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Fazit | Beitrag vom 08.10.2020

Saisoneröffnung der Münchner Kammerspiele mit "Touch"Gemeinschaft in der Vereinzelung

Von Christoph Leibold

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Ein Mann mit Fell und Maske bekleidet breitet auf der Bühne die Arme aus (Sigrid Reinichs)
Trotz unerfreulicher Begleitumstände ein erfreulicher Auftakt: "Touch". (Sigrid Reinichs)

Barbara Mundel startet als neue Intendantin der Münchner Kammerspiele. Mit "Touch" von Falk Richter zeigt das Haus ein Stück, das sich mit der Coronakrise auseinandersetzt. Nicht als Katastrophe, sondern als Katalysator für notwendigen Wandel.

Dass die Theater derzeit wegen der Corona-Abstandsregeln nur einen Bruchteil des üblichen Publikums einlassen dürfen, ist für alle bitter. Die Münchner Kammerspiele aber trifft diese Situation besonders hart, ist dort doch mit Barbara Mundel eine neue Intendantin angetreten. Zu so einem Neustart gehört eigentlich eine brechend volle Eröffnungs-Premiere samt rauschender Party im Anschluss, damit sich das Publikum und die neue Theatertruppe möglichst rasch näherkommen. Das jedoch ist derzeit undenkbar. So blieb Mundels Mannschaft zum Auftakt nur die Darbietung auf der Bühne, um die (wenigen) Zuschauer*innen zu berühren. Die Eröffnungspremiere ging das Problem offensiv an: "Touch", also "Berührung", haben Autor und Regisseur Falk Richter und Choreografin Anouk van Dijk ihre gemeinsame Stückentwicklung zwischen Sprech- und Tanztheater betitelt. 

Eisschollen im Bühnen-Meer

Auf der Spielfläche verteilt liegen künstliche Eisplatten, so vereinzelt wie echte Schollen im Meer. Ähnlich einsam irrlichtern die Tänzer*innen und Schauspieler*innen anfangs auf der Bühne umher, getrieben von frostig kühlen Elektro-Sounds. Sie weichen einander aus, meiden die Begegnung. Das ist einerseits den geltenden Hygieneregeln geschuldet (auch auf der Bühne ist ein Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten), andererseits Erzählprinzip und Thema des Abends. Später stecken mehrere Darsteller*innen in Plexiglashäuschen, wo sie gegen die durchsichtigen Wände anrennen, nervös wie Fliegen unterm Glassturz.

So wie die Choreographie von Anouk van Dijk von Berührungsängsten auf der einen, und der Sehnsucht nach Nähe auf der anderen Seite erzählt, bündeln auch die Texte, die Falk Richter für diesen Abend geschrieben hat, die gängigsten Facetten von Reaktionsweisen auf und Gemütszuständen durch Corona: Verschwörungstheoretisches und Untergangsprophetisches. Überforderung, Verunsicherung und Vereinsamung.

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Im steten Wechsel zwischen Tanz und Text entwickelt "Touch" schnell seinen – durchaus ansprechenden – Spielrhythmus. Was jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Aufführung inhaltlich lange nicht vom Fleck kommt. Da ist vieles allzu bekannt und auch redundant.

Aber das ändert sich zum Glück ab etwa der Mitte des Stücks. Glich der Abend bis dahin einer gegenwartsdiagnostischen Bestandsaufnahme, blickt er fortan aus einer imaginären Zukunft zurück auf diese Gegenwart, die dadurch als Umbruchzeit erkennbar wird; als Zeit einer durchaus notwendigen Transformation. Die Angst vor dem sprichwörtlichen "Ende der Welt, wie wir sie kannten" durch Corona erweist sich aus dieser Perspektive vor allem als Sorge einer wohlhabenden, westlichen, weiß dominierten Gesellschaft, die den Verlust ihres privilegierten Lebensstils fürchtet. 

Marie-Antoinette gegen Flüchtlinge

Zur Veranschaulichung schlägt Falk Richter hier nun die Brücke zurück in die Vergangenheit und lässt Marie-Antoinette auftreten. In einem fulminanten Solo, ausstaffiert mit Reifrock und Perücke wie einst die Königin, die in der französischen Revolution auf dem Schafott endete, echauffiert sich Schauspielerin Anne Müller über das Volk, das sie immerfort enthaupten wolle, aber auch über Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, weil sie nicht schwimmen können, und freut sich wie einst Bundesinnenminister Horst Seehofer über die Abschiebung von 69 Asylbewerbern zum 69. Geburtstag.

Solche Marie-Antoinettes gibt es eben immer wieder, damals wie heute, und es spricht einiges dafür, dass auch ihre Wiedergänger*innen unserer Tage Auslaufmodelle sind; und ihre Abwehrreflexe gegen eine gerechtere Verteilung von Wohlstand und Vorrechten ein letztes Aufbäumen gegen die überfällige Abschaffung der Schranken von class, race and gender.

Corona als Chance?

So gesehen wäre Corona keine Katastrophe, sondern ein Katalysator, der den notwendigen Wandel in der Welt beschleunigt. Das ist der spannende Gedanke, der diese Eröffnungspremiere trotz unerfreulicher Begleitumstände zu einem erfreulichen Auftakt macht. 

Nach dem Schlussapplaus tritt Neu-Intendantin Barbara Mundel vor die ausgedünnten Zuschauerreihen, und spricht – in Ermangelung einer Premierenfeier – wenigstens von der Bühne herab ein paar Worte des Willkommens an die Anwesenden, die an diesem Abend noch mehr als sonst bei (Eröffnungs-)Premieren eine Fachöffentlichkeit vertreten. Etwa 200 Menschen durften die Aufführung besuchen, rund ein Drittel waren Kritiker*innen und Theaterleute, nur der Rest "normale" Besucher*innen.

Schon vor der Vorstellung hatte Barbara Mundel – mit Maske und Abstand, versteht sich – die Ankommendem im Foyer begrüßt. Ihr Versuch, auch ohne Handschlag die Intendantin zum Anfassen eines Theaters zu geben, das eigentlich keine Berührungsängste haben will. 

"Touch"
Text & Regie: Falk Richter
Regie & Choreographie: Anouk van Dijk
Münchner Kammerspiele

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