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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 30.12.2011

"Schämt euch!"

Eine Litanei zum Jahresende

Von Florian Felix Weyh

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Demonstranten sitzen während einer Kundgebung vor der EZB in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Demonstranten sitzen während einer Kundgebung vor der EZB in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

2011 war das Jahr der Empörung. Die Deutschen sind auf die Straßen gegangen. Gegen Atomkraft, gegen Banken, gegen einen Bahnhof und überhaupt gegen Ungerechtigkeit. "Schämt euch!" empfiehlt der Publizist Florian Felix Weyh den Empörten. Das Politische Feuilleton: eine Litanei zum Jahresende.

Schämt Euch. Schämt Euch, dass Ihr zum Arzt geht, wenn Ihr Halsweh habt, statt Euch einfach ins Bett zu legen und abzuwarten. Schämt Euch, auf die faulen Südländer zu schimpfen, während Ihr selbst mit 62 in Vorruhestand geht.

Schämt Euch, dass Ihr bei Discountern kauft, die Verkäuferinnen wie Sklaven behandeln. Schämt Euch, Euer Geld in Steuersparmodellen zu versenken, deren Verluste euch lieber sind, als das Geld dem Staat zu gönnen. Schämt Euch, billige Bücher zu fordern, während die Autoren weniger als Putzfrauen verdienen. Schämt Euch, Eure Putzfrau schwarz zu beschäftigen. Schämt Euch, die Rundfunkgebühren nicht zu bezahlen.

Schämt Euch, immer größere Autos zu kaufen und den Mineralölkonzernen vorzuwerfen, dass Eure Tankrechnungen steigen. Schämt Euch, auf Parteien zu schimpfen, während Ihr in der Zeitung jeden politischen Artikel überblättert. Schämt Euch, Zeitungen zu lesen, die Eurer Empörung recht geben, nur um ihre Auflage zu steigern.

Schämt Euch, für eigennützige Tarifabschlüsse zu streiken, während andere Menschen unter Eurem Nichtstun leiden. Schämt Euch, Quoten für etwas zu fordern, wo Ihr Nutznießer der Quoten seid. Schämt Euch, gegen Bauprojekte zu protestieren, deren Ausmaß Ihr hättet mitbestimmen können.

Schämt Euch, die Verlegung von Einflugschneisen zu fordern, damit Nachbargemeinden darunter leiden. Schämt Euch überhaupt, das Flugzeug zu benutzen, nachdem Ihr gegen Fluglärm protestiert habt. Schämt Euch, dass Ihr Wutbürger seid und keine Bürger mehr. Schämt Euch, Euer Geld durch Banken vermehren zu lassen und ihnen anschließend genau das vorzuwerfen. Schämt Euch jeder Versicherung, die Ihr abschließt, weil Ihr selbst kein Risiko tragen wollt.

Schämt Euch des Gedankens, man müsse bei Versicherungen "auch mal was rausbekommen". Schämt Euch, Rechnungen erst nach der zweiten Mahnung zu bezahlen, weil Ihr hofft, dass sie bis dahin vergessen sind. Schämt Euch, gegen Atomkraft und gegen Windräder zu sein. Schämt Euch, dass Ihr nicht zur Wahl geht. Schämt Euch, dass Ihr, wenn Ihr zur Wahl geht, auch solche Parteien wählt, die sich Ihrer Vergangenheit nicht schämen.

Schämt Euch, dass jeder Äußerung von Euch mit dem Wort "Ich" beginnt. Schämt Euch, dass Ihr Solidarität fordert, aber damit immer Leistungen anderer meint. Schämt Euch, euren Neid als Gemeinsinn auszugeben. Schämt Euch, überall das Wort Kultur aufzukleben, weil Ihr glaubt, damit Subventionsansprüche rechtfertigen zu können. Schämt Euch, Subventionen als etwas Gottgegebenes zu betrachten. Schämt Euch, dass Ihr versucht, für jeden Handgriff im Leben einen Lohn zu erhalten.

Schämt Euch, ein Auto zu fahren, für dessen Vorgängermodell Ihr eine Abwrackprämie kassiert habt. Schämt Euch für den Satz "Ich habe ein Recht darauf, dass es mir gut geht", weil er einschließt, dass es anderen schlechter geht. Schämt Euch, die Kirche als kostenloses Serviceunternehmen anzusehen, das Ihr nicht bezahlen müsst. Schämt Euch, das Ende von "Wetten, dass ... ?" für wichtiger zu halten als das Ende unserer Ölreserven. Schämt Euch, dumme Sätze und peinliche Fotos im Internet zu posten und auf den Schutz der Privatsphäre zu pochen, wenn Euch dann jemand verhöhnt. Schämt Euch, Anwälte Geld mit Abmahnungen verdienen zu lassen. Schämt Euch, auf Rechtspositionen zu beharren, wenn das Recht nur dem Stärkeren und nicht dem Ausgleich dient.

Schämt Euch Eurer Opferlitaneien, Eurer Selbstbezogenheit und des Glaubens, es gäbe die da oben und Euch da unten. Schämt Euch, dass Ihr den Blick in den Spiegel vermeidet, um nicht zu sehen, gegen wen Ihr Euch wirklich empören müsstet. Schämt Euch.

Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, Schriftsteller, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay; seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für das Deutschlandradio. Sein Buch "Toggle" (2011) ist im Galiani Verlag erschienen. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind auf www.weyh.info zu finden.

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