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Literatur / Archiv | Beitrag vom 21.06.2015

Schmerz und KreativitätKopfattacken

Von Carola Wiemers

Der Philosoph Friedrich Nietzsche (picture-alliance / Zentralbild )
Der Philosoph Friedrich Nietzsche (picture-alliance / Zentralbild )

Als Quelle unkontrollierbarer Ideenproduktion schätzt und fürchtet man ihn bis heute: Für Immanuel Kant war der Schmerz der "Stachel aller Tätigkeiten", für den Migräniker Friedrich Nietzsche sogar ein "Befreier des Geistes".

Schmerz entsteht im Gehirn. Ein Reiz wird von dem betroffenen Körperteil über Nervenfasern an das Rückenmark zum Gehirn weitergeleitet. In der Großhirnrinde wird das Signal analysiert: Es tut weh. Die Gründe für ein Schmerzempfinden sind oft rätselhaft. Während die Schulmedizin nach organischen Ursachen sucht, ist der Psychosomatiker Georg Groddeck davon überzeugt, dass jeder Schmerz, jede Krankheit auch eine „Rückkehr in die Kindheit" bedeutet.

In den "Psychoanalytischen Briefen an eine Freundin", dem "Buch vom Es", schreibt Groddeck 1923:

"Wie werden Ihnen die Augen aufgehen, wenn Sie gelernt haben, die Brücke zwischen der Gegenwart und der Kindheit zu schlagen, wenn Sie begriffen haben, dass wir Kinder sind und bleiben und dass wir verdrängen, unablässig verdrängen. Und dass wir, gerade weil wir verdrängen und nicht vernichten, gezwungen sind, bestimmte Lebenserscheinungen immer von neuem herbeizuführen."

Spezialisierung in der Moderne

Die kulturelle Interpretation des Schmerzes, auch die des Kopfschmerzes und der Migräne, hat eine lange Geschichte. Grundlegend ändert sie sich um 1900. Die moderne Medizin ist erstmals fähig, den Schmerz mit Medikamenten zu bekämpfen und zu sedieren. Bei Künstlern und Intellektuellen avanciert er zur selben Zeit zum Generalthema. Sie thematisieren den Schmerz, insbesondere den ihre Produktivität störenden Schmerz des Kopfes. Es entsteht ein umfassender Schmerz-Diskurs. Dabei denken Mediziner und Künstler gemeinsam über den Schmerz nach, denn durch die Spezialisierung in der Moderne droht der Zusammenhang allen menschlichen Wissens verloren zu gehen.

So ist der Chirurg und Kunstkenner Theodor Billroth davon überzeugt: Wissenschaft und Kunst schöpfen aus einer Quelle. Der Physiologe Ernst Brücke konstatiert:

Leonardo da Vinci (1452 - 1519) auf einem undatierten Gemälde.Leonardo da Vinci (1452 - 1519) auf einem undatierten Gemälde.

"Leonardo da Vinci verfügte über den ganzen Schatz der Kenntnisse seiner Zeit; er wusste alles aus der Geometrie, Mechanik, Physik, Physiologie und Anatomie, was auf seine Kunst Bezug hatte. Heutzutage ist ein solches Wissen unmöglich bei der Entwicklung, welche die Disziplinen erlangt haben."

Philosophie der Resignation

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud leidet vor allem in den mittleren Lebensjahren an schwerer Migräne. Anfangs sieht er in ihr ein Symptom der Verdrängung, eine neurotische Beschwerde. Um sich selbst möglichst genau und intensiv analysieren zu können, lehnt Freud eine Medikation durch Tabletten ab. Im Gegenzug entwickelt er eine Philosophie der Resignation, um den Schmerz ohne Klage akzeptieren zu können. Bei "Mittelelend" vermag Freud am besten zu arbeiten und betont Stefan Zweig gegenüber:

"Ich ziehe es vor, bei Qualen klar zu denken und lieber zu leiden."

Um seinen schmerzenden Kopf zu schützen, trägt Richard Wagner selbst in geschlossenen Räumen stets eine Kopfbedeckung. Das Tragen einer Mütze gegen Kälte oder Hitze gilt als probates Mittel, um Kopfattacken vorzubeugen. Der Schwester und Leidensgefährtin Cäcilie Avenarius schreibt Wagner 1844:

"Dir brummt der Kopf, Du kannst Dich nicht zurecht finden, bist wie im Traume und alles flimmert Dir vor den Augen? Ganz recht, das kennen wir aus Erfahrung sehr gut."

Die Kopfattacken waren für Wagner Behinderung, aber auch Inspiration. Im September 1856 beginnt er mit der "Siegfried"-Komposition, bricht ein Jahr später, mitten im 2. Akt, die Arbeit ab und nimmt sie erst 1864 wieder auf.

Gustav Mahler leidet lebenslang an Migräne, quälenden Darmbeschwerden und chronischen Mandelentzündungen. Gestorben ist er 1911 an einer Endokarditis, einer durch Bakterien hervorgerufenen Herzentzündung, die zu spät diagnostiziert wurde. Trotz erheblicher Einschränkungen, die diese Krankheiten verursachen, absolviert er ein unglaubliches Arbeitspensum: Mahler steht bei ca. 250 Aufführungen im Jahr selbst am Dirigentenpult, reformiert als Operndirektor in Wien das Musiktheater und hat der Musik mit seinen Kompositionen neue Wege eröffnet.

Undatierte Aufnahme des österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler (1860-1911) (picture-alliance / dpa)Undatierte Aufnahme des österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler (1860-1911) (picture-alliance / dpa)

In einem Brief vom 11. Juli 1904 an seine Frau Alma Mahler, mit der er seit 1902 verheiratet ist, beschreibt er den radikalen Wechsel seiner physischen Konstitution.

Der 1883 in Prag geborene Schriftsteller Franz Kafka erkrankt im Alter von 34 Jahren an Lungentuberkulose. In einem Brief erklärt er der Freundin Milena Jesenská, einer tschechischen Journalistin und Übersetzerin:

"Es war so, dass das Gehirn die ihm auferlegten Sorgen und Schmerzen nicht mehr ertragen konnte. Es sagte: 'Ich gebe es auf; ist hier aber noch jemand, dem an der Erhaltung des Ganzen etwas liegt, dann möge er mir etwas von meiner Last abnehmen.' [...]. Da meldete sich die Lunge, viel zu verlieren hatte sie ja wohl nicht."

Lob für die prägnanten Beschreibungen Kafkas

Der Bundesverband der Clusterkopfschmerz-Selbsthilfegruppen lobt die prägnanten Beschreibungen Franz Kafkas, da er für diese seltene Form des Kopfschmerzes aussagekräftige Bilder finde: Der "hochschießende Schmerz" über der Nasenwurzel, der "scharfe Druck" in der Stirnfalte oder die "Folter", als würden „dünne Scheiben aus meinem Gehirn" geschnitten, lassen die Dimension des Leidens erahnen. 
Undatiertes Porträt des österreichischen Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)Undatiertes Porträt des österreichischen Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)
Kafkas Tagebücher werden von den Betroffenen wie ein "medizinischer Bericht" gelesen. Das macht den Schriftsteller nicht nur zu einem Vermittler zwischen den Leidenden, sondern auch zwischen Kranken und Gesunden.
Das Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat
Mehr zum Thema:

Motor der Seele - Im Schmerz können wir wachsen
(Deutschlandradio Kultur, Sonntagmorgen, 12.04.2015)

Gesellschaftsphänomen - Schmerz als Leidenschaft der Seele
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 13.03.2015)

Literatur

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