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Lesart | Beitrag vom 16.07.2018

Schriftsteller-Ausbildung in der DDRSie sollten dem Sozialismus an der Schreibmaschine dienen

Katja Stopka im Gespräch mit Andrea Gerk

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Lesung zu DDR-Zeiten mit Sarah und Rainer Kirsch an der Universität Jena (picture alliance / ZB / dpa / FSU-Fotozentrum / Universität Jena)
Lesung zu DDR-Zeiten mit Sarah und Rainer Kirsch an der Universität Jena (picture alliance / ZB / dpa / FSU-Fotozentrum / Universität Jena)

Wer in der DDR Schriftsteller werden wollte, durchlief das Institut für Literatur "Johannes R. Becher" in Leipzig. Eine Studie zeigt, dass die Ausbildung dort sowohl stromlinienförmige als auch wunderbare literarische Texte hervorbrachte.

Das Leipziger Institut für Literatur "Johannes R. Becher" ist eine Schlüsselinstitution der DDR-Literaturgeschichte. Es wurde 1955 gegründet und brachte knapp 1000 Absolventinnen und Absolventen hervor, darunter später namhafte DDR-Autoren, etwa Werner Bräunig, Adolf Endler, Rainer und Sarah Kirsch, Erich Loest oder Fred Wander.

Die Autoren Isabelle Lehn, Sascha Macht und Katja Stopka haben nun dieses Literaturinstitut in einer Studie am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam wissenschaftlich untersucht.  

"Der Sozialismus sollte ja aufgebaut werden, und Schriftsteller waren schon eine wichtige Personage, um dabei zu helfen", sagte die Mitautorin Katja Stopka über die Gründungsidee des Leipziger "Johannes R. Becher"-Instituts bei uns im Programm. "Also es ging schon darum, Schriftsteller auszubilden im Sinne des Sozialismus als Staatsauftrag."

Ausbildung von "Parteischriftstellern" klappte selten

Die Grundidee sei im Verlauf von vier Jahrzehnten DDR-Geschichte immer wieder von Veränderungen geprägt gewesen, sagte Stopka. Die Ausbildung von "Parteischriftstellern" habe eigentlich vom ersten Jahrgang an nicht so richtig geklappt: "Und das war immer ein Dilemma." 

Knapp 600 literarische Abschlussarbeiten habe sich das Forscherteam genauer angesehen, sagte Stopka. Ein großer Teil sei "künstlerisch nicht so anspruchsvoll". Diese Autorinnen und Autoren hätten versucht, sich "an den Leitlinien des sozialistischen Realismus abzuarbeiten", was dann zu sehr strömlinienförmigen und typisierenden Ergebnissen geführt habe.

"Ganz viele Texte von talentierten Autoren"

Dann gebe es aber Erzählungen oder Anfänge von Romanen, die sehr interessant seien – "ganz, ganz viele Texte von talentierten Autoren, und das auch nicht nur von den renitenten", so Stopka begeistert.

In einer dritten Kategorie habe man "die sehr autonomiebewussten Autoren" ausgemacht, – Männer und – Frauen, "die im weitesten Sinne sich vor allem an ihrer Kunst orientieren und bisweilen ja auch sehr überzeugte Sozialisten waren, aber tatsächlich ihre Literatur nicht an Maßstäben oder Richtlinien entlang geschrieben haben", so Stopka.

Sehr fruchtbar sei Anfang der 60er Jahre die Lyrikwelle gewesen, "die durch die DDR schwamm", bevor dann das berüchtigte 11. Plenum des Zentralkomitees der SED gewesen, das alles wieder "zerschossen" habe. Diese Texte seien "gar nicht staatstragend", wenngleich gesellschaftspolitisch, aber eben nicht "ideologiegesättigt". Das habe auch an dem Ausbilder dieser Jahre, Georg Maurer (1907-1971), gelegen, der Weltliteratur habe vermitteln wollen.

Lyrikabend mit der Schriftstellerin und Lyrikerin Sarah Kirsch an der Universität Jena, aufgenommen 1963 (picture alliance / ZB / dpa / FSU-Fotozentrum / Universität Jena)Lyrikabend mit der Schriftstellerin und Lyrikerin Sarah Kirsch an der Universität Jena, aufgenommen 1963 (picture alliance / ZB / dpa / FSU-Fotozentrum / Universität Jena)

Wer in der DDR am Becher-Institut studiert habe, habe damit rechnen können zeit seines Schriftstellersdaseins auch Aufträge zu bekommen. Das habe etwa ein Autor wie Rainer Kirsch, den Stopka als "politisch schwierig, dickköpfig und eigensinnig" charakterisierte, stets betont.

Heutige Schriftstellerausbildung läuft ähnlich

In der DDR habe die Idee des Instituts, Schriftsteller 'ausbilden' zu können, immer wieder Bedenkenträger auf den Plan gerufen, meinte Stopka. Die Studienautorin hob hervor, dass diese Idee vom Ansatz her modern war und viele Prozesse in der heutigen akademischen Schriftsteller-Ausbildung "ideologie-unabhängig" ähnlich verliefen.

Stopka sagt, Isabella Lehn und Sascha Macht, die beide am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert haben, hätten bestätigt, "dass das vom Prozess her, den heutigen Erfahrungen von Autorinnen und Autoren sehr, sehr ähnlich ist und dass man relativ viel daraus lernen kann".

Stopka bezeichnete die Untersuchung des "Johannes R. Becher"-Instituts als Grundlagenwerk, mit dem man ganz generell "Forschungen über Schriftstellerausbildungen" in den Blick nehmen könne.

(huc)

Isabelle Lehn, Sascha Macht, Katja Stopka:
Schreiben lernen im Sozialismus - Das Institut für Literatur "Johannes R. Becher"
Wallstein-Verlag 2018, 600 Seiten, 34,90 Euro

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