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Frühkritik | Beitrag vom 30.11.2018

Sara Paretsky: "Kritische Masse"Das großartige Comeback einer Ermittlerin

Von Tobias Gohlis

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Cover von Sara Paretskys Buch "Kritische Masse". Im Hintergrund ist eine Nachtaufnahme von einer vielbefahrenen Straße in Chicago zu sehen. (ariadne / Unsplash / Jake Blucker)
"Kritische Masse": eine komplexe Story, die auch über 500 Seiten die Spannung hält. (ariadne / Unsplash / Jake Blucker)

Sie ist wahrscheinlich die bekannteste Privatdetektivin in der männlich dominierten Kriminalliteratur: V. I. Warshawski – erschaffen von Sara Paretsky in den 80ern. Nun liegt nach langem Warten ein neuer Krimi mit ihr auf Deutsch vor: "Kritische Masse".

Sara Paretsky. Das ist ein Name, der die Herzen der meisten Frauen und vieler Männer höher schlagen lässt. Die Amerikanerin Sara Paretsky war es nämlich, die dem männlich dominierten Bild des Privatdetektivs erstmals eine weibliche Figur gegenüberstellte. Ihre V. I. Warshawski – V steht für Victoria, I für Iphigenia, Warshawski ist Kürzel für die ganze Frau – ist tougher als Philip Marlowe. Sie kann nicht nur schießen und prügeln, sondern reflektiert die Welt aus der Perspektive einer Frau, die alles erlebt und gesehen hat.

Ein Panorama, das bis zum Weltkrieg zurückreicht

Mit Paretskys Debüt begann die Welle der "Frauenkrimis" zu rollen. Die Kriminalschriftstellerinnen organisierten sich auf ihre Initiative hin als "Sisters in Crime" und "Mörderische Schwestern". Seit 1982 hat Sara Paretsky alle zwei Jahre ein Buch geschrieben. Jetzt ist sie, endlich, nach einer Unterbrechung von mehreren Jahren, auch wieder auf Deutsch zu lesen. Ihr Roman "Kritische Masse" erscheint bei Ariadne, in jenem Verlag, der vor Dekaden in Deutschland den emanzipatorischen Frauenkrimi eingeführt hat.

"Kritische Masse" ist ein komplexes Buch. Auf gut 500 Seiten folgen wir Warshawski in Crackhäuser, in High-Tech-Labors und in die verrammelten Häuser traumatisierter Holocaust-Überlebender. Die Privatdetektivin sucht die drogensüchtige Patientin einer befreundeten Ärztin und ihren ebenfalls verschwundenen Sohn, ein Computergenie, das von seinem Arbeitgeber beschuldigt wird, geheime Daten geklaut zu haben.

Warshawskis Recherche in den Familienverhältnissen der beiden eröffnet ein historisches Panorama, das bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreicht. Denn die Großmutter der verschwundenen Junkiefrau war eine begnadete jüdisch-österreichische Physikerin, deren bahnbrechende Entdeckungen gestohlen wurden, als sie in einem Zwangsarbeitslager der Nazis drangsaliert wurde.

Ausbeutung, Gewalt und Menschenverachtung

Paretsky verknüpft die beiden Erzählstränge mit unnachahmlicher Eleganz. Obwohl man sich zwangsläufig eine Menge grausamer Geschichte vergegenwärtigen muss, lässt die Spannung nie nach. Dadurch wird eine Genealogie fortgesetzter Ausbeutung, Gewalt und Menschenverachtung plausibel, die von den Nazis über die Atomwaffenforschung der USA bis zur skrupellosen Bereicherung der modernen IT-Firmen reicht. "Kritische Masse" ist ein großartiges Comeback und steht zurecht auf Platz 1 der Krimibestenliste Dezember, diesmal mit zwei Titeln von männlichen und acht Titeln von weiblichen Autoren.

Sara Paretsky: "Kritische Masse"
Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski
Ariadne im Argument-Verlag
540 Seiten, 24 Euro

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