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Fazit | Beitrag vom 04.01.2020

Satire-Lied des WDRWenn der "Hühnerstall" zum Politikum wird

Stefan Koldehoff im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Polizisten schützen Demonstranten gegen den WDR bei den Protesten gegen das von einem Kinderchor gesungene Satire-Lied "Meine Oma ist ne alte Umweltsau" von WDR2 am WDR-Gebäude in der Breite Straße in Köln. (C. Hardt / Future Image/ imago images)
Polizeiaufgebot wegen eines Liedes: Etwa 30 Personen demonstrierten vor dem WDR-Gebäude in Köln gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – begleitet von rund 1000 Gegendemonstranten. (C. Hardt / Future Image/ imago images)

In Köln und Baden-Baden demonstrierten Hunderte für und gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Grund ist die "Hühnerstall"-Satire des WDR. Nach der Entschuldigung des WDR-Intendanten Buhrow geht es auch um das Selbstverständnis der Anstalten.

Die Auseinandersetzung um die "Hühnerstall"-Satire des WDR geht weiter. Mittlerweile geht es auch um das Selbstverständnis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und um den Umgang mit rechts stehenden Fundamentalkritikern, die sich in den sozialen Medien organisieren. Bekanntlich ein Ort, an dem Debatten gerne mal von einigen wenigen Accounts vorangetrieben werden.

Dabei geht es auch um die Rolle des WDR-Intendanten Tom Buhrow, der sich nach seiner öffentlichen Entschuldigung für das Lied auf Gegenwind im eigenen Haus einstellen muss. Nächste Woche muss er sich der Redakteursvertretung stellen, die ihm vorwirft, sich einem "offenbar von Rechtsextremen orchestrierten Shitstorm" gebeugt zu haben.

Breites Bündnis solidarisierte sich mit Journalisten

Vor diesem Hintergrund gab es am Samstag gleich zwei Demonstrationen: Eine in Baden-Baden vor dem SWR, wo der Freiburger AfD-Politiker Dubravko Mandic den Journalisten des Senders drohte, und eine in Köln, wo einigen Dutzend Gegnern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks 1000 Gegendemonstrantinnen, die sich für Pressefreiheit einsetzten, gegenüberstanden. 

Der Journalist Stefan Koldehoff, der als Bürger an der Demonstration in Köln teilgenommen hat, berichtet von einer ziemlichen Vielfalt an gesellschaftlichen Gruppen, die sich mit den angefeindeten Journalistinnen solidarisiert hätten: Gewerkschaften, Journalistenverbände, Seniorengruppen, Jusos, Grüne, aber auch Autonome und Marxisten sowie viele nicht-organisierte Bürgerinnen waren dabei.

Eine Seniorin hält ein Plakat mit der Aufschrift: WDR - keinen Euro mehr. Die Oma. (C. Hardt / Future Image / imago)Auch Seniorengruppen haben sich mit den WDR-Journalisten solidarisiert. Diese "Oma" allerdings nicht. Sie will dem WDR keinen Euro mehr zukommen lassen. (C. Hardt / Future Image / imago)

Von den zwei bis drei Dutzend Demonstrantinnen, die gegen den WDR protestiert haben, sei "so gut wie überhaupt nichts über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesagt" worden, so Koldehoff. Vielmehr hätten die Teilnehmer wie eine Selbsthilfegruppe gewirkt:

So habe der AfD-Politiker Gottschalk das Kundgebungsmikrofon an die Demonstranten weitergereicht. Diese hätten dann erzählt, wie schlecht sie behandelt worden und welchen Angriffen sie ausgesetzt gewesen seien. Von einer politischen Aussage habe er so gut wie nichts mitbekommen, sagt Koldehoff.

Ist die Entschuldigung von Tom Buhrow gerechtfertigt?

Wenn rund 30 Demonstranten 1000 Gegendemonstrantinnen gegenüberstehen, stelle sich auf der Meta-Ebene natürlich die Frage, so Koldehoff, ob der von einer so kleinen Gruppe organisierte Protest gegen das Satire-Lied wirklich eine Entschuldigung durch den Intendanten Tom Buhrow rechtfertigt.

"War man sich beim WDR tatsächlich der Konsequenzen bewusst, die das für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben würde? Das waren die eigentlichen Fragen, die der heutige Tag in Köln aufgeworfen hat."

Lehren für die Zukunft

Ferner sei interessant, "ob die Demonstranten andere Formen finden werden. Wir reden jetzt über Demonstrationen auf der Straße. Wir bekommen aber schon auch mit, dass das Ganze den politischen Raum erreicht. Wann bekommen diese einzelnen populistischen Aktionen, wie sie da heute stattgefunden haben, einen breiteren Resonanzraum, und wie wird man darauf reagieren – auch in den Rundfunkanstalten?"

Dies müsse nun genau beobachtet werden. Dabei müsse auch überlegt werden, wie man in Zukunft mit solchen Aktionen umgehen wolle.

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