Schriften der Art brut in Basel

    Kunst als innerer Monolog

    10:25 Minuten
    Kleine Silberplättchen mit Schriftzeichen hängen in einem Baum.
    Armand Schulthess hat in einem Wald eine "Bibliothek des Wissens" geschaffen. © Hans-Ulrich Schlumpf / Museum Tinguely
    Lisa Grenzebach im Gespräch mit Vladimir Balzer · 19.10.2021
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    Das Museum Tinguely in Basel zeigt kalligrafische Kunst, die außerhalb des Kunstbetriebs entstanden ist. In der Ausstellung geht es vor allem um die Motivation der Künstler, Zeichen auf Papier oder Hauswände zu bringen: Traumata spielen eine Rolle.
    Art Brut ist eine Sammelbezeichnung für Kunst von Laien, Kindern, Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung und gesellschaftlichen Außenseitern, aber auch gesellschaftlich Unangepassten. Übersetzt heißt es etwa "rohe Kunst". Der Begriff ist jedoch umstritten: Das "rohe" würde die Kunst abwerten, sagen manche.
    Die Ausstellung "Écrits d’Art Brut" im Museum Tinguely in Basel beschäftigt sich mit den Schriften der Art Brut und fragt weniger danach, wie die Kunst gemacht ist, als wer sie warum geschaffen hat.
    "Diese Menschen haben visuelle Erzeugnisse geschaffen, weil sie es mussten. Die wollten sich ausdrücken, sie wollten Erfahrungen verarbeiten. Sie haben das nie mit dem Gedanken gemacht 'Ich schaffe jetzt Kunst', und 'Ich möchte als Künstler verstanden werden', sondern es war ein innerer Antrieb, eine innere Auseinandersetzung mit Gedanken, auch mit Traumata", sagt Lisa Grenzebach, eine der Kuratorinnen im Museum Tinguely.

    Linien tragen Ursprüngliches mit sich

    Der Fokus auf die Schriften bringe eine neue Perspektive, sagt Grenzebach: "Bei Schrift und Linie muss man daran denken, dass die ersten Linien, die man als Kind macht, etwas sehr Authentisches, Ursprüngliches mit sich tragen. Eine Spur zu hinterlassen im Sand."
    Eine Spur wollte auch Constance Schwartzlin-Berberat hinterlassen. In Basel werden ihre Notizbücher mit Kalligrafie gezeigt.
    Eine Seite eines Notizbuches, bedeckt mit Kalligrafien.
    Eine Seite aus Constance Schwartzlin-Berberats Notizbüchern.© Sammlung Morgenthaler, Psychiatrie-Museum Bern
    Schwartzlin-Berberat befand sich um 1900 in einer psychiatrischen Klinik in Bern und konnte sich mit keinem verständigen, da das Klinikpersonal Deutsch sprach und sie Französisch. "So schrieb sie ihre Gedanken in kalligrafischen Texten in ihre selbst gebastelten Notizbücher, um ihren inneren Monolog führen zu können", sagt Grenzebach.

    Mit einer Metallschnalle in die Wand geritzt

    Aber nicht alle Werke sind auf Papier geschaffen worden. "Wir haben auch andere Untergründe, auf die die Menschen geschrieben, gezeichnet, gestickt oder in Stein geritzt haben", so Grenzebach.
    Fernando Nannetti hat mit einer Metallschnalle Zeichen in die Wand des Innenhofes der Anstalt, in die er eingewiesen worden war, geritzt. "Von diesen Ritzereien haben wir Gipsabdrücke, also Faksimile, die in der Ausstellung präsentiert werden", sagt Grenzebach.

    "Écrits d’Art Brut – Wilde Worte & Denkweisen"
    Museum Tinguely, Basel
    bis 23. Januar 2022

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