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Echtzeit | Beitrag vom 19.10.2019

Schamhaarfrisuren für MännerSchön gestylt im Intimbereich

Von Matthias Finger

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Drei Manner in Boxershorts stehen nebeneinander. (imago images / Photocase)
Vieles ist möglich: Alles weg, Landing Strip, Dreieck, erklärt Denise, Mitarbeiterin eines Berliner Waxing Studios. (imago images / Photocase)

Die Trends sind gegenläufig: Während Männer im Gesicht das Haar zurzeit gerne wuchern lassen, ist in ihren Hosen eher das Gegenteil angesagt. Sogar Forscher untersuchen, warum kurze Intimfrisuren oder gar völliger Kahlschlag so beliebt sind.

"Dass man eher auch auf eine gewisse Männlichkeit achtet, die vielleicht verbunden ist mit einem bestimmten Haarwuchs - wobei kein Wildwuchs zu beobachten ist - aber so leicht getrimmt, gestutzt. Aber man steht auch zur Behaarung und zeigt die völlig ungeniert",  hat mein Kollege Thomas, ein bekennender Körperenthaarer, bei Besuchen im Fitnessstudio festgestellt: Neben der immer noch beliebten Genitalglatze zeigen sich Männer in Zeiten der gelebten Nachhaltigkeit gern im dezenten Naturlook, voll öko. Als Highlight bieten sich auch ins Schamhaar gefräste Intimfrisuren an - wie Briefmarke, Querbalken oder "Pfeil nach unten".

Passt das zum allgemeinen Optimierungsdruck, von dem man oft hört heutzutage?

"Auf jeden Fall Optimierungsdruck: Schöne Klamotten, gepflegtes Äußeres, Körperbewusstsein, gestählter Körper und damit auch das Trimmen des Haars unterm Arm. Und irgendwann setzt sich das auch am ganzen Körper fort", sagt Thomas.

Zu viel Fell war auf Dauer störend

Vor ein paar Millionen Jahren hatten wir noch am ganzen Körper so einen Pelz - als wir auf Bäumen lebten. Doch als der Mensch anfing, längere Strecke zu laufen, störte das Haar bei der Verdunstung des Schweißes - und entwickelte sich zurück. Geblieben ist: das Schamhaar.

Der Körpersoziologe Elmar Brähler von der Uni Leipzig: "Es gab Phasen in der Antike bei Römern und bei Griechen. Wenn sie sich Statuen anschauen: Dort hat man die Schamhaare mit Muscheln entfernt. Und dann gibt es noch kulturelle Unterschiede: Dass etwa in der islamischen Kultur fast flächendeckend Schamhaar entfernt wird."

Der Prophet Mohammed empfiehlt es, allerdings nicht im Koran. Und bei uns kam die Komplettenthaarung unten rum erst um die Jahrtausendwende in Mode:  "Schönheit wird genannt. Bessere Hygiene wird genannt. Und: besserer Sex", erklärt Elmar Brähler. "Ein wichtiger Zeitpunkt war, als zum ersten Mal eine völlig nackte Frau im Intimbereich gezeigt wurde im Playboy. Das war 2002."

Brasilian Waxing ohne Brasilianer

Bei den Männern setzt die rasurtechnische Bearbeitung des Schambereichs verzögert, aber nachhaltig ein: Eine Intimfrisur lässt das Genital größer scheinen. Intimfriseure jedoch reden ungern über ihr Geschäft.

Bei Denise von der Waxing Company Berlin hingegen habe ich mehr Glück:

- "Kommen denn viele Männer zu euch?"
- "Ich mach das jetzt seit fünf Jahren und jetzt können wir schon behaupten, dass 40 Prozent der Kunden Männer sind."
- "Was gibt es da für Möglichkeiten? Was kann ich machen lassen?"
- "Entweder alles weg oder einen Landing Strip, ein Dreieck. Also die meisten machen das, weil die Frauen die irgendwie dazu bringen."

Landing Strip bedeutet Landebahn: Ein schmaler Schamhaarstreifen zieht sich Richtung Bauchnabel.

Kleiner Test auf dem Handrücken

Denise kommt aus Brasilien. Dort gehen übrigens nur die Frauen ins Waxingstudio.

Aus einem kleinen Ofen nimmt Denis flüssiges Wachs und schmiert es auf meinen Handrücken: 

- "Schön warm, so klebrig wie Honig?"
- "Genau."
- "Sagst du vorher, wenn du es abmachst? Oder musst du das überraschend machen?"
- "Wir sagen es nicht. Dann verkrampft man sich."

Ratsch!

- "War jetzt gar nicht so schlimm. Hat ein bisschen geziept, war aber nicht so mega."
- "Also man hört hier mehr die Stimmen von Männern als von Frauen. Die schreien schon ein bisschen mehr."

Schamhaar hat ursprüngliche Aufgabe verloren

Auch zwischen den Pobacken wird mittlerweile gewachst – alle vier Wochen. Männer hoffen so auf bessere Chancen bei der Partnerwahl - und auf eine optimale Weitergabe von Erbgut, könnte eine biologistische These lauten. Leider scheint der Aufwand nicht bei allen zu wirken.

"Wir haben festgestellt, dass es eine relevant große Gruppe zwischen 16- und 30-Jährigen gibt, die sexuell nicht mehr aktiv sind. Das deckt sich mit vielen amerikanischen Untersuchungen", erklärt Professor Elmar Brehler.

Eine eindeutige Haltung der Wissenschaft für oder gegen die Schamhaarrasur gibt es übrigens nicht. Ihre ursprüngliche Aufgabe haben die Haare im Schritt jedenfalls verloren: die Verbreitung von sexuellen Lockstoffen. Geruch im Schritt ist in unserer pieksauberen Welt nun aber gar nicht mehr angesagt.

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