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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.12.2020

Schriftsteller Sjón über seinen Roman "CoDex 1962"Als der Golem nach Island kam

Von Marten Hahn

Der isländische Autor Sjón mit Mütze und Mantel vor einem Cafe (Deutschlandradio / Marten Hahn)
Der isländische Autor Sjón, bürgerlicher Name Sigurjón Birgir Sigurðsson, vor dem Café Aleppo in Reykjavik. (Deutschlandradio / Marten Hahn)

Der isländische Schriftsteller Sjón hat weltweit eine Fangemeinde. Jetzt ist ein neues Buch auf Deutsch erschienen, beziehungsweise drei Bücher. "CoDex 1962" führt mehrere Genres zusammen: Fantasy, eine Liebesgeschichte und Science-Fiction.

Das Café Aleppo liegt im Zentrum Reykjaviks, nicht weit vom Wasser. Sjón hatte sich gewünscht, dass wir uns dort treffen. Ein syrisches Café in der isländischen Hauptstadt.

Wer Sjóns Bücher kennt, den überrascht die Kombination kaum. Der Autor liebt es, Grenzen zu verwischen, zwischen literarischen Genres, zwischen Realität und Fantasie, zwischen Fakt und Fiktion. Das zeigt auch Sjóns Buch "CoDex 1962", das jüngst auf Deutsch erschienen ist.

"In diesem Buch sind alle Arten von Geschichten, alle Erzählweisen, alle Realitätsebenen ebenbürtig. Ein Element aus einem Märchen zählt hier genauso viel wie ein medizinischer Fakt. Das sind alles Versuche zu beschreiben, was es heißt, Mensch zu sein. Was es heißt, am Leben zu sein, entgegen allen Widrigkeiten. Im Kampf gegen den Tod und Unterdrückung sind alle Geschichten gleich."

Im Gepäck ein Golem

"CoDex 1962" ist so wundervoll komplex, dass es nicht ganz einfach ist zu beschreiben, worum es geht. Das Buch erzählt die Geschichte des KZ-Überlebenden Leo Loewe, der aus Deutschland nach Island flieht. Im Gepäck ein Baby aus Lehm, ein Golem. Gleichzeitig geht es aber um Genetik und Atombomben, um Werwölfe und Einhörner.

"Ich wusste von Anfang an, dass es ein Sammelsurium an Erzählungen werden würde, die aber alle zusammenhängen wie die kleinen Teile eines Kaleidoskops. Mit dieser Metapher beschreibe ich das Buch gern. Wenn man hineinschaut, sieht man ein ganzes Rosettenbild. Aber das ist ein Trick, der nur durch Spiegel funktioniert. In diesem Fall sind die Köpfe der Leser die Spiegel, die Teile des Werks aufgreifen und zu einem Bild zusammensetzen."

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Ursprünglich gehören zu "CoDex 1962" drei Bücher, drei Teile, die Sjón im Abstand von vielen Jahren geschrieben hat. Das erste Buch entstand 1994, das zweite 2001, das dritte 2016.

"Jetzt habe ich ein literarisches Werk, das in drei verschiedenen Jahrzehnten geschrieben wurde. Das sind also nicht nur drei Bücher in drei unterschiedlichen Genres. Sie wurden fast von drei unterschiedlichen Autoren geschrieben. Wenn ich mich richtig erinnere, erneuern wir Menschen uns ja alle paar Jahre. Die Gene bleiben. Aber es war vielleicht nicht der gleiche Geist und das gleiche physische Wesen, das diese Bücher verfasst hat."

Die deutsche Ausgabe bündelt die Trilogie nun zu einem Buch. Und so schlittert der Leser durch die verschiedenen Genres der drei Romane: Aus einer Liebesgeschichte wird eine Fantasygeschichte wird eine Science-Fiction-Geschichte. Auf surrealistische Passagen folgen poetische Prosa oder Aufzählungen historischer Fakten.

"Der Roman ist für mich dieses großartige Werkzeug, das alle Elemente der menschlichen Erfahrung zusammenbringen kann. Und Romane bieten den Raum, die verschiedensten Textarten zu kombinieren."

Geisterwelten und Geisteswelten

Dabei schreibt Sjón so leichtfüßig, dass man ihm als Leser unaufgefordert in alle Geister- und Geisteswelten folgt. Wer bis zum Ende liest, stellt fest: Alle Geschichten in "Codex 1962" verbindet ein feines narratives Netz. Doch einen Masterplan hatte Sjón beim Schreiben nicht. Am Anfang stand nur eine Idee und eine Abmachung.

"Die Idee des Golem, die Idee des künstlichen Menschen, des Homukulus. Der Traum, einen anderen Menschen aus toter Materie zu schaffen. Das ist Teil einer jeden Schöpfungsgeschichte. Und es ist so eigenartig, dass uns als Spezies diese Idee so beschäftigt. Derzeit passiert das natürlich in der Form von künstlicher Intelligenz."

Im Sommer 1990 besuchte Sjón Prag. Er hatte damals gerade Gustav Meyrinks "Der Golem" gelesen. Er interessierte sich aber auch für die jüdischen Ursprünge der Legende. Also suchte er auf dem jüdischen Friedhof das Grab von Rabi Löw, dessen Golem das jüdische Viertel schützte.

"Leute legten da Steine auf sein Grab und hinterließen kleine Nachrichten oder Wünsche an den großen Mann. Also tat ich das auch. Ich fragte mich, was ich mir wünschen sollte. Ich hatte damals ernsthafte Frauenprobleme. Also bat ich ihn, die zu lösen. Im Gegenzug versprach ich, den Golem nach Island zu bringen."

Wenig später waren Sjóns Frauenprobleme Geschichte: "Er löste das ziemlich schnell. Mir blieb also nur, meinen Teil der Abmachung zu erfüllen."

Das Ergebnis kann es nicht nur mit der Legende des Golem aufnehmen. "CoDex 1962" ist ein literarisches Erlebnis, dass zwischen Reykjavik und Aleppo seinesgleichen sucht.

Sjón: "CoDex 1962"
Aus dem Isländischen von Betty Wahl
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020
640 Seiten, 32 Euro

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