Schmerzhafte Erinnerungen

Rezensiert von Cora Stephan |
Ende der 80er-Jahre hat Wolf-Rüdiger Osburg einige deutsche Veteranen des Krieges befragt, Soldaten unterschiedlichsten Bildungsgrades und Ranges. Ihre Erinnerungen füllen über 500 Seiten.
Für die Deutschen ist der Zweite Weltkrieg der schuldbesetzte Inbegriff der Katastrophe. Für andere aber, insbesondere für die Engländer, ist es der Erste Weltkrieg, der die Erinnerung bestimmt – der Große Krieg als schicksalhafte Zäsur zwischen dem Goldenen Zeitalter und einem Jahrhundert der größtmöglichen Vernichtung. Noch heute pilgern Briten zu den Kriegsgräberfeldern in Frankreich und Flandern, blühen Tourismus und Devotionalienhandel. Die Literatur aus Großbritannien zum "Großen Krieg" ist unübersehbar, die Erzählungen, Erinnerungen, Briefe der Kriegsteilnehmer spielen darin eine große Rolle. Vergleichbares gibt es für Deutschland nicht.

Nicht nur, weil der Zweite Weltkrieg alles überschattet. Gewiss auch, weil die Besiegten schon immer weniger zu erzählen haben als die Sieger. Und nicht zuletzt, weil sich seit der Fischer-Debatte der 60er-Jahre die falsche These durchgesetzt hat, Deutschland trage nicht nur am Zweiten, sondern auch am Ersten Weltkrieg "die Schuld".

Immerhin gibt es Feldpostbriefe, eine wichtige Quelle, um etwas über "die Gefühle und Ängste unserer Großväter und Ur-Urgroßväter" in Erfahrung zu bringen, war doch der Große Krieg der erste, in dem derart viele gut ausgebildete und des Lesens und Schreibens kundige junge Männer ins Feuer geschickt wurden.

"Wenn ich auf Wache stand, las ich damals erstens die 'Vergleichenden Leben' von Plutarch, also die Lebensbeschreibungen der Griechen und Römer im Vergleich. Und den 'Faust' hatte ich mit. Vom 'Faust' kannte ich ganze Szenen auswendig, die ich mir auf Wache vorsagte. Wo ich mir nicht sicher war oder Passagen vergessen hatte, schaute ich dies gleich nach, wenn ich wieder in den Unterstand kam. Die Kameraden in meiner Batterie fragten dann: 'Gustav, was liest du da?' Ich erzählte ein bisschen von meinen Büchern. Ich weiß nicht, was die anderen machten. Manche spielten wohl Skat, was ich nicht konnte." Gustav Heckmann

Umso verdienstvoller, dass Wolf-Rüdiger Osburg Ende der 80er-Jahre, kurz, bevor es zu spät war, einige deutsche Veteranen des Krieges hat befragen können, Soldaten unterschiedlichsten Bildungsgrades und Ranges. Ihre Erinnerungen füllen über 500 Seiten, manche erstaunlich detailliert, andere ein Zeugnis für die Gewalt, mit der der Krieg auch die weniger empfindsamen jungen Männer erfasst und verwandelt hat. Denn immerhin war man mit Militärischem aufgewachsen, mit den Manövern und Paraden für Kaiser Wilhelm oder den Kronprinzen, noch war das Soldatische ein Vorbild für die im 19. Jahrhundert Geborenen. Dennoch bestätigen die Veteranen die neuere wissenschaftliche Forschung, wonach am 1. August 1914 keineswegs überall gejubelt wurde. Man tat seine Pflicht, nicht immer mit Begeisterung. Was sie wirklich erwartete, insbesondere an der Westfront, konnten die jungen Rekruten nicht wissen:

"All das, was an der Westfront im Ersten Krieg geschah, ging in jedem Fall über das Fassungsvermögen des Einzelnen weit hinaus. Man hat das tägliche Sterben nicht so wahrgenommen. Man hat in einem Graben gesessen und hat gefrühstückt inmitten der Toten. Irgendwie ist dieser ganze Tod nicht zu tief in die Menschen eingedrungen. (…) Was mich tiefer berührt hat, war das Schreien verwundeter Pferde. (…) Das hat mich so aufgewühlt, dass ich geweint habe. (…) Ich kann mir das nicht erklären. Vielleicht weil ihr Schreien stärker, lauter war oder weil man Mitgefühl mit der hilflosen Kreatur hatte? Das Tier war unverschuldet in diese Situation geraten, während wir es, wenn wir als Soldaten erschossen wurden, verdient hatten." Eric Collins

Bis auf eine ausführliche Einleitung zur Geschichte des Krieges und einen Epilog hält Osburg sich zurück. Die Frage, was "authentisch" ist und was längst durch Interpretation überformt ist, spart er sich und dem Leser – im Vertrauen darauf, dass der weiß, wie trügerisch Erinnerung sein kann. Einige der Veteranen aber bemühen sich keineswegs um Beschönigung, im Gegenteil - wie solche freimütigen Schilderungen vom Vorgehen deutscher Truppen in Belgien zeigen:

"Als wir am anderen Nachmittag in Löwen hereinkamen, gab es gewaltige Straßenkämpfe, bis wir Herr der Lage wurden. Wir wurden beschossen und mit kochendem Wasser begossen. Da haben wir Leichtbenzin genommen. Ich habe die Tür zu einem Haus aufgeschlagen, Benzin rein, Streichholz und dann brannte das ganze Haus. Und die Leute im Haus kamen nicht mehr raus. (…) Es wurden sechs, sieben, acht Mann erschossen, manchmal auch Einzelne. Die mussten gleich ihr eigenes Grab graben. Wer am Grab stand, kriegte einen Schuss und fiel in das Loch rein. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele solche Erschießungen ich mitgemacht habe." Theodor Hein

Sicher: es fehlen auch die Legenden nicht, denen zufolge der Erste Weltkrieg noch gentlemanlike geführt wurde, sofern man die gleiche Hautfarbe hatte:

"Eines Tages lief zwischen den Linien ein Karnickel. Von jeder Seite wurde auf das Karnickel gezeigt und dann geschossen. Die Engländer waren dichter dran und trafen. Dann verständigte man sich, nicht zu schießen. Ein Engländer lief hin. ihm wurde nichts getan. Er hat dann das Kaninchen hochgehalten. Das war ein Kameradschaftsgefühl auch gegenüber den Engländern. In der Somme-Schlacht haben die - wir lagen ja nur ein paar Meter entfernt - eine Pickelhaube hochgehalten und immer, wenn wir die Pickelhaube abschossen, legten die Franzosen an einem neutralen Brunnen die Preise - Weißbrot zum Beispiel - ab. Und wir hatten auch irgendeinen Preis. Kaum zu glauben, aber so war unser Pickelhauben-Preis Schießen." Hermann Baass

Verblüffend ist die Präzision, mit der die Veteranen die technische Seite des Krieges beschreiben: die Form der Schützengräben, die Ausrüstung von Fuß- und Feldartillerie, die Aufklärung durch Fotos vom Flugzeug aus, die Arbeit der Pioniere und Mineure, den Einsatz von Gas und Flammenwerfern. Das geht über den bloßen Erinnerungswert hinaus und bietet auch der Geschichtsschreibung Material.

Es ist überaus verdienstvoll, dass Wolf-Rüdiger Osburg die Veteranen des Weltkriegs zum Sprechen gebracht hat. Man mag sich heute fragen, was all diese Erlebnisse aus den Menschen gemacht haben, die sie offenbar ihr Leben lang nicht vergessen konnten. Warum haben sie darüber so lange geschwiegen? Die Antwort fast aller Befragten ist nüchtern, englische und französische Soldaten hätten sie genau so geben können:

"Ich lebte mein Leben, versuchte viel Schönes zu finden und Gutes zu sehen." Willi Marquardt

Wolf-Rüdiger Osburg: Hineingeworfen. Der Erste Weltkrieg in den Erinnerungen seiner Teilnehmer
Osburg Verlag 2009
Cover: "Wolf-Rüdiger Osburg: Hinein geworfen"
Cover: "Wolf-Rüdiger Osburg: Hineingeworfen"© Osburg Verlag