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Lesart | Beitrag vom 12.03.2019

Schriftsteller Gunther GeltingerEin Afrika-Roadtrip als Beziehungskitt

Gunther Geltinger im Gespräch mit Andrea Gerk

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Autor Gunther Geltinger schaut direkt in die Kamera. Er trägt Bartund einen Wollpullover. (Imago / Photothek / Michael Gottschalk)
Gunther Geltinger ist mehrfach durch Simbabwe und Südafrika gereist, bevor er "Benzin" geschrieben hat. (Imago / Photothek / Michael Gottschalk)

Ein schwules deutsches Paar in einer Beziehungskrise reist durchs südliche Afrika: Gunther Geltingers "Benzin" ist komplex. Er habe auch über sein eigenes Unbehagen geschrieben, das ihn als Tourist in Ländern mit Kolonialgeschichte befalle, sagt Geltinger.

Andrea Gerk: Von der Reise eines Männerpaars durchs südliche Afrika erzählt Gunther Geltinger in seinem neuen Roman "Benzin". Alexander und Vinz sind seine Hauptfiguren, ein eingespieltes Paar sowohl als Reisende als auch als Liebende, wenn auch der eine noch einen Dritten mit im Gepäck hat. Seine neue Liebe Manuel, der ist quasi digital per Handy mit dabei, aber trotz dieser Turbulenzen sind die beiden aufgebrochen. Sie starten mit Mietauto in Südafrika, und nach Kurzem passiert ein Unfall. Ein junger schwarzer Mann wird angefahren, leicht verletzt, und er nimmt die beiden mit in sein Dorf und bietet schließlich an, sie zu begleiten, und es geht weiter nach Simbabwe. Heute Abend stellt Gunther Geltinger seinen dritten Roman im literarischen Kolloquium in Berlin vor.

Sie waren ja selbst mit einem Stipendium des Grenzgänger-Programms der Robert-Bosch-Stiftung in Simbabwe und Südafrika. Wie war denn das, was haben Sie da gemacht mit diesem Stipendium?

Geltinger: Ich war mehrmals in Südafrika und Simbabwe, erst ohne Stipendium als Tourist, und auf diesen Reisen hat sich langsam abgezeichnet, innerhalb von mehreren Jahren, dass ich darüber schreiben möchte, dass mein nächster Roman dort spielen soll. Ich habe angefangen zu schreiben bis circa 150 Seiten, bis zu einem Punkt, wo ich tatsächlich nicht mehr weiterkam, als ich dachte, ich muss noch mal reisen, und zwar für länger und unter einem anderen Fokus. Da hat mir das Stipendium des LCB und der Bosch-Stiftung sehr geholfen, diese Reise, diese aufwendige Reise auch zu realisieren, weil sie hat mich auf Wege gebracht, die man als Tourist nicht unbedingt findet.

"Als Europäer immer konfrontiert mit Identität und Vorurteilen"

Gerk: Aber was war denn das, wenn Sie sagen, Sie hatten da, als Sie die ersten Male dort waren, gleich das Gefühl, Sie müssen darüber schreiben? Was meinen Sie denn mit darüber?

Geltinger: Darüber meine ich über mein Unbehagen, das sich einstellt, wenn man in Ländern mit Kolonialhintergrund reist. Man bedient sich immer der Strukturen, die aus einem ehemaligen Unterdrückersystem erwachsen sind – in Südafrika ist es die Apartheit –, das heißt, das Land braucht den Tourismus, um in Schwung zu kommen, um sich aufzubauen, auf der anderen Seite sind diese Strukturen ambivalent. Man ist als Europäer dort immer konfrontiert mit seiner Rolle als Europäer, mit seiner Identität, auch mit seinen Vorurteilen, mit seiner Angst vor zum Beispiel Kriminalität, die dort auch herrscht. So hat man das Gefühl, herausgefordert zu sein. Es ist kein angenehmes Reisen, wenn man einigermaßen offen ist für die Menschen, die einem begegnet. Über dieses Unbehagen wollte ich schreiben, über die Schizophrenie des Touristseins, aber auch über die Möglichkeit zu reisen.

Gerk: Aber Sie sind ja offenbar trotzdem mit Menschen dort in Kontakt gekommen, zumindest so liest sich das so, als ob Sie da ganz nah dran waren. Wie haben Sie das dann angestellt, dass Sie da reinkommen?

Geltinger: Ich bin auf sie zugegangen. Also ich bin ziemlich offensiv auf sie zugegangen. Ich habe jetzt nicht unbedingt gesagt, ich schreibe einen Roman, weil in Zimbabwe ist man dann sehr schnell als Journalist entlarvt, und das ist verboten, über das Land zu schreiben. Ich habe die Menschen gefragt, ob sie mir ihre Lebenswelt zeigen, ob sie mir ihr Dorf zeigen können, ob sie mir ihren Fluss zeigen, ob sie mir etwas über ihren Fluss erzählen können. So bin ich auf ihre Geschichten gestoßen. Tatsächlich sind ihre Namen, wie sie sind, in mein Buch eingeflossen. Sie sind andere Menschen dort geworden in diesem Buch, aber sozusagen der erste Moment der Begegnung, das, was mich interessiert hat, ist in diesem Buch anhand dieser Menschen drin. Also sie haben ihre Rolle bekommen, und ich bin ihnen für das, was sie mir für dieses Buch gegeben haben, sehr dankbar.

Schwierige Seiten einer Gesellschaft sind interessanter

Gerk: Und das Interessante ist ja, dass das alles voller Widersprüche steckt in diesem Land. Also da gibt es Aberglauben, gleichzeitig fummeln alle die ganze Zeit an ihren Smartphones rum. Also die neueste Technologie ist da längst angekommen. Es gibt faktisch Antidiskriminierungsgesetze, die zu den fortschrittlichsten der Welt gehören, aber faktisch ist sind immer noch eigentlich die Reste von der Apartheid zu spüren. Das ist sicherlich, diese Widersprüchlichkeit, für einen Schriftsteller ja besonders spannend.

Geltinger: Das ist sozusagen ein gefundenes Fressen natürlich. Ich schreibe lieber über die dunklen und schwierigen Seiten einer Gesellschaft, einer Beziehung, eines Individuums als über die schönen. Das Spannende an den südafrikanischen Ländern, vor allem in Südafrika, ist dieses Nebeneinander von Trauma und Vitalität. Also das ist wirklich eine Vergangenheit präsent, die ist schwer, die ist gepflastert von Leichen, und da ist eine Vision der Zukunft, die eine unglaubliche Lebendigkeit schafft. Südafrika ist ein Land mit vielen Ländern in sich. Es gibt sozusagen das moderne, globalisierte Südafrika in Johannesburg, in Kapstadt. Es gibt das sehr arme, sehr rückständige Südafrika in den nördlichen Gebieten, in der Provinz. Mich haben diese Gebiete eher interessiert, die ländlichen, weil dort diese Widersprüche noch deutlicher zutage treten und vielleicht auch die Rückständigkeit, die überwunden werden muss, damit dieses Land auch seiner Verfassung gerecht werden kann, und diese Verfassung ist eine sehr moderne und vorbildliche.

Gerk: Und Simbabwe ist ja sicher noch mal was ganz anderes als das, was man …

Geltinger: Simbabwe war eine Diktatur, als ich da unterwegs war, unter Mugabe.

Gerk: Unter Mugabe.

Geltinger: Genau, ja.

Beziehungsprobleme hindern Vinz am Schreiben

Gerk: Jetzt ist ja der eine Ihrer Helden ein Schriftsteller auch, der auch schon den dritten Roman schreibt in, wenn ich mich richtig erinnere. Er arbeitet an so einer Trilogie, auch über sein Beziehungsleben. Ist denn der Roman, den wir jetzt von Ihnen lesen, "Benzin", ist das quasi der Roman, den Vinz schreibt?

Geltinger: Das könnte der Roman sein. Vinz schreibt auf dieser Reise kein einziges Wort, nicht mal in sein Notizbuch. Er ist in einer Blockade. Er schreibt über seine Beziehung. Diese Beziehung ist in einer Krise. Das heißt, sein Schreiben ist auch in einer Krise. Wenn die Beziehung nicht weitergeht, geht sein Schreiben nicht weiter. Es stockt, und er ist verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Thema, und dieses Thema muss die Beziehung wieder – Sie sagten ja vorhin, da gibt es einen Dritten, Manuel –, muss diesen Dritten überwinden und wieder auf eine neue Ebene kommen. Selbst sollte die Beziehung scheitern, muss sie erfolgreich scheitern, damit Vinz drüber schreiben kann, und das ist ein Dilemma, in dem er sich befindet.

Gerk: Fängt er deshalb beim ABC wieder an? Denn der Roman ist ja ganz interessant gegliedert. Jedes Kapital fängt mit einem Buchstaben des Alphabets und einem Wort dann an. Dachte ich gerade, wo Sie das so erzählen.

Geltinger: Das ist sehr schön, dass Sie das so sehen. Das habe ich nämlich so angelegt. Das ABC, das Alphabet ist sein Material. Also das ist das, was ihm zur Verfügung steht, die Sprache. Alexander und Vinz, A bis Z, steckt in dem Namen drin, also in ihrer Beziehung ist sozusagen alle Sprache enthalten, die Sprache, die Vince zur Verfügung steht, um darüber zu schreiben. Er ist aber sprachlos. Deshalb ist dieses ABC sozusagen ein Angebot an ihn, diese neue Sprache wieder zu finden.

"Die Konstellation hätte heterosexuell nicht funktioniert"

Gerk: Genau. Aber jetzt ist das ja ein Liebesroman auch. Es geht nicht nur um Afrika und dieses Unwohlsein oder auch Wohlsein, was man da empfindet, sondern es ist ein Liebesroman, ein schwuler Liebesroman. Es sind ja zwei Männer oder eben drei, dann kommt noch dieser Unami, der Einheimische dazu. Folgt denn eigentlich so ein schwuler Liebesroman anderen Gesetzen und Regeln als ein heterosexueller Liebesroman? Habe ich mich beim Lesen so gefragt.

Geltinger: Das fragen sich, glaube ich, viele, und ich habe mich das auch gefragt und bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Konstellation heterosexuell nicht funktionieren würde, nicht nur von der Liebeskonstellation her, sondern auch von einer gewissen Sensualität, von einer gewissen Körperperspektive, von einer gewissen Erotik auch. Das schwule Schreiben unterscheidet sich vom heterosexuellen insofern, dass es ja nicht nur um gleichgeschlechtliche Liebespaare geht, sondern auch vielleicht um einen anderen Blick auf die Mehrheitsgesellschaft. Das Anderssein ermöglicht, wenn man Künstler ist, auch einen anderen Blick auf die anderen, und es ermöglicht eine kritische Distanz zu sich selbst, weil man sehr früh anfängt, als homosexueller Mensch sich zu hinterfragen und natürlich dann auch die anderen. Das kann man im künstlerischen Fall, glaube ich, sehr fruchtbar nutzen, und deshalb glaube ich, dass der Ton, die Sprache, der Blick in einem homosexuellen Buch eine andere Farbe in die Welt bringen könnte als in einem hetero…

Gerk: Unbedingt, weil man lernt ja bei den beiden auch, dass die ein ganz anderes Paarverhalten haben ...

Geltinger: Genau.

Gerk: ... als ich das von heterosexuellen Paaren so kenne. Also die leben da ganz offen auch ihre Seitensprünge aus und verstecken das nicht so. Es ist aber ja trotzdem jetzt nicht so – ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll in politisch korrekten Zeiten –, es ist ja nicht so ein Schwulennischen-Roman. Was ist denn da der Unterschied? Habe ich mich auch beim Lesen gefragt.

Geltinger: Es ist ein Roman über Liebe, das ist erst mal das Erste. Es ist auch ein Roman über die Liebe im Altern, über das Altern, über die Ängste vorm Altern, die bei schwulen Männern, glaube ich, noch mal anders sind, weil Älterwerden und Attraktivität hängt bei Schwulen sehr zusammen und wird immer mehr zum Problem. Es geht ja auch viel um diese Dating-Apps, und je älter man wird, umso unsichtbarer wird man auf diesen Apps. Die allseitige Verfügbarkeit von Sex und sexuellen Abenteuern auf Dating-Apps ist nicht nur ein homosexuelles Phänomen. Das betrifft die Heterowelt auch. Ich denke nur, dass homosexuelle Paare vielleicht anders damit umgehen. Sexualität hat einen anderen Stellenwert, was wiederum auch mit der Geschichte der Schwulen zu tun hat, weil sie ja immer über ihre Sexualität definiert worden sind. Also Sex war in den 80er- und 90er-Jahren noch immer Politik. Heute ist der Sex, heute in Zeiten der Dating-Apps ist Sex eine Ware, ein Konsumgut, und die heterosexuelle Rolle ist mehr von Traditionen, von Kultur geformt, vielleicht auch von Anforderungen der Gesellschaft. Die schwule Beziehung ist da noch ganz jung. Vor 50 Jahren gab es die schwule Beziehung gar nicht, zumindest nicht sichtbar.

Die Angst vor Homophobie reist mit

Gerk: Und da, wo der Roman spielt, in Südafrika ist das auch noch mal besonders ambivalent oder in Zimbabwe noch mehr, dass man in Südafrika diese wahnsinnig fortschrittliche Verfassung hat – da darf ja auch schon ewig gleichgeschlechtlich geheiratet werden – nach der Apartheid, aber gleichzeitig ist das ein Riesentabu auch in manchen Bevölkerungsschichten mit der Homosexualität.

Geltinger: Genau, in manchen Schichten, und das ist auch wieder sehr unterschiedlich. Johannesburg und Kapstadt haben schwule Dörfer sozusagen, da wohnt die schwule Community, geht zusammen aus. Da ist es ganz normal. In der Provinz herrschen archaische Traditionen und Überzeugungen, und diese Homophobie, die anscheinend bei 60 Prozent der Bevölkerung ist, die begegnet einem unverhofft und je nachdem, wo man sich bewegt. Den beiden im Buch begegnet das nicht offensiv, aber die Angst fährt immer mit.

Gerk: Das ist immer spürbar.

Geltinger: Diese Erfahrung, sich wieder verstecken zu müssen, macht was mit ihnen. Sie sind plötzlich wieder auf einer anderen Stufe ihrer gesellschaftlichen Entwicklung.

Gerk: Also wirklich, das ist ein toller, vielschichtig erzählter Roman. Heute Abend ist Buchpremiere mit Gunther Geltinger im LCB Berlin am Wannsee ab 19.30 Uhr. Erschienen ist der Roman beim Suhrkamp Verlag, er hat 377 Seiten und kostet 24 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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