nicht in Erscheinung; sie explodieren nach innen, und ich trage sie mit mir allein aus."

Im selben Brief skizzierte Pessoa auch die Lebensläufe und Charaktere seiner Heteronyme: Àlvaro de Campos wurde am 15. Oktober 1890 im südportugiesischen, an der Algarve gelegenen Tavira geboren. Als Schiffsingenieur reiste er um die Welt, in den Orient – schrieb daraufhin das Gedicht "Die Opiumhöhle".

 Campos – so stellte es sich Pessoa vor – war nach seiner Veröffentlichung der "Ode triunfal", zu Deutsch "Triumpfode" eine der Leitfiguren der portugiesischen Intellektuellen seiner Zeit. Groß gewachsen, schwarzhaarig, ein Dandy, ein Galant, ein Libertin. Er starb am selben Tag und im selben Jahr wie Pessoa: am 30. November 1935.

Überhaupt, so die These des Pessoa-Chronisten Antonio Tabucchi, war Àlvaro de Campos von allen Heteronymen, die Pessoa entwarf, seinem Schöpfer am nächsten. Die Biografien der beiden überkreuzen sich, und so schrieb Alvaro de Campos sogar der - vermutlich einzigen - Geliebten Pessoas, Opheilia Queiroz, in dessen Auftrag folgenden Brief:

"Sehr geehrte Frau Ophélia Queiroz:

Ein verwerfliches, elendes Individuum namens Fernando Pessoa, mein besonders lieber Freund, hat mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen – in Anbetracht der Tatsache, dass ihn sein geistiger Zustand hindert, irgend etwas mitzuteilen, und wäre es einer trockenen Erbse (einem Beispiel für Gehorsam und Disziplin) - , dass es Ihnen verboten ist:

1) weniger Gramm zu wiegen

2) weniger zu essen

3) überhaupt nicht zu schlafen

4) Fieber zu haben

5) An das fragliche Individuum zu denken

Ich meinerseits rate Ihnen als intimer und aufrichtiger Freund des Taugenichts, dessen Mitteilung ich (widerstrebend) weiterleite, das geistige Bild, das Sie sich vielleicht von dem Individuum gebildet haben, dessen Namensnennung dieses halbwegs weiße Papier beschmutzt, zu packen und in den Abfluss zu werfen, da es materiell unmöglich ist, dieses gerechte Schicksal der vorgetäuschten menschlichen Institution zuteil werden lassen, der es zukommen würde, wenn es auf der Welt Gerechtigkeit gäbe.

25. 8. 1929 Alvaro de Campos, Schiffsingenieur"

Für Pessoa offenbarten sich seine Heteronyme als Geburtshelfer seines Schreibens. Ohne sie wäre ein großer Teil seiner Gedichte und Prosatexte nicht möglich gewesen.

"Ich bin eine Gestalt aus meinen eigenen Dramen", bekannte Pessoa als Bernardo Soares im "Buch der Unruhe".

Es waren keine Masken vor der Figur Pessoa, sondern Stimmen, die ihn bewohnten und die er zum Sprechen brachte. Dies belegt sein Brief an den befreundeten Kritiker Adolfo Casais Monteiro. Hier geht Pessoa sogar so weit, zu differenzieren, unter welchen Umständen und in welchen Gefühlslagen er welches Heteronym sprechen lässt oder welche Stimme von ihm wann Besitz ergreift:

"Als Caerio schreibe ich in reiner, unerwarteter Inspiration, ohne zu wissen oder zu berechnen, dass ich schreiben werde. Als Ricardo Reis schreibe ich nach einer abstrakten Überlegung, die sich plötzlich in einer Ode konkretisiert. Als Campos schreibe ich, wenn ich einen plötzlichen Drang zum Schreiben verspüre und nicht weiß, was ich schreiben soll. Mein Halbheteronym Bernardo Soares, das im übrigen in vielen Dingen Àlvaro de Campos ähnelt, tritt immer auf, wenn ich ermüdet oder schläfrig bin, so dass meine Fähigkeiten zu klaren Vernunftüberlegungen und meine Hemmungen ein wenig aufgehoben sind; diese Prosa ist ein ständiger Wahnwitz."

Pornografische Romane und Schriften

"'Steck ihn mir hinein.' Er berührte mit der Spitze seiner ungeheuren Maschine das rosige Grübchen, wagte aber nicht weiter zu gehen. Célestine trieb ihn jedoch weiter an, und unter Flüchen, Lästerungen und barbarischen Hieben öffnete er schließlich diesen Wohnsitz der Grazien und der Wollust."

Undenkbar im 18. Jahrhundert, dass "Justine oder die Leiden der Tugend" nicht anonym erschien. Mit Marquis de Sade, dem französischen Adeligen, Richter und Autor vieler pornografischer Romane und Schriften verbindet sich eine bizarre Biografie: bereits mit 15 Jahren war er Unterleutnant im Regiment des Königs, die Heirat mit einer Hochadeligen, die seine sexuellen Fantasien teilte, ermöglichte ihm seinen skandalträchtigen Lebenswandel: Er machte mit und ohne seine Frau Hausangestellte und Prostituierte gefügig oder erpresste sie sogar zu bestimmten Liebesdiensten.

Mehrfach wurde de Sade angeklagt –  wegen Giftmord, sexueller Exzesse, Sodomie. 1772 verurteilte man ihn erstmals zum Tode. Während seines Gefängnisaufenthalts in der Bastille begann er 1783 heimlich und in winzig kleiner Schrift "Die 120 Tage von Sodom".

Die abgründige Geschichte über die Verbindung von Macht und sexueller Gewalt hat der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini 1975 in die faschistische Republik Salo verlegt – der Film wurde in der Schweiz kurzzeitig der Öffentlichkeit vorenthalten.

De Sade kam immer wieder in Konflikt mit der Zensur, er brachte seine Bücher anonym heraus, dennoch stand er unter Verdacht und leugnete 1799 die Autorschaft von "Justine oder die Leiden der Tugend". 1963 hat sogar die deutsche Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Schriften "Die Philosophie im Boudoir" indiziert.

"Nehmen wir berühmte Fälle wie Alfred du Musset, der der Verfasser der Gamiani ist, ein pornografisches Werk. Oder ein offenbar von Oskar Wilde geschriebenes pornografisches Buch: Da war es so, dass man davon ausgehen musste, dass die Sphären der Hochliteratur und der sogenannten pornografischen Literatur kategoriell voneinander geschieden wurden", sagt Roger Willemsen. Heute vermische sich beide.

"Man kann eine ehemals pornografisch genannte Szene auch in einem Bildungsroman drucken – seit dem 20. Jahrhundert. Aber bis zum 19. Jahrhundert leben die Orgie und der Bildungsroman in zwei getrennten Häusern ohne Verbindung. Und wollte man das andere Haus betreten, dann schrieb man in der Regel nur Orgien, und dann tat man das unter einem anderen Namen. Die Surrealisten sind die ersten gewesen, die das unterbrochen haben", so der Autor und Herausgeber der Erotik-Anthologie "Das Tier mit den zwei Rücken." Roger Willemsen hat selbst allerdings auch einmal ein anders Haus unter anderem Namen betreten – aus gutem Grund. "Dieses Pseudonym war Saturnino Balcone. Ich nannte mich so, weil ich von einem Periodicum aufgefordert wurde, einen Text zu schreiben, der so pornografisch sein sollte, dass die Zensurbehörde darauf aufmerksam würde und ihn indizieren könnte. Das heißt, es wurden in diesem Perodicum drei Texte gedruckt, einer war bereits verboten worden, einer war nicht verboten worden, und sie wollten einen dritten haben, der die Aufmerksamkeit der Behörde auf sich ziehen würde und den schrieb ich und versuchte etwas zu schreiben, was mir so schweinisch wie möglich vorkam und es wurde unter Saturnino Balcone veröffentlicht."

Ausflüge in das Genre der Pornografie oder Erotika sind neben dem Genrewechsel zum Krimi immer noch ein sehr beliebtes Motiv für ein Pseudonym.

"Ahmed öffnete das Mäppchen, neugierig wie ein Kind. Die darin enthaltenen Fotos zeigten die Gräfin Schönfels in delikaten Situationen, bis auf die Schnürstiefel nackt zwischen anderen entblößten Stützen der Gesellschaft. Prominente Nasen gab es zu sehen, die weißes Pulver von gräflichen Genitalien schnupften."

Mit dieser Episode schließt der unlängst erschienene Krimi "Aussortiert". Das Pseudonym: Titus Keller. "Aussortiert" soll laut Klappentext das Werk "eines bekannten deutschen Schriftstellers" sein. Tatsächlich gibt es einen Schriftsteller, dessen Markenzeichen es ist, kriminalistische und erotische Elemente in seinen Büchern zu mischen, der gerne zwielichtige Milieus ausleuchtet und im Slang schreibt, Dialoge als Schlagabtausch. Bestes Beispiel: Kraussers Roman "Eros".

Rainer Schmitz, Literaturredakteur bei "Focus", hat das Pseudonym Titus Keller geknackt:

"Was mich überzeugt hat, dass es Helmut Krausser geschrieben haben muss, liegt daran: der Autor kennt sich sehr gut in Berlin aus oder muss sehr gut vor Ort recherchiert haben und dann hab ich mich gefragt, erstens, welche Autoren leben in Berlin, die das könnten, und Helmut Krausser lebt seit zwei, drei Jahren in Berlin, und dann hab ich mir angeschaut, in welchem Verlag das erschienen ist – nämlich bei Eichborn Berlin, und im Frühjahr ist von Krausser eine Herausgabe der erotischen Tagebücher von Pepys dort erschienen und eine solche Kombination kann nur Krausser sein. Es ist bestätigt worden auf unterschiedlichen Wegen, aber öffentlich ist es nicht geworden außer meiner Meldung, die ich gemacht habe."

Frauen hinter Männernamen

George Eliot sei eine wenig gut aussehende Autorin aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England, sagt Roger Willemsen. "Eine der besten realistischen Autorinnen, die es überhaupt in der Literaturgeschichte gibt. Sie hat den Männernamen angenommen, erstens weil sie sich schützen wollte, zweitens, weil sie glaubte, dass ihr Schreiben unter weiblichem Namen nicht das Publikum erreichen würde und sie sich in ihrer Denkform als männliche Autorin erkannte. Das Erstaunliche ist, dass gleichzeitig Dickens einen Roman schreibt – Bleak House – in dem der Held eine Frau ist. Umgekehrt gibt es mit Middelmarch von Eliot ein so großartiges Buch, das von einer Frau stammt, wo die Geschlechterdifferenz selbst im Blick und auch in der Schreibform weitgehend verwischt wird, dass man sagen kann, sie erlischt."

George Eliot ist ein typischer Fall des 19. Jahrhunderts. Viele europäische Autorinnen suchten sich einen männlichen Namen, auch Amantine-Aurore-Lucile Dupin de Francueil, die als George Sand Romane und sozialkritische Texte schrieb. Ihr Pseudonym entlieh sie dem Namen ihres ersten Geliebten, Jules Sandeau.

Bettina von Arnim mischte sich als St. Albin in das politische Tagesgeschäft ein. Beide – George Sand und Bettina von Arnim - waren sich bewusst, dass gesellschaftliche und politische Themen noch immer zu den großen Tabus für Schriftstellerinnen gehörten. Das Publikum erwartete von Frauen Lyrik, märchenhafte Erzählungen und vor allem Liebesromane. Sich in die Debatten der Zeit einzumischen, war Männern vorbehalten – daher der Griff zu einem männlichen Pseudonym.

Wenn Autorinnen heute, in postemanzipatorischen Zeiten unter Pseudonym schreiben, dann aus denselben Gründen wie ihre männlichen Kollegen: Sie testen ein anderes Genre oder lassen sich wie Iny Klocke zusammen mit ihrem Mann Elmar Wolrath auf die verkaufsstrategischen Argumente ihrer Verlage ein.

Vom Schreiben selbst ist ihr gemeinsames Bipseudonym völlig abgekoppelt, sagt Iny Klocke. "Es wurde vom Verlag aus experimentiert, erst mit unseren echten Namen beide auf dem Cover, aber das findet kein Computer, das können sich die Leser nicht merken." Ein kurzer, prägnanter Name gebe einem Buch etwas mehr Schub. "Dann haben wir natürlich überlegt, Iny und Elmar Lorentz, seines Vaters Namen und unser beider Vornamen. Aber die meisten Suchmaschinen haben da Schwierigkeiten. Dann ist das Buch nur unter Elmar oder Iny Lorentz zu finden. Dann sagte der Verlag, Schluss, machen wir nur noch Iny Lorentz."

Doch es soll auch vorkommen, dass sich Männer ein weibliches Pseudonym überlegen. Roger Willemsen hat schon mal mit dem Gedanken gespielt: "Ich gestehe Ihnen ehrlich, als ich an das Thema Liebe gegangen bin – aus der Perspektive einer Frau – und einen Monolog geschrieben habe, ich mir ernsthaft überlegt habe, ob ich nicht ein Pseudonym annehmen soll, denn die Überblendung zwischen der Fernsehperson mit einer Person, die sich auf diesem sentimentalen Feld verliert, ist schwierig. So dass ich gedacht habe, damit werde ich die Rezeption überfordern, und das stimmt zum Teil. Ich hab es sehr viel leichter – das Buch wird jetzt auf Englisch verfilmt, im Ausland – als nicht identifizierbarer Autor."

Unter verschiedenen weiblichen Pseudonymen – als Miss Satin oder Margerite de Ponty – hat übrigens Mallarmé für Modemagazine geschrieben und selbst ein solches gegründet – "La Derniére Mode". Wieviel der französische Vorzeigeintellektuelle von dieser angewandten Kunst verstand, zeigt seine Beurteilung der Frühjahrskollektion 1875:  

"Wenn ich meinen Leserinnen jetzt schon genaueres sagen kann, dann, wie ich zugeben muss, dank einer großen Indiskretion. Die größte Sorgfalt ist bei der Damengarderobe auf die Stiefelette und die Handschuhe zu verwenden, dann kommt der Hut, der einfach nur bezaubern soll..."

Versteckspiel und Enthüllung

Viele Autoren tragen ihr Pseudonym bereits mit der Absicht, die vorübergehende Maske, den Schleier, irgendwann einmal zu lüften. Die Aufdeckung ist bereits einkalkuliert oder gar vollzogen, wenn der Verlag mit dem Pseudonym wirbt.

Tucholsky trieb ein offenes Spiel, bei Benjamin Black liefert der Verlag den Autorennamen gleich mit – John Banville. Bei Arnon Grünberg und Helmut Krausser war es nur eine Frage der Zeit, bis Kritiker und Leser die Eskapaden durchschauten.

Allerdings ist die Aufdeckung des Pseudonyms von Arnon Grünberg – nicht wie bei Helmut Krausser - der detektivischen Kombinationsgabe eines Literaturexperten als vielmehr der Finesse eines Computerprogramms geschuldet.

Einem Mathematiker in Rom, der ein spezielles Programm zum Abgleich verschiedener Texte entwickelt hatte, gelang der hundertprozentige Nachweis, dass Arnon Grünberg und Marek van der Jagt dieselbe schriftstellerische Signatur tragen: Der Professor damals habe bewiesen, so Grünberg, "dass es eine DNA von meinem Stil gibt. Ich würde sagen, durch Marek van der Jagt habe ich mich befreit und mit verschiedenen Sachen experimentiert. Ohne ihn hätte ich das auch gemacht, aber vielleicht später." Für ihn seien es verschiedene Bücher. "Aber ich kann jetzt sehen, wo man sich selbst nicht ganz loswerden kann."

 "Die Dichter haben die Lizenz zu lügen. Wir würden nicht sagen, lieber Buchhändler du musst das Buch zurücknehmen, denn was hier drin steht, ist falsch", sagt Jochen Hörisch.

Arnon Grünberg verteidigt zusammen mit vielen seiner Kollegen vehement die literarische Tradition des Pseudonyms und damit das Privileg seines Berufs: under cover zu arbeiten, verdeckt wie es nur Detektive, Agenten, Informanten und Diplomaten tun. Eigentlich will man mit solchen Menschen – wenn sie nicht gerade Bond heißen und einen unterhaltsamen Kinoabend bescheren – möglichst wenig zu tun haben. Bei Schriftstellern amüsieren uns die verdeckten Ermittlungen und ihre Under-cover-Existenz.

Nachdem bereits ihr Name Teil des Mediums ist, in dem sie arbeiten – die Sprache – können sie etwa im Gegensatz zum bildenden Künstler den Namen wechseln, ohne die Geschäftsgrundlage zu betrügen. Außerdem ist beim bildenden Künstler der Name unmittelbar an ein – oft hochpreisiges – Objekt gebunden. Soll heißen: Der Schriftsteller darf im Gegensatz zum bildenden Künstler falsche Tatsachen vortäuschen, ohne dass es ihm jemand übel nähme. 
 
Doch stellen wir uns zuletzt folgendes Gedankenspiel vor: Ab sofort würden sämtliche Romane, Erzählungen, Krimis, Gedichte, Theaterstücke nunmehr unter Pseudonym veröffentlicht. Was für ein Kassensturz der literarischen Welt! Wie fänden wir uns in den Buchläden zurecht? Wir müssten  allein nach Cover, Titel und Klappentext entscheiden. Welche präzisen Operationsinstrumente und Bewertungskriterien müssten Literaturkritiker ab sofort entwickeln, um herauszufinden, wer da schreibt und was seine Worte und Geschichten wert sind? Autoren würden zu ihren Lesungen überhaupt nicht mehr erscheinen, sondern einfach einen Podcast zum Abspielen liefern.

Wie viele der angesehensten Schriftsteller wären kaum mehr präsent, weil sich herausstellte, man hat ihre Bücher vor allem wegen ihrer medienwirksamen Fernsehauftritte, ihrer privaten Skandälchen oder des spektakulären Frühwerks gelesen? Andere, bislang unbekannte Autoren dagegen würden schnell zu Geheimtipps.

Das Pseudonym entpuppt sich daher als weit mehr als ein amüsantes Sprach- und Versteckspiel. Mehr als ein Anekdotengenerator. Für den Buchmarkt und die gesamte literarische Welt beinhaltet es ein enormes subversives Potenzial.

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