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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.09.2012

Schäuble "wird weitermachen, bis es wirklich nicht mehr geht"

Der Finanzminister folgt seinem Pflichtgefühl und hasst Illoyalität, sagt sein Biograf

Hans Peter Schütz im Gespräch mit Dieter Kassel

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wird heute 70 Jahre alt.  (AP)
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wird heute 70 Jahre alt. (AP)

Er hätte nicht erwartet, dass Wolfgang Schäuble nach dem Attentat von 1990 seine politische Karriere fortsetzen würde, sagt sein Biograf Hans Peter Schütz. Aber der Badener könne ohne Politik nicht leben und stehe seiner Partei weiterhin zur Verfügung.

Dieter Kassel: Als am 12. Oktober 1990 am Ende einer Wahlkampfveranstaltung in der kleinen badischen Gemeinde Oppenau ein geistig verwirrter Mann auf den CDU-Politiker Wolfgang Schäuble schoss und diesen lebensgefährlich verletzte, da war der Journalist Hans Peter Schütz nur wenige Meter entfernt. Das war kein Zufall, denn Schütz hatte schon seit den 70er-Jahren regelmäßig über Schäuble und dessen Karriere berichtet. Zuerst in Baden-Württemberg und dann, die Bundespolitik betrachtend, für den "Stern", für den hat er von Bonn und Hamburg und Berlin aus auf die Politik geguckt, und das tut er für Stern.de auch heute noch.

Jetzt hat Schütz ein Buch geschrieben über Wolfgang Schäuble. Das Buch trägt den Titel "Wolfgang Schäuble. Zwei Leben". Und Hans Peter Schütz ist deshalb jetzt bei uns ins Studio gekommen. Schönen guten Tag, Herr Schütz!

Hans Peter Schütz: Guten Tag!

Kassel: Blicken wir doch auf diesen Tag vor 22 Jahren noch mal ganz kurz zurück, weil Sie ja doch mit dabei waren in diesem Lokal, als es, als Schäuble das Lokal verlassen wollte, passiert ist! Wie haben Sie diesen Moment in Erinnerung?

Schütz: Also, es ist im Rückblick auf mein journalistisches Leben sicherlich einer der schwersten Momente gewesen. Ich war dort, weil wir für den "Stern" ein Porträt machen wollten von Wolfgang Schäuble. Und ich hatte einen Fotografen dabei und der Fotograf war so geschockt, dass er nicht fotografierte, als der Schäuble da niedergeschossen auf dem Boden lag. Und ich musste ihn sozusagen anhalten und dringend bitten, nun fotografier doch mal! Das war natürlich nicht sehr im Sinne der Menschen, die um uns herumstanden, die alle gedacht haben, was sind das nur für Leute, die nehmen keine Rücksicht auf einen fast toten Mann und fotografieren und stellen Fragen und so. Das war eine sehr schwierige Situation.

Kassel: Als dann natürlich später erst klar wurde, wie schwer Schäuble verletzt war und welche Folgen diese Verletzungen haben würden, haben Sie damals daran geglaubt, dass dieser Mann seine politische Karriere fortsetzen würde?

Schütz: Also, ich hatte das nie gedacht, dass das möglich sein würde. Wolfgang Schäuble hat das auch zunächst so angesehen und hat gedacht, das wird wahrscheinlich nichts mehr. Aber zu meiner großen Überraschung hat er schon wenige Wochen nach dem Attentat, war er ganz wild entschlossen förmlich, das zu meistern.

Er war immer ein sehr sportlicher Typ und hat dann den Rollstuhl sozusagen auch als sportliche Herausforderung angenommen. Er wohnte damals in einem Haus am Hang mit über vier Stockwerke hinweg und musste den Lift benutzen, um nach unten in sein Arbeitszimmer zu kommen, und dabei ist er einmal umgestürzt, hat er mir erzählt. Und das hat ihn so geärgert, dass er Wut geheult habe, sagt er, dass er das nicht könne, sich wieder selbst aufzurichten, wie es andere Rollstuhlfahrer teilweise können.

Also, er war schon bald sehr entschlossen, das zu machen, während, seine Frau hat viel länger gebraucht, um sich mit der neuen Situation zu arrangieren und zu akzeptieren, dass er seine Karriere als Politiker fortsetzen wolle. Es war ja so, dass sie, schon als die beiden geheiratet haben, eigentlich keinen Politiker heiraten wollte. Sie hätte lieber einen Amtsgerichtsrat oder einen dergleichen ruhigen Beamtenberuf als Ehemann genommen. Das war nichts, denn er sagte damals, ach, in meiner politischen Karriere, das wird sowieso nichts, ich kandidiere jetzt halt, meine Partei hat mich gebeten, eben! Dann wurde er gleich mit über 50 Prozent gewählt und damit hat sich der Lebenstraum von Frau Schäuble nicht erfüllt.

Kassel: Was hat eigentlich Wolfgang Schäuble dazu gesagt, dass Sie so doch sehr persönliche Gespräche mit seiner Ehefrau geführt haben? Das ist ja auch wirklich in Interviewform abgedruckt.

Schütz: Also, ich glaube, es gab keine Absprache zwischen seiner Frau und ihm. Er hat dann immer so Scherze gemacht, na, was hat Ihnen meine Frau jetzt denn wieder alles erzählt? Aber man muss auch einfach sehen, dass Ingeborg Schäuble eine außerordentlich selbstständige, souveräne Frau ist, die sich mit Sicherheit nicht vorschreiben lassen würde, was sie sagt und was sie denkt. Und das hat sie auch mehrfach im Rahmen der politischen Karriere von Wolfgang Schäuble getan. Sie war zum Beispiel strikt dagegen, dass er sich bereithielt 1994, möglicherweise Bundespräsident zu werden. Als es dann, sich die Sache zerschlagen hatte, dann haben sie fröhlich gemeinsam ein Fläschchen Wein geleert und haben auf die neue Zeit angestoßen ohne Präsidentschaft.

Kassel: Auf diese beiden - ich nenne das jetzt mal verkürzt - verpassten Gelegenheiten, also die Gelegenheit, Bundespräsident zu werden oder zumindest aufgestellt zu werden als Kandidat, und Kanzlerkandidat zu werden, möchte ich später noch zurückkommen. Wir reden heute Vormittag im Deutschlandradio Kultur mit dem Journalisten Hans Peter Schütz, Autor des Buches "Wolfgang Schäuble. Zwei Leben", über den CDU-Politiker, der übrigens - auch deshalb unter anderem ist das Buch erschienen - heute 70 Jahre alt wird.

Es gibt diesen Satz, "Warum habt ihr mich nicht sterben lassen". Das ist ein Satz, den man erklären muss, weil er diesen Satz wohl gesagt hat, nachdem er wieder wach geworden ist, nach dem Attentat. Er selber sagt aber, er kann sich nicht daran erinnern. Und das kann ja auch gut sein, das war eine Schocksituation, es gab ein Koma. Aber wenn wir jetzt beide mal - und ich glaube, Sie tun das ja auch in Ihrem Buch - davon ausgehen, dass er diesen Satz gesagt hat, was sagt das auch heute noch, 22 Jahre später, darüber, wie schlimm ihn das doch alles getroffen hat?

Schütz: Nein, Wolfgang Schäuble klagt nie über sein Schicksal in dieser Art und Weise. Ich glaube auch, dass sein Selbstbewusstsein durch die zweite Hälfte seines Lebens sich wieder sehr, sehr aufgebaut hat, und er ist auch fest davon überzeugt, dass er letztlich der erfolgreichere Politiker war als Helmut Kohl, der ihm in seiner ersten Lebenshälfte sehr nahegestanden hat. Es gibt vielleicht einen Punkt, weshalb er nicht Bundeskanzler geworden ist, würde ich sagen, der besteht darin: Er war nicht egomanisch machtkonzentriert, wie es beispielsweise Helmut Kohl war oder wie man es auch Angela Merkel nachsagen kann, das war nicht sein absolutes Lebensziel, dem er alles andere untergeordnet hätte. Sondern er hat immer versucht, noch andere Interessen zu haben in seinem Leben. Und er war auch dann nicht machtbrutal genug, würde ich sagen.

Kassel: Wie sehr, heute, wo er nun 70 wird, nimmt es ihn doch mit, dass diese beiden Wünsche - er hat die Wünsche ja gehabt, das hat er denn doch ab und zu mal zugegeben - nicht erfüllt wurden? Er wurde nie als Kanzlerkandidat aufgestellt, er wurde am Ende sehr knapp und für manche überraschend auch nicht als Kandidat für das Amt des Bundespräsident aufgestellt. Wie sehr wurmt ihn das doch?

Schütz: Also, die Sache mit Helmut Kohl und dass der ihn 1997, 1998 sozusagen ausmanövriert hat auf eine ziemlich, wie er findet, ziemlich üble Weise, er hat ihn nämlich zum Kronprinzen ernannt dort kurz vorher, um dann sagen zu können, dann bestimme ich auch, wann du mir nachfolgst, und er hat dann nur wenige Tage später erklärt, dass er 1998 noch einmal als Bundeskanzler kandidierte. Und dann war für Schäuble klar, das wird jetzt nichts mehr. Also, obwohl ja viele in der CDU sich dafür ausgesprochen hatten, Helmut Kohl nicht noch einmal antreten zu lassen, weil, die waren überzeugt davon, dass man mit Helmut Kohl diese Wahl nicht gewinnen kann.

Es kam ja dann auch so, aber für Schäuble, das war eine Situation, mit der er sich nicht abfinden wollte. Die Sache mit der Bundespräsidentschaft, das war ein sehr trickreiches, ich finde, auch eiskaltes Spiel von Angela Merkel. Sie hat ihn gefragt, willst du das machen, bist du interessiert daran, Bundespräsident zu werden, und dann hat er gesagt, eigentlich bin ich nicht sehr erpicht darauf, aber wenn ein deutscher Bundesbürger gefragt wird, ob er Bundespräsident werden möchte, dann kann er nicht Nein sagen.

Und insoweit hat er dann eher zugestimmt, hat aber viel zu spät bemerkt, dass sie ihn gar nicht wollte, sondern schon rechtzeitig und viele Wochen vorher die Fäden zu Herrn Köhler spann, der dann auch Bundespräsident geworden ist. Schäuble lässt heute seinen Ärger über diese Entscheidung nicht mehr erkennen. Klar, die Angela Merkel spielt jetzt eine sehr wichtige Rolle in seinem Leben und wenn er etwas hasst in der Politik, dann ist es Illoyalität.

Und dieser Pflicht genügt er jetzt auch. Aber er hat es natürlich nicht vergessen. Es war so, als ich bei der Niederschrift des Buches mit ihm noch mal über diese Frage gesprochen habe, da konnte er sich sozusagen an die Zeit und jene Tage und die Entscheidung, dass er nicht Bundespräsident wird, kaum noch erinnern. Ich hatte aber zuvor auch mit dem CDU-Abgeordneten Strobl gesprochen, der ist sein Schwiegersohn und der war bei einem Teil dieser Gespräche dabei, der konnte sich noch sehr gut erinnern. Das hat den Wolfgang Schäuble sehr, sehr hart getroffen, dass er da so, ich sage mal, ausmanövriert worden ist von Angela Merkel.

Kassel: Er ist inzwischen der Politiker, der so lange im Deutschen Bundestag ohne Unterbrechung - also, ohne Unterbrechung in einer Legislaturperiode, es gab natürlich eine durch die Krankheit - im Bundestag sitzt wie kein anderer, und in Ihrem Buch sagen mehrere Leute - Sie sagen das auch, aber sein Bruder sagt das zum Beispiel und andere -, na ja, aber dennoch, er hat ja so viel andere Interessen, Kunst, Kultur, Sport natürlich, mit großen Einschränkungen inzwischen, der kann auch ohne Politik sehr glücklich werden. Glauben Sie das?

Schütz: Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass Wolfgang Schäuble sich ein Leben ohne Politik auch nur vorgestellt hat, nur ganz vage. Er hat zwar jetzt in diesen letzten Monaten zunächst mal immer geleugnet oder wollte nicht Stellung nehmen, ob er weitermacht oder ob er nicht weitermacht, aber meiner Meinung nach war er fest entschlossen. Und er hat mir es auch schon vor einigen Monaten mehr oder weniger bestätigt, dass er weiterhin zur Verfügung steht und wieder antreten wird. Ich glaube, er könnte ohne nicht leben. Er wird nicht zurücktreten, er wird weitermachen, bis es wirklich nicht mehr geht.

Kassel: "Wolfgang Schäuble. Zwei Leben" heißt das Buch von Hans Peter Schütz. Erschienen ist es bei Droemer, rechtzeitig vor dem Geburtstag des jetzigen - das haben wir kein einziges Mal erwähnt! -, jetzigen Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble. Und ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, Herr Schütz!

Schütz: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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