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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 08.01.2018

Schriftsteller Thomas Hettche"Der erste Satz ist wie das In-See-Stechen"

Thomas Hettche im Gespräch mit Susanne Führer

Schriftsteller Thomas Hettche (privat)
Schriftsteller Thomas Hettche (privat)

Er habe keinen Stil, der sich in all seinen Büchern finde, sagt der Autor. Und bei jedem Projekt habe er erstmal das Gefühl, keinen geraden Satz formulieren zu können. Der erste Satz sei enorm wichtig: "Wenn der da ist, dann fühle ich mich sicher."

Es waren die griechischen Sagen von Gustav Schwab, die ihn als Kind zum Lesen brachten: "Die Angst verschwand."

Buch vom Drehständer im Kaufhaus gekauft

"Ich komme aus einem – wie man heute sagt –bildungsfernen Haushalt. Bei uns im Haushalt gab es nur wenige Bücher. Und ich habe mir wirklich selber mit zwölf Jahren dieses Buch gekauft von dem Drehständer im Kaufhaus, weil ich Buchhandlungen eigentlich auch nicht so kannte, und habe angefangen, da reinzuschauen. Und ich habe es gekauft, weil es so schön dick war und für wenig Geld zu kaufen gab. Und da drauf waren kämpfende Männer. Ich fand das mit zwölf interessant. Und habe dann zum ersten Mal das erlebt, dass das Versenken in einen Text, das in eine Welt hinein Gehen, einem die Angst nehmen kann."

Hettche war Mitte zwanzig, als er seinen ersten Roman veröffentlichte. Heute, knapp dreißig Jahre später, ist ein gutes Dutzend Bücher – Romane wie Essays –hinzugekommen, dazu noch weitaus mehr Preise und Auszeichnungen.

Ich weiß, was Literatur für mich bedeutet


"Im Grunde unterscheide ich für mich selber beim Schreiben gar nicht zwischen dem, was mir beim Schreiben passiert und dem, was ich mir denke, was dem Leser beim Lesen geschieht. Ich halte das, glaube ich, für entsprechend. Wir sind beide getrennt – Sie als Leserin, ich als Autor – durch dieses dünne Papier. Ich bin auf der einen Seite, Sie auf der Rückseite dieses Papiers. Und ich weiß, was Literatur für mich bedeutet. Für mich ist sie wirklich ein Raum, in dem ich Sachen in Verbindung bringe, experimentiere sozusagen, mich selber anders erfahre und mich in einer Weise erfahre, die mich freier macht als ich im Normalleben bin. Und ich hoffe immer, dass diese selbe Erfahrungen sich beim Leser auch einstellen."

Zu den bekanntesten Werken Hettches zählen die Romane "Die Pfaueninsel", "Woraus wir gemacht sind" und "Der Fall Arbogast". Zuletzt erschien der Essay-Band "Unsere leeren Herzen".

Jedes Buch hat einen eigenen Ton

Jedes seiner Bücher hat einen ganz eigenen Ton. Es gibt ihn also nicht den klar wieder erkennbaren "Thomas-Hettche-Stil". Jede Geschichte hat für ihn ihre eigene Sprache. Und jedes Mal, wenn er sich an ein neues Roman-Projekt mache, habe er das Gefühl, dass er gar nicht schreiben könne.

"Ich kann keinen geraden Satz formulieren. Dabei ist der erste Satz enorm wichtig. Der erste Satz ist wie das In-See-Stechen mit dem Schiff dieses Projektes. Wenn der da ist, dann fühle ich mich sicher. Aus diesem Satz heraus entwickelt sich dann auch die Geschichte, weil die Geschichte ist ja die Sprache. Was wir in Literatur erzählen, können wir nur erzählen in der Sprache, die wir haben. Und eine Sprache lässt verschiedene Sachen zu. Und andere eben nicht. Insofern habe ich das Gefühl, es gibt für jede Geschichte eine adäquate Sprache."

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