Samar Yazbek: „Gaza. Überlebensberichte aus einem zerstörten Land“

Durch die Hölle gegangen

06:47 Minuten
Das Buchcover von Samar Yazbeks "Gaza"
© Unionsverlag

Samar Yazbek

Übersetzt von Larissa Bender und Leonie Nückell

Gaza. Überlebensberichte aus einem zerstörten LandUnionsverlag, Zürich 2026

272 Seiten

24,00 Euro

Von Stephanie von Oppen |
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Mindestens 70.000 Tote und mehr als 170.000 Verletzte in Gaza. Hinter jeder Zahl steht ein Schicksal. Samar Yazbek hat drei Monate lang mit Überlebenden gesprochen. 27 oft erschütternde Berichte sind in ihrem Buch versammelt.
Es ist ein eindrückliches Bild, das Samar Yazbek in ihrer Einleitung zeichnet: Sie ist bei glühender Hitze zum Al Thumama Komplex unterwegs – einer Ansammlung von Häusern, die für die Teilnehmer der Fußballweltmeisterschaft in Katar gebaut wurden. Heute dient der Komplex als Rehabilitationszentrum für Schwerverletzte aus Gaza und deren Angehörige.
Yazbek sieht „schwarze Schatten“ auf sich zukommen, „sich seltsam bewegende Phantomwesen“. Dann erkennt sie die Schatten als Rollstühle, in denen Menschen mit fehlenden Gliedmaßen sitzen. Das erinnert sie an Bilder aus ihrer zerstörten Heimat Syrien: „das gleiche Erscheinungsbild der Opfer und das gleiche Stöhnen“.

Yazbek verbringt fast vier Monate mit Kriegsinvaliden

Bekannt wurde Samar Yazbek vor allem durch ihr dokumentarisches Buch über die Revolution in Syrien: „Schrei nach Freiheit“. Weil sie auf den Todeslisten des Assad-Regimes landete, floh sie mit ihrer Tochter nach Paris.
Als Yazbek zwischen März und Juni 2024 ihre Interviews in Doha führt, leben dort etwa 2500 Menschen. Und der Krieg in Gaza wird noch mehr als ein Jahr andauern. Sie verbringt fast vier Monate mit den Kriegsinvaliden, spricht immer wieder mit ihnen und gewinnt nach und nach ihr Vertrauen.
Yazbek hat vor allem mit Frauen, aber auch mit Männern, Kindern und Jugendlichen gesprochen. Die Befragten kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Lebensverhältnissen. Die einen arbeiteten auf einer Hühnerfarm, die anderen als Krankenschwestern oder Ärzte. Sie sind Lehrerinnen, Professoren, Buchhalter und Schüler. Sie haben in Appartements oder in Häusern mit Garten gelebt. Sie hatten gerade geheiratet, als der Krieg ausbrach, waren schwanger oder hatten bereits eine große Familie.

Alle haben Familienmitglieder verloren

Alle sind durch die Hölle gegangen, alle haben Familienmitglieder verloren, die eigenen Kinder, die Eltern. Finger, Hände, Füße, Arme, Beine und sogar innere Organe wurden ihnen von den Bomben und Drohnen abgerissen oder zerstört. Manche haben Stunden unter Trümmern ausgeharrt. Einer lag schon im Leichensack, als er sich im letzten Moment bemerkbar machen konnte. Diese Schwerverletzten haben es geschafft, zu überleben - unter unvorstellbaren Bedingungen. Manche beschreiben, wie die Maden in ihren schlecht versorgten Wunden gedeihen. 
Viele erzählen von den Flugblättern, mit denen die israelische Armee vor der nächsten Bombardierung warnt. Die erweisen sich als Makulatur – denn es wird ihnen viel zu wenig Zeit gegeben. Irgendwann wissen sie sowieso nicht mehr, wohin.
Nach so vielen Kriegen sei dieser wie „das Jüngste Gericht“ – mit aller Grausamkeit moderner Kriegsführung: Drohnen und sogenannte Quadkopter, die ferngesteuert Zivilisten verfolgen oder „Feuergürtel“, besonders massive Raketenangriffe.

Die Rolle der Hamas bleibt eine eigenartige Leerstelle

Es gibt Massaker sowie schwere Misshandlungen, auch Schwerverletzter, durch die israelische Armee. Die Hamas bleibt fast unerwähnt. Das ist eine eigenartige Leerstelle und es bleibt eine offene Frage wie die Interviewten die Rolle der Hamas sehen. Samar Yazbek betont, dass sie bewusst auf politische Fragen verzichtet habe – sie wollte ausschließlich subjektive Erfahrungen dokumentieren.
So erzählen die Menschen auch von ihren Lebensträumen. Ein Junge zum Beispiel denkt an seine Malstifte und an seine Bilder, die nun alle verbrannt sind, und hofft, dass er irgendwann wieder malen kann.
Diese Zeitzeugenberichte sind ohne Hass, ohne Wut, ohne Rachegelüste geschrieben. Es ist eher eine ungläubige Verzweiflung, die diesen Texten innewohnt. Die Menschen erinnern sich an gute Zeiten in Gaza, in ihrer Heimat.

Ein Buch über Menschlichkeit

„Gaza“ führt die Situation der Palästinenser in Israel vor Augen. Und ohne den Horror des 7. Oktober und die Brutalität der Hamas mindern zu wollen: Schwere Kriegsverbrechen der israelischen Armee werden offensichtlich.
Bei allem Schrecken ist dies jedoch vor allem ein Buch über die Menschlichkeit – über Menschen, die trotz ihres unermesslichen Leids um ihr eigenes Leben und um das anderer kämpfen und sogar ein Stück Hoffnung bewahren. Ihre Stimmen öffentlich zu machen, gibt diesen Palästinenserinnen und Palästinensern ein Stück Würde zurück.
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