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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.08.2015

SchmetterlingeMit dem Fangnetz im Transekt

Von Gerhard Richter

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Ein Tagpfauenauge auf einer Blüte (Deutschlandradio/Constanze Lehmann)
Schmetterlinge stehen für Schönheit, so auch dieses Tagpfauenauge. (Deutschlandradio/Constanze Lehmann)

Einmal pro Woche gehen Naturfreunde mit Fangnetz, Fernglas und Bestimmungsbuch durch ein Transekt: ein Stück Landschaft, 50 Meter lang, fünf Meter hoch und breit. Schmetterlinge, die sie dort entdecken, tragen sie in eine Liste ein. Unser Autor Gerhard Richter war dabei.

Flügelt ein kleiner blauer
Falter vom Wind geweht,
Ein perlmutterner Schauer,
Glitzert, flimmert, vergeht.
So mit Augenblicksblinken,
So im Vorüberwehn
Sah ich das Glück mir winken,
Glitzern, flimmern, vergehn.
(Hermann Hesse)

Gabriele Buchholz: "Also es ist schon interessant, das zu beobachten. Also erstmal krabbeln die Raupen da drin rum. Dann sitzen sie alle hier oben und verpuppen sich dann langsam. Dann hängen die als so lange Dinger da dran und dann irgendwann fällt die Haut ab, dieser Kokon, und dann flattern die rum."

Gabriele Buchholz vom BUND –Shop in Berlin fasst kurz zusammen, was ungefähr drei Wochen dauert. Das Wunder der Metamorphose – die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling. Damit jeder das einmal live beobachten kann, bietet der Bund für Umwelt und Naturschutz ein Schmetterlings- Set an.

Autor: "Ich will das auch ausprobieren, und nehme so eine Schmetterlingsbox mit. 24,90 Euro kostet das Set, darin ist ein Netzzylinder, der sich selbst aufklappt."

Gabriele Buchholz: "Und fertig ist er, funktioniert wie so ein Chapeau Claque. Und wenn die Raupen geschickt werden, die kommen in so einem kleinen runden Behälter, der ist gefüllt mit Nährstoff, einer Nährstofflösung und diese Lösung reicht eigentlich auch aus für die fünf Raupen als Nahrung sozusagen."

Autor: "Ich muss also kein Futter besorgen oder draußen nach irgendwelchen Blättern suchen."
Gabriele Buchholz: "Absolut nicht notwendig."

Jedes Jahr fliegen die Distelfalter 15.000 Kilometer 

Diese Schmetterlingssets werden von der Firma Insect Lore vertrieben. Entwickelt hat sie der Entomologe Carlos White in Kalifornien. Vier Jahre lang hat er nach einer Nährlösung gesucht, die den Raupen schmeckt, alles für ihre Entwicklung enthält und weder eintrocknet noch schimmelt.

1969 hatte er das passende Rezept und seitdem hat die Firma Insect Lore rund 50 Millionen dieser Schmetterlingssets verkauft. Auch beim BUND Shop wird das Set gut nachgefragt.

Gabriele Buchholz: "Wir haben jetzt schon über 750 verkauft und die Saison ist noch nicht beendet. Also man kann dieses Procedere bis in den September rein vollziehen. Ganz gerne wird´s gekauft von Kindergärten, Schulen, die jetzt zu diesem Thema so eine Art Projektwoche machen, dass die Kinder schön beobachten können. Natürlich auch Privatpersonen."

Autor: "Jetzt hab ich diesen Netzzylinder und eine Anleitung. Darin lese ich, dass ich mir die Raupen erst bestellen muss, die werden mir dann zugeschickt. Und zwar sind das die Raupen vom Distelfalter."

Martin Wiemers: "Ich denke der Distelfalter ist einer der extremsten Wanderfalter."

 Kersten Liebold, Geschäftsführer im Schmetterlingspark Alaris Wittenberg (Deutschlandradio - Gerhard Richter)Kersten Liebold, Geschäftsführer im Schmetterlingspark Alaris Wittenberg (Deutschlandradio - Gerhard Richter)

15.000 Kilometer legen die Distelfalter jedes Jahr zurück, sagt Martin Wiemers, Entomologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Sie überwintern in Nordwestafrika und dort startet die erste Generation ihre Wanderung nach Europa.

Martin Wiemers: "Vermutlich gibt es mehrere Routen, eine sicherlich über Spanien, die andere vermutlich über Italien, und eine andere dann auch über den Balkan, ähnlich wie bei den Zugvögeln."

Millionen von Distelfaltern flattern also aus Afrika nach Europa. Bis nach Skandinavien und England. Das dauert mehrere Monate, länger als ein Falter lebt. Die Population muss sich zwischen durch vermehren, also legen die Weibchen ihre Eier unterwegs an Disteln und Brennnesseln ab. Die Falter, die sich daraus entwickeln, fliegen dann wieder weiter nach Norden. Drei Wochen dauert so ein Zyklus.

Martin Wiemers: "Der Distelfalter, das sind immer wieder andere. Das heißt, das sind niemals die Gleichen, die dann wieder zurückwandern. Das ist wieder eine weitere Generation. Also umso erstaunlicher ist es vielleicht, da ist also keinerlei Erinnerung da, wo die mal hergekommen sind."

Seit tausenden von Jahren wandern Millionen von Distelfaltern auf diesen Routen im Frühjahr nach Norden und im Spätsommer wieder zurück. Woher die die letzten Distelfalter der Saison wissen, wohin sie fliegen müssen, ist noch unklar. Man weiß aber: Bei der Rückkehr nach Afrika steigen die Falter bis 1000 Meter hoch, um die günstigen Winde auszunutzen. Seit ein paar Jahrzehnten gibt es aber auch eine andere, eine menschgemachte Wanderbewegung. Raupen werden in Plastikdosen von England nach ganz Europa verschickt.

Autor: "Das ist jetzt der Gutschein für die Raupen, da steht ein Code drauf, und den muss ich jetzt im Internet eingeben und zwar auf der Seite http://www.insectlore.biz/"

Die europäische Niederlassung von Insect-Lore ist in England, genauer in Cornwall. Dort werden die Raupen vorgezüchtet und verschickt.

Autor: "Hier kann ich in Englisch, Spanisch, Französisch, Norwegisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Italienisch und Portugiesisch den Code eingeben. Also in all diese Länder verschicken die ihre Raupen."

Autor: "Ein paar Tage später ist die Box im Briefkasten. Ein kleiner brauner Pappwürfel. Darin ist eine Plastikdose, groß wie ein Marmeladenglas. Im Deckel sind winzige Löcher für die Atemluft. Dazwischen krabbeln fünf kleine Raupen, so ungefähr einen Zentimeter lang. Die sind, bevor sie Flügel haben, schon mal rund 1500 Kilometer weit geflogen. Mit der Luftpost."

1999 wurden ein paar Raupen ins All geschossen

Die weiteste Reise, die je ein Distelfalter zurückgelegt hat, war im Juli 1999. Da wurden ein paar Raupen mit dem Space Shuttle Columbia ins All geschossen, um auszuprobieren, ob sie sich auch in der Schwerelosigkeit verpuppen. Das Experiment war erfolgreich. Die Distelfalter sind geschlüpft und kamen zurück zur Erde. Bis heute sind sie - sorgfältig präpariert - im Smithonian Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington ausgestellt. Wahrscheinlich die Schmetterlinge mit dem höchsten Sammlerwert.

Es war einmal ein buntes Ding,
ein sogenannter Schmetterling,
der war wie alle Falter,
recht sorglos für sein Alter.

Er nippte hier und nippte dort,
und war er satt, so flog er fort,
flog zu den Hyazinthen
und guckte nicht nach hinten.

Er dachte nämlich nicht daran,
daß was von hinten kommen kann.
So kam's, daß dieser Schmetterling,
verwundert war, als man ihn fing.
(Heinz Erhardt)

Dieter Hertrampf: "Ich habe das noch gelernt, das Präparieren. Dass man entsprechende Nadelgrößen braucht, dass man einen Spannbrecht braucht, das ist gar nicht so einfach. Man muss eine ziemlich ruhige Hand haben dazu. Und natürlich eine Begeisterung und die Fachkenntnis."

Dieter Hertrampf unterwegs auf Feld und Flur, um Schmetterlinge zu dokumentieren (Deutschlandradio/Gerhard Richter)Dieter Hertrampf unterwegs auf Feld und Flur, um Schmetterlinge zu dokumentieren (Deutschlandradio/Gerhard Richter)

Dieter Hertrampf war früher Biologie-Lehrer. Mit seinen Schülern hat er rund um Halle an der Saale Schmetterlinge gefangen und fachmännisch präpariert. dreißig Jahre ist das her. Die Kästen mit den aufgespießten Faltern hat er immer noch.

Dieter Hertrampf: "Fangen wir mal hier oben an. Der hier ist so gut wie ausgestorben, der Schwalbenschwanz. Das sind alles Weißlinge hier, die Weißlinge gibt's im Wesentlichen alle. Diese so genannten Bläulinge, die sind an sich in meinem Transekt vorhanden. Vielleicht sehen wir heute einen davon, weiß ich nicht."

Auch Schulklassen machen mit bei der Schmetterlingsforschung

Dieter Hertrampf zieht eine wetterfeste Jacke an, nimmt den Rucksack mit Liste und einem klappbaren Schmetterlingsnetz und geht von seinem Wohnhaus in einem Vorort von Halle hinaus in die Felder. Ziel ist sein Transekt, ein Feldweg entlang einer stillgelegten Bahnstrecke, umgeben von riesigen Äckern mit Mais und Weizen. Das Transekt ist ein gedachter Raum, 50 Meter lang, 5 Meter breit und 5 Meter hoch. Hier sucht er nach Schmetterlingen, aber nicht, um sie aufzuspießen, sondern um sie zu zählen. Immer um die gleiche Zeit.

Dieter Hertrampf: "Ich gucke mal auf die Uhr, also es ist um zwölf. Man merkt´s – es ist wärmer geworden. Weil sobald es wärmer wird kommen dann natürlich auch die Insekten in Gang."

Langsam geht er den Feldweg entlang, rechts am Bahndamm wuchern Brombeeren, Wildkirschen und Liguster. Links ist grade mal ein meterbreiter Streifen Wiese vor dem Weizenfeld. Außer einer Biene und einer Hummel sind da keine Insekten zu sehen in dem schmalen Streifen Wildwuchs, zwischen den landwirtschaftlichen Monokulturen.

Dieter Hertrampf: "Ich denke die Hauptbedrohung, wenn ich´s mal als Bedrohung formulieren darf: Was wird über die Kulturen an Chemie auf die Felder gebracht? Wir haben immer eine leichte Windbewegung, und diese Chemikalien driften ja auch."

Mit solchen Überlegungen beschäftigt sich Dieter Hertrampf, während er vergeblich nach Faltern Ausschau hält. Dann plötzlich doch noch ein Schmetterling: Ein Schachbrettfalter, schwarzweißgemustert wirbelt durch die Luft und landet auf einer Ligusterblüte.

Dieter Hertrampf: "Toll! Tolles Bild. Schöne Entschädigung für das Nichtvorhandensein bisher. Toll."

Das Schmetterlingsnetz braucht Dieter Hertrampf diesmal nicht, diesen Schmetterling kann er auch so bestimmen. Er holt seine Liste aus dem Rucksack und macht hinter dem Schachbrettfalter einen Strich. Die Liste schickt er an das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, zu Birgit Metzler. Sie bekommt nicht nur die Daten von Dieter Hertrampf, sondern die von 500 weiteren Freiwilligen, die in ganz Deutschland Transekte beobachten.

Birgit Metzler: "In der Anfangszeit haben viele Experten auch mitgemacht, aber mittlerweile sind auch sehr viele Laien dabei. Wir haben auch einige Schulklassen, die mitmachen. Dann haben wir sehr viele ältere Herren auch, die mitmachen beim Zählen, es sind vor allen Dingen Leute, die eben auch gerne draußen sind."

Die meisten geben ihre Daten direkt online ein, aber auf Birgit Metzlers Schreibtisch landen auch noch hunderte von Briefen mit Listen, deren Daten sie von Hand in den Computer überträgt. Einige Zähler schicken Fotos von Faltern oder von ihren Transekten, von denen sich im Lauf der letzten zehn Jahre einige drastisch verändert haben. Brachflächen zum Beispiel, sind recht anfällig.

Birgit Metzler: "Da kann es sein, dass die wenn sie nicht gepflegt werden im Laufe der Zeit zuwachsen, sprich verbuschen. Dann ist es in einigen Transekten vorgekommen, dass die Flächen mittlerweile bebaut worden sind, oder dass sie nicht mehr zugänglich sind, weil Zäune gezogen wurden, weil die anderweitig genutzt werden."

Registriert sind über zwei Millionen Tagfaltersichtungen

Wie die verschiedenen Schmetterlingsarten auf solche Veränderungen reagieren, das versucht Elisabeth Kühn im Büro nebenan aus den Daten herauszulesen. Sie leitet das Tagfalter-Monitoring von Anfang an.

Elisabeth Kühn: "Und jetzt nach zehn Jahren haben wir festgestellt, dass es ganz unterschiedlich ist bei den einzelnen Arten. Für einige ist es ganz deutlich, da geht es deutlich bergab, für andere ergeht es deutlich bergauf und dann gibt es Arten, da gibt es immer noch diese große Schwankung."

Der kleine Fuchs zum Beispiel hatte 2008 ein ganz schlechtes Jahr, weil ein Wintereinbruch im April die ersten Raupen erfrieren ließ. Der Bestand hat sich in den folgenden Jahren wieder erholt. Aber der kleine Fuchs hat gezeigt: Schmetterlinge reagieren sensibel auf Klimaschwankungen. Andere Arten, wie der Admiral, haben davon profitiert.

Elisabeth Kühn: "Das interessante beim Admiral ist, dass dazu übergegangen ist, hier zu überwintern. Das war vorher ein Wanderfalter, der aus dem Süden eingewandert ist. Und mittlerweile sind die Winter so mild geworden, dass er es auch gut schafft, hier zu überwintern."

Oliver Fox mit seinen Faltern (Deutschlandradio/Gerhard Richter)Der Biologe Oliver Fox verkauft Schmetterlinge (Deutschlandradio/Gerhard Richter)

Weit über zwei Millionen Tagfaltersichtungen sind auf Servern oder in dicken Ordnern im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Halle dokumentiert. Dieser einzigartige Datensatz dient als Grundlage für andere internationale Forschungen. Der European Grassland Report beispielsweise, den die europäische Umweltagentur in Kopenhagen herausgegeben hat, fasst die Sichtungen von 17 Falterarten aus 19 Ländern zusammen. Alles Schmetterlinge, die bevorzugt auf Wiesen leben. Die Studie zeigt, dass es nur noch halb so viele Falter wie vor zwanzig Jahren gibt, sagt Prof. Josef Settele.

Josef Settele: "Das Wesentliche war, das Erschreckende eigentlich das quer durch 17 Arten der Trend insgesamt sehr negativ war, im Lauf der letzten 20 Jahre von 1990 an. Das schwächt sich jetzt ein bisschen ab, momentan. Aber es ist auch klar, wenn ich einen entsprechend niedriges Niveau erreicht habe, was schon niedrig ist, dann ist ein weiterer Abfall unwahrscheinlicher."

Tagfalter sind die Sympathieträger unter den Insekten. Und Insekten stellen die größte Gruppe aller Lebewesen auf dem Planeten. Aber wer würde gerne in seiner Freizeit losgehen und Spinnen, Asseln, Ameisen oder Mücken bestimmen? Schmetterlinge sind da ideal als Indikatoren.

O-Ton Elisabeth Kühn
Zum einen sind sie relativ einfach zu erkennen, aber zum anderen ist es auch einfach schön, durch eine Wiese zu gehen und die bunten Falter da zu zählen.

Jeder Schmetterling lebt anders, Kohlweißlinge gibt's in ganz Europa, den Ameisenbläuling dagegen nur in ganz begrenzten Gebieten. Josef Settele, ebenfalls Entomologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung beschäftigt sich seit Jahren mit diesem besonders sensiblen Falter, der unscheinbar aussieht, aber ein bizarres Leben führt.

Josef Settele: "Ja das erste, was man von einem Falter nie erwartet ist, dass die Raupe Fleischesser ist. D.h. er entwickelt sich wie eine ganz normale Art, also das Ei wird abgelegt auf einer Pflanze, jedenfalls auf einer bestimmten Pflanze, der große Wiesenknopf. Dann lebt die Larve da so 2,3 Wochen. Dann geht sie auf den Boden, wird dann von Ameisen aufgegriffen, die die Tiere für eigene Brut halten, das ist so eine chemische Täuschungsgeschichte."

Die Ameisen schleppen die rosarote Raupe in ihr unterirdisches Nest. Dort kann sich die Raupe des Schmetterlings mit Duftstoffen tarnen und ernährt sich von den Larven der Ameise.

Josef Settele: "Leben dann ein Jahr im Ameisenbau, und wenn sie dann fett gefressen sind, dann verpuppen sie sich am Ausgang des Ameisennestes. Schlüpfen dann, in dem Fall meistens zu Anfang Juli und fliegen dann als unschuldige Falterchen so durch die Landschaft."

Die Raupen wachsen drei Zentimeter in neun Tagen

Der Ameisenbläuling fungiert als Indikator für die Wirtspflanze, den Wiesenknopf und für eine bestimmte Ameisenart als Zwischenwirt. Wiesenknopf und Ameisen brauchen ihrerseits wieder bestimmte Bedingungen. Weil der Ameisenbläuling auf diese Weise tief mit der Ökologie verzahnt ist, ist er Teil der Flora-Fauna-Habitat Richtlinie der EU. Die dient dem Artenschutz und fördert das europaweit zusammenhängende Netz der Schutzgebiete. Der Ameisenbläuling steht also für Dutzende anderer seltener Arten.

"Nach neun Tagen sind meine Raupen schon drei Zentimeter lang und drei Tage später hängt die erste Raupe unterm Deckel und verpuppt sich. Hängt da, gekrümmt wie ein Angelhaken und klettert quasi aus der eigenen Haut, und darunter ist die Puppe. Faszinierend. Jetzt beginnt die Metamorphose."

Lange wusste man wenig über diese Verwandlung. Maria Sybilla Merians Buch „Der Raupen wunderbare Verwandlung und seltsame Blumennahrung" von 1679 zeigt zum ersten Mal Raupen, Puppen und Schmetterlinge in Zusammenhang mit ihren Futterpflanzen. Die Puppen nannte man damals wegen ihrer Form, „Dattelkern". Über die Metamorphose schreibt Merian:

Zitatorin: "Ferner dient zu wissen, dass ein solcher Dattelkern etliche zwölf oder vierzehn Tage, manche wohl auch den ganzen Winter unausgeschlossen bleiben. Bis sie keine Kälte mehr spüren oder die Hitze der Sonnen fühlen, dass aus solchen Dattelkernen Sommervögelein hervorkommen. Andere nennen sie Buttervögelein, Zwifalter, Fledermäuse, und dergleichen. Ich aber will das Wort Sommervögelein darum behalten, dieweil sie mehrenteils im Sommer fliegen und ihnen also solcher Name billig zusteht."

Heute nennt man die Sommervögelein "Schmetterling", das kommt vom slawischen Wort "Schmetten" für Rahm. Schmetterlinge mögen frische Milchprodukte. Und heute wissen wir deutlich mehr über die Metamorphose als Maria Sybilla Merian vor 300 Jahren. Englische Forscher haben Distelfalterpuppen unter dem Computertomographen beobachtet. Die Bilder kursieren im Internet, hochinteressant für Entomologen wie Martin Wiemers.

Ein Distelfalter mit Mykonium (Deutschlandradio/Gerhard Richter)Sieht aus wie ein Blutbad: ein Distelfalter mit Mykonium (Deutschlandradio/Gerhard Richter)

Martin Wiemers: "Ein Großteil der Organe wird ja völlig aufgelöst, und dann neugebildet, aus Discs, nennt sich das. Also spezielle Zellen, aus denen die neuen Organe dann gebildet werden. Man dachte lange, das wäre eine reine Suppe praktisch, aber wie man hier sieht jetzt ganz neu, stimmt das so nicht."

Viele Organe bildet der Schmetterling ganz neu, den Verdauungstrakt, den Saugrüssel, Fühler, Beine und Flügel. Die wesentlichen Organe übernimmt er von der Raupe. Vor allem das Gehirn, Nervensystem und das Atmungssystem, die Tracheen.

Martin Wiemers: "Also die Puppe hat ja auch einen Stoffwechsel, sogar einen ziemlich intensiven. Und muss auch atmen. Man sieht ja sogar die Öffnungen. An der Seite der Puppe zum Beispiel hier."

Autor: "Eine gute Woche dauert so eine Verwandlung. Zeit für einen Ausflug."

Willkommen im Schmetterlingspark Alaris in Wittenberg. Von außen eine unscheinbare Halle, ein paar gekieste Parkplätze davor, aber drinnen flattert und gaukelt eine bunte Schmetterlingswelt. 700 Exoten aus Süd- und Mittelamerika und aus Südostasien tanzen einem vor der Nase.

Ein Wasserfall und ein Teich sorgen für schwüle Luft in der 1000 Quadratmeter großen und sechs Meter hohen Halle. Kersten Liebold hat mit Bananen und anderen tropischen Pflanzen eine Ersatzheimat geschaffen, und Falter dafür ausgesucht.

Kersten Liebold: "Also Schmetterlinge, die für Schmetterlingshäuser geeignet sind, sind die, die einen begrenzten Lebensraum haben. Weil sie zum Beispiel an Wasserstellen zuhause sind. Weil sie dadurch auch nicht weit fliegen und sich in so einemgeschützten Raum, einem engen Raum wie einem Schmetterlingshaus auch wohl fühlen und natürlich verhalten."

Ohne Scheu fliegen die Falter zwischen den Besuchern oder sitzen an aufgehängten Orangenscheiben. Oder sie schlürfen mit ihren haarfeinen Rüsseln aus kleinen Schalen mit Kunstblumen. Die sind getränkt mit Honig und Weißwein. Viele Schmetterlinge lieben Alkohol und sind ausgemachte Trinker:

Kersten Liebold: "Schmetterlinge sind zum Großteil also kleine Alkoholiker. Also im positiven Sinne. Die können Alkohol wahnsinnig schnell umsetzen. Und die Arten, die sich von Alkohol zum Großteil ernähren, die werden auch sehr alt. Also alt heißt bei einem Schmetterlinge bis zu ein zwei Monaten. Seriöse Tiere, die nur Nektar saugen, die werden in der Regel nur ein bis zwei Wochen alt.

Hat der Schmetterling die Dinosaurier auf dem Gewissen?

Die ältesten Schmetterlingsarten gibt es seit 40 bis 50 Millionen Jahren. Pachleopta Kotzebua, ein dunkler Falter mit roten Bändern an der Unterseite, hat schon mit Sauriern zusammengelebt und ist eventuell sogar für deren Aussterben verantwortlich.

Kersten Liebold: "Das ist jetzt kein Quatsch, sondern eine ernsthafte Studie. Das ist doch irgendwie nachvollziehbar - denn Vögel gab es damals noch nicht, den Hauptfeind der Schmetterlinge. Dann müssen Sie eine richtige Plage gewesen sein. Man sieht's ja schon alleine an dem Prozession-Eichenspinner. Wenn dabei uns im Sommer eine Überpopulation da ist, dann können sie auch ganze Eichen kahl fressen."

Ob die Dinosaurier wirklich am Schmetterling gescheitert sind, dafür gibt es keinen wirklichen Beleg.

Heute ist ein Paket aus Costa Rica gekommen. Exotische Schmetterlinge in Wittenberg zu züchten, wäre teuer und energieaufwendig. Günstiger ist Nachschub aus Übersee.
Kersten Liebold löst die Klebestreifen von der Styroporschachtel und öffnet den Deckel. Auf einer Lage Watte liegen in Reih und Glied dunkle Schmetterlings-Puppen.

Kersten Liebold: "...ganz oben liegen die Passionsfalter, die kleinen und leichten und wenn man jetzt nach unten geht, da liegen dann die Bananenfalter. Oder auch diese hier, die kommen aus Südamerika, das sind also sehr leuchtende Schmetterlinge auch, die eine sehr große Puppe haben, und der Schmetterling ist dazu eigentlich relativ klein."

Schmetterlingszucht in fensterlosen Lagerräumen

Die Puppen kommen aus Zuchtstationen, meist sind es große Zelte im Wald, mit Gaze von der Umgebung abgetrennt. Die Falter stammen von häufigen Arten, die einfach zu züchten sind. 1000 bis 2000 solcher Puppen sind in einem Karton. Kersten Liebold, nimmt die Puppen heraus, die er für sein Haus in Wittenberg braucht, die anderen schickt er weiter. Die Firma Alaris betreibt noch drei andere Schmetterlingsparks in Deutschland. Die Puppen, die hier schlüpfen sollen, sortiert Liebold in verschiedene Plastikboxen.

Kersten Liebold: "Je nachdem, ob sie gleich schlüpfen sollen, dann bleiben sie hier, dann werden sie warm gestellt und möglichst feucht, dann geht das auch schneller."

Jeden Tag sucht Kersten Liebold ein paar reife Puppen aus den Plasteschachteln, und hängt sie an einen Ast in einen Glaskasten. Dort kann man beobachten, wie die Schmetterlinge sich aus der Hülle schieben. Ihre Flügel sind noch weich und komplett zusammengefaltet, wie ein zerknülltes Papiertaschentuch. Langsam pumpen die Falter eine Flüssigkeit in die Adern, mit bis zu zwei Bar Druck, sagt Liebold. Noch ein paar Minuten, dann flattern sie los.

Meine Raupen haben sich alle verpuppt und hängen unter dem Deckel der Dose. Ich will aber zu einer Party und bin ein paar Tage weg. Ich frage mich, ob die Puppen sechs Stunden Autofahrt aushalten. Aber jetzt weiß ich ja, dass die Puppen einen Flug aus Südamerika oder Asien überstehen. Also packe ich die Dose und den Netzzylinder auf den Rücksitz, ein Tuch darüber gegen die Hitze, so wird schon gehen. Vielleicht kann ich die Schmetterlinge ja auf der Party freilassen. Wäre ja die Überraschung.

 

Falter auf Feiern freizulassen ist eine verbreitete Idee und es gibt mehrere Firmen, die diese Nachfrage bedienen. Die Firma Ingana zum Beispiel hat ihren Sitz in im hessischen Linden. Der Diplom Biologe Oliver Fox betreibt hier eine Schmetterlingszucht.

Oliver Fox: "Die Idealform wäre auch für mich als Biologe ein wunderschönes großes Gewächshaus mit einer Wiese drin, vielen bunten Blütenpflanzen und da die Schmetterlinge drin, die Eier ablegen können, wo die Raupen die ihre Futterpflanzen finden. Das funktioniert nicht."

Stattdessen hat der 44-Jährige einen Laden gemietet, dahinter in den fensterlosen Lagerräumen ist die Schmetterlingszucht. Auf einem Kalender im Büro kleben Zettel mit den akribisch notierten Terminen der Bestellungen.

Oliver Fox: "Die Haupteinsatzzwecke sind tatsächlich Hochzeiten, das ist Schwerpunkt, so hat's auch begonnen letztendlich. Es wird ab und an auch im Rahmen von Beerdigungen genommen, weil eben durchaus das Symbol da ist, dass eben nach dem Raupen leben durchaus der Schmetterling eben weiterlebt. Das Leben endet nicht, sondern es geht eben anders weiter."

Mir träumte, ich sei ein Schmetterling
und flatterte unbeschwert umher.
Erwachte, ganz plötzlich –
und fragte mich nun, was ich bin:
Ein Mensch, der träumt, ein Schmetterling zu sein?
Oder ein Schmetterling, der träumt, er sei ein Mensch? 

Falter landen im Overnight-Kurier

In den Sommermonaten verkauft Oliver Fox rund 10.000 lebende Schmetterlinge. Für Schulen und Kindergärten verschickt er - ähnlich wie die Fima Insect Lore- auch Raupen mit Futter, zum Beobachten der Metamorphose. Dafür braucht er eine effektive Zucht und die findet praktischerweise drinnen statt.

Oliver Fox: "Geschlossener Raum ist deshalb für mich als Züchter sehr interessant, weil ich kann das Klima ein bisschen regulieren erstens. Zweitens ich bekomme keine Parasiten rein. Draußen in der Natur haben Schmetterlinge außer Vögeln und anderen Fraßfeinden das Problem mit Parasiten tierischer, bakterieller und pilzlicher Natur. Das möchte ich natürlich draußen haben. Weil das ist natürlich fatal in der Insektenzucht."

Unter silbernen Lüftungsschläuchen stehen Stapel aus grauen Plastikkisten mit hunderten von Plastikdosen. Darin krabbeln und fressen Raupen in verschiedenen Stadien. Die kleinsten sind grad mal so groß wie ein Komma aus einem Buch. Die größten vier, fünf Zentimeter lang. Aus frischen Disteln und andere geheimen Zutaten mixt Oliver Fox eine Futtermischung. Sieht aus wie grüner Leberkäse. Mit ihren kräftigeKiefern, den sogenannten Mandibeln, nagen die Raupen alle in sich hinein.

Oliver Fox: "Schauen Sie sich eine Distel an, das ist alles andere als weich oder zart. Die fressende durchaus auch die Stängel und das Futter ist genauso richtig."

Die geschlüpften Falter flattern in großen hellen Boxen, etwa zwei mal zwei Meter. Die Decke ist transparent, darüber leuchtet ein Scheinwerfer. Die Wände und der Boden sind mit roter Farbe bespritzt, wie nach einem Blutbad. Die Farbe wird von den Faltern ausgeschieden. Es ist das sogenannte Mykonium, oder Puppenharn - die biologischen Reste der Verwandlung.

Oliver Fox: "Während der Puppenruhe können keine Stoffwechselendprodukte ausgeschieden werden. Eine Puppe ist ein geschlossenes System. Und die Schmetterlinge sondern am Anfang, wenn sie geschlüpft sind einen blutroten Tropfen ab oder mehrere, das sind erste Stoffwechsel Endprodukt-Ausscheidungen, und die sieht aus wie Blut."

Die Falter fängt er ein und setzt sie in Pappschachteln. Die verschickt er mit einem Overnight-Kurier. Immer freitagnachmittags, damit sie Sonnabend ankommen, und meist am selben Tag noch zu irgendeinem Anlass freigelassen werden.

Vor der Freilassung müssen die Schmetterlingskäufer eine Genehmigung einholen. Die erteilt in der Regel die untere Naturschutzbehörde. Abhängig von der Falterart.

Oliver Fox: "Typischerweise werden in Europa Kohlweißlinge oder Distelfalter freigelassen. Kohlweißling gilt als potentieller Schädling, hier in Hessen dürfen wir ihn zum Beispiel gar nicht freilassen. Er könnte hier natürlich leben, er würde sich auch wohl fühlen, er ist heimisch."

25 Schmetterlinge für 120 Euro

Der Kohlweißling ist sogar der häufigste Schmetterling Deutschlands. Dummerweise fressen seine Raupen alle möglichen Kohlpflanzen. Damit seine Kunden keine Probleme mit der Genehmigung haben, züchtet Oliver Fox ausschließlich den Distelfalter. Vanessa Cardui. Der Wanderfalter ist laut amtsdeutsch:

"Nicht einheimisch, aber auch nicht gebietsfremd. Und darf deshalb allermeistens freigelassen werden. Während andere Schmetterlingszüchter schon Morddrohungen von Tierschützern bekommen haben, melden sich bei Oliver Fox eher potentielle Nachahmer. Viele wittern das schnelle Geld."

Oliver Fox: "Wenn ich 25 Schmetterlinge bestelle, liege ich bei 120 Euro. Was auf den ersten Blick natürlich viel Geld ist. Und man denkt: Ach so ein kleiner Schmetterling, der kann ja an für sich nicht so teuer sein, da ist die Marge riesengroß. Das stimmt leider nur bedingt."

Schmetterlingszucht ist ein Saisongeschäft, und reich, sagt Oliver Fox wird er damit nicht. Eine kleine Unterhaltungszucht muss er über den Winter bringen, und im Sommer hat er kaum Urlaub, dazu der ständige Stress, pünktlich zum Hochzeitstermin zu liefern.

Autor: "Ich hätte als Züchter versagt, meine Schmetterlinge schlüpfen erst, als die Party längst vorbei ist. Und von den fünf Puppen sind nur drei geschlüpft. Ein Falter hat seine Flügel nicht richtig ausspannen können, der Arme. Die beiden anderen flattern im Netzzylinder. Prächtige braun gefleckte Flügel, und jetzt lass ich sie frei. Der eine flattert gleich davon, der andere landet erstmal auf dem Rasen, kommt irgendwie nicht hoch. Ich setz ihn mal auf eine Oleanderblüte. Wow, sofort rollt er seinen feinen Rüssel aus und saugt Nektar. Und jetzt hat er Kraft genug und flattert davon, erstmal nach Norden."

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