Seit 23:05 Uhr Fazit

Mittwoch, 23.10.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 08.11.2016

Schriftsteller Peter Weiss "Ich war auf der Suche nach einem eigenen Leben"

Von Christian Linder

Schwarz-Weiß-Fotografie von dem Schriftsteller Peter Weiss. Er trägt einen Anzug mit Krawatte. (picture-alliance / dpa)
Peter Weiss war Mitglied der Gruppe 47, die die deutsche Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg erneuern wollte. (picture-alliance / dpa)

Begonnen hatte Peter Weiss mit individualistischen, seine Einsamkeit umkreisenden Prosatexten. Doch ein Besuch in Auschwitz brachte die Wende. Von da an widmete er sich ganz einer engagierten Literatur. Vor 100 Jahren wurde Peter Weiss geboren.

Manch spektakulären Leseauftritt hatten die in der Gruppe 47 versammelten Autoren schon erlebt, aber als Peter Weiss auf der Herbsttagung 1963 zur Trommel griff, waren alle zunächst sehr verblüfft – zumal bei der folgenden Ansprache:

"Als Direktor der Heilanstalt Charenton heiße ich Sie willkommen in diesem Salon."

Peter Weiss rezitierte und sang aus seinem Theaterstück "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade", nach der Uraufführung 1964 nur noch kurz "Marat/Sade" genannt.

Vernunft des Irrsinns, Poesie und Revolution

Weiss zeichnete darin ein sadistisches Welttheater, in dem die Prinzipien der Vernunft und des Irrsinns, der Poesie und der Revolution gegeneinander gestellt werden – und das Ganze als Szene im Irrenhaus. Hier muss de Sade auf Befehl Napoleons die letzten Jahre seines Lebens verbringen. Der Direktor der Anstalt ist jedoch ein fortschrittlicher Mann und lädt die Insassen ein, sich eigene Theaterstücke auszudenken und aufzuführen.

Eine solche Aufführung hatte Weiss erfunden und darin seine eigene Lebensproblematik versteckt:

"Was wir tun ist nur ein Traumbild
von dem was wir tun wollen
und nie sind andere Wahrheiten zu finden
als die veränderlichen Wahrheiten der eigenen
Erfahrungen."

Vor dem Theaterstück "Marat/Sade" waren avantgardistische Prosatexte wie "Das Duell" oder "Der Schatten des Körpers des Kutschers" erschienen, eine exhibitionistische Literatur voller blutiger Aggressionsbilder, deren Darstellung Weiss helfen sollte, die Fesseln seiner als Geschwür erlebten Kindheit zu sprengen:

"Im Haus herrschte das Dumpfe, Eingeschlossene, und meine Sinne waren gefangen."

Abschied von den inneren Dämonen

Die Klage über das Erlebnis einer seelischen  Unterernährung durchzieht das 1961 erschienene und im Klartext der Autobiographie geschriebene Buch "Abschied von den Eltern". Doch nachdem Weiss sich in seinem Frühwerk gewaltsam emotionale Gewissheiten verschafft und noch einmal einige in der Kindheit gewachsene innere Dämonen auf die Bühne gestellt hatte, verabschiedete er sich von seinen extrem individualistischen Schreibmotiven.

Wendepunkt war 1965 ein Besuch im Konzentrationslager Auschwitz.

Weiss, am 8. November 1916 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Nowawes bei Berlin geboren, war aus Schweden angereist, wohin er auf seiner Flucht vor den Nationalsozialisten gelangt und nach 1945 wohnen geblieben war. In Auschwitz erkannte er den auch für ihn von den Nazis vorgesehenen Schicksalsort:  

"Ich bin hierhin gekommen aus freiem Willen, ich bin aus keinem Zug geladen worden, ich bin nicht mit Knüppeln in dieses Gelände getrieben worden, ich komme 20 Jahre zu spät hierher."

Vor diesem Besuch stand die Beobachtung des Frankfurter Auschwitzprozesses, aus dessen Protokollen Weiss das 1966 uraufgeführte Dokumentarstück "Die Ermittlung" schrieb. Wenig später begründete er vor Studenten der amerikanischen Princeton University seine Wende zum Engagement:

"Bei meinen frühesten Versuchen zu schreiben, dachte ich nur an meine eigene Existenz. Statt des Protestes hatte ich meine Melancholie und mein Unglück. Aber ich kann jetzt nicht länger an einen unabhängigen Umkreis der Kunst glauben, selbst wenn ich wieder ganz von vorne anfangen müsste."

Die Ästhetik des Widerstands

Wie ein Neuanfang las sich der von Mitte der 1970er- bis Anfang der 1980er-Jahre erschienene dreibändige Roman "Die Ästhetik des Widerstands". Drei junge Kommunisten im Berlin der Nazi-Zeit stehen vor dem Pergamon-Altar und sind bis in ihre Träume hinein mitgerissen:

"Rings um uns hoben sich die Leiber aus Stein, zusammengedrängt zu Gruppen, ineinander verschlungen oder zu Fragmenten zersprengt, immer in den Gebärden des Kampfes."

Einer der drei Kommunisten ist der Ich-Erzähler, der den Untergrund in Berlin verlässt und in Spanien am Bürgerkrieg teilnimmt, anschließend durch Europa flüchtet und sich in Gesprächen mit Zeitgenossen das Wissen über die Hintergründe der Weltgeschichte im 20. Jahrhundert erarbeitet.

Zwar nur eine Wunschbiographie und als Konzept von einer weit reichenden Abstraktion, war "Die Ästhetik des Widerstands" gleichwohl noch einmal ein Zeugnis von dem Antrieb, der Peter Weiss’ Schreiben von den Anfängen bis zu seinem Tod am 10. Mai 1982 begleitete und den er im letzten Satz des Buches "Abschied von den Eltern" benannt hatte:

"Ich war auf der Suche nach einem eigenen Leben."

Mehr zum Thema

Peter Weiss, Ästhetiker des Widerstands - "Besser als eine Psychoanalyse wäre die Revolution"
(Deutschlandradio Kultur, Literatur, 06.11.2016)

Eine Lange Nacht über Peter Weiss - Das Leben - ein Zwiespalt
(Deutschlandradio Kultur, Lange Nacht, 29.10.2016)

Peter-Weiss-Lesung beim Kunstfest Weimar - Ästhetiker des Widerstands
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 04.09.2016)

"Die Ermittlung" von Peter Weiss - Das Schweigen über Auschwitz durchbrechen
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 19.10.2015)

Peter Weiss‘ letzter Film - Geschichten rund um den grauen Beton
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 29.04.2015)

Kalenderblatt

Vor 50 JahrenDer Architekt Walter Gropius gestorben
Fotografie von Walter Gropius, der leicht zur Seite schaut. (picture alliance / akg-images / Louis Held)

Walter Gropius war nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland mit einem Architekturbüro in den USA sehr erfolgreich. Noch mehr basiert sein Ruhm aber darauf, dass er die einflussreiche Kunstschule Bauhaus gründete. Heute vor 50 Jahren starb er.Mehr

Vor 20 JahrenSchatzgräber finden die Himmelsscheibe von Nebra
20.09.2018, Berlin: Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" die Himmelsscheibe von Nebra, die geschützt in einer Glasvitrine steht. Im Hintergrund Goldhüte aus der Bronzezeit. Gezeigt werden die spektakulärsten Funde der vergangenen 20 Jahre aus ganz Deutschland. Mehr als 1000 Ausstellungsstücke aus allen Bundesländern von der Himmelsscheibe von Nebra bis zur antiken Hafenmauer des römischen Köln werden präsentiert. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Ein sensationeller Fund, eine Übergabe wie im Krimi: Vor 20 Jahren fanden Hobbygräber die Himmelsscheibe von Nebra und verkauften sie an Hehler. Als diese das wertvolle Stück verschiedenen Museen anboten, schlug die Polizei zu – bei einer arrangierten Übergabe im Hotel.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur